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Deutsch sein = mürrisch sein? Geht diese Gleichung auf? Seit gestern bin ich so kurz davor zu sagen „Zweifelsohne, ja!“, wie nie zuvor. Wieso? Lest selbst:

Ich glaube ja nicht an Zufälle. Ich bin eher so der Verfechter der Karma-Theorie. Deshalb kann es meines Erachtens nach gar kein Zufall sein, dass ausgerechnet heute im Shuttle zurück vom Flughafen, so ziemlich jedes Paradebeispiel des lebenden Vorurteils über Deutsche sitzt.

Tatsächlich ist mir schon häufiger, vor allem nach Urlauben und Wochenendausflügen in eines unserer Nachbarländer (kleiner Tipp am Rande: die Schweiz wirkt unwahrscheinlich entschleunigend), aufgefallen, dass der Durchschnittsdeutsche häufiger gestresst als nicht ist. Häufiger mürrisch, häufiger kauzig und vor allem Meister darin, sich zu beschweren.

Ich erinnere mich, dass ich einmal ein – verhältnismäßig stressiges – Wochenende in Bern hinter mir hatte. Und mit Stress meine ich, wenig geschlafen zu haben, viel gefeiert und gearbeitet. Montags stand ich dann beim Einkaufen an der Kasse. Die Schlange war – wie zu erwarten – recht lang. Jetzt stand ich da noch keine zwei Minuten und schon fingen die Leute vor und hinter mir an, sich zu beschweren. Darüber, dass man keine weitere Kasse aufmache, darüber, dass die Kassiererin so langsam wäre, darüber, dass ja alle ausgerechnet heute und jetzt einkaufen müssten, statt an einem anderen Tag. Klassiker. Jeder, der mit halbwegs offenen Augen durch die Gegend läuft, kennt das Szenario so oder so ähnlich.

Nun erwischte ich mich nach besagt anstrengendem Wochenende in der Schweiz dabei, wie ich komplett entspannt in dieser ewig langen Schlange stand und dachte: worüber regt ihr euch eigentlich auf? Schneller geht’s durch das Geschimpfe auch nicht. Und außer Nerven habt ihr zudem noch eure gute Laune verloren. Entschuldigung?! So kann das Leben ja keinen Spaß machen… Ich hätt‘ mich genauso aufregen können. Darüber, dass ich jetzt schon die zweite Straßenbahn vorbeifahren seh‘, darüber, dass ich meinen Lieblingskäse, weswegen ich ja überhaupt nur in diesen Laden gegangen war, nun nicht mehr gekriegt hätte. Oder aber über den Hunger in der Welt, die Kriege, den Hass und Rassimus. Wobei letztere etwas weit gegriffen sind, aber wenigstens einigermaßen sinnvoller Anreiz, sich aufzuregen. Stattdessen stand ich komplett entspannt, entschleunigt und gar fast schon meditativ in dieser Schlange und wartete darauf, dass ich mein Zeug auf’s Band legen könne.

Immer wieder, wenn ich in Versuchung komme, mich über Dinge aufzuregen, die alltäglich sind oder die ich ohnehin nicht ändern kann, versuche ich, an diesen schon fast zenhaften Moment meiner (Selbst-) Erkenntnis zurückzudenken. (Wobei ich zugeben muss, als Bahnfahrerin fällt mir das zuletzt bisweilen etwas schwer. Aber sei’s drum.)

Nun sitze ich also in diesem Shuttlebus, der mich vom Flughafen in meine Heimatstadt bringt, zusammen mit den murrigsten Knurrköpfen, die Deutschland, glaube ich, zu bieten hat. Von vorne:

Ich bin gelandet, 20 Minuten früher, als geplant, hatte aber das Glück, dass mein Shuttle etwa 40 Minuten nach meiner Ankunft gefahren wäre. So musste ich nun eben eine Stunde warten. Was soll’s. Lieber so, als hektisches, kopfloses Rumgestresse, um am Ende den Bus gar noch zu verpassen. (Oder er kommt erst gar nicht, alles schon gehabt, haha…)

Nun fährt dieser Shuttle nicht jede Stunde, nicht jede halbe, er fährt vier, fünf Mal am Tag. Das weiß man, wenn man sich vorab erkundigt und das ist einfach so. Klar, wär’s schöner bzw. bequemer, würde er öfter fahren, aber der Busunternehmer wird seine Kosten-Nutzen-Rechnung schon betrieben haben. Egal. Ich hab mir also am Flughafen ein Ticket gekauft für den Shuttle (hätte ich auch direkt beim Fahrer machen können, aber ich musste ja ohnehin Zeit rumkriegen). Das Ticket bestand aus zwei Teilen, die nur durch eine Prägung zusammengehalten waren – ein Teil als Quittung für mich, der andere für den Busfahrer. Alles gut, alles fein. Ich erkundige mich schnell noch, wo der Bus fährt und nach einer kurzen kurze-gegen-lange-Hosen-Tauschaktion auf der Toilette, geh ich also an die Haltestelle.

Ich setz mich dort auf eine Bank, mit Blick auf den Steig, damit ich sicher mitkriege, wenn der Bus kommt (ich hab auch schon Busse und Bahnen so verpasst, weil ich unaufmerksam war). Ein bisschen Geschreibe mit meinem Freund und eine Zigarette verkürzen mir die Wartezeit, als ich auf halbem Ohr das Gespräch eines älteren Paares mithöre, das mir gegenüber sitzt. Die Fetzen, die von diesem Gespräch an mein Ohr dringen, lassen schnell erkennen, dass es mit Toleranz bei den beiden älteren Herrschaften nicht weit her ist. Der Klassiker eines jeden Tätowierten: Läster, Zeter und Mordio! Wie kann man nur, warum denn das, verunstalten, ichmachmichdaimmerlustigdrüber, hatbestimmtkeinjob, Bla. Bla. Bla. Ich überlege kurz, ob ich irgendwas Spitzfindiges auf Lager hab, das ich den beiden an den Kopf werfen kann. Entscheide dann aber, dass es mir einfach zu dumm ist. Außerdem musste ich gerade für einen weiteren Monat Abschied von meinem Freund nehmen. Sch**ß also was drauf. Lass die lästern.

Wenige Minuten später. Der Bus fährt vor, der Fahrer teilt die Gepäckstauräume nach Stadt auf. Als die Taschen und Koffer dann verstaut sind, zündet er sich eine Zigarette an und sagt, dass diejenigen, die bereits ein Ticket haben, schon einsteigen könnten, die andern können ihr Ticket kaufen, wenn er fertig ist mit rauchen. (O.-Ton: „Während ich rauche, möchte ich nicht verkaufen.“) Ich finde die Nummer eigentlich ziemlich fair, auch weil sicher nicht jeder zugequalmt werden will. Aber andere fangen bereits hier an, sich aufzuregen. Das ältere Paar von eben drückt dem Fahrer ein Ticket in die Hand und will einsteigen. Dumm nur, sind sie zu zweit, haben aber nur ein Ticket. (Ich sach‘ ja: Karma.)

shuttle-ticket Sind eigentlich nur wir Deutschen so?
Ein Teil des Shuttle-Tickets. Der andre Abriss verbleibt beim Fahrer. Es ist also ein zweiteiliges Ticket, nicht zwei Tickets.

Der Fahrer erklärt etwas forscher, aber mit einem gewissen derben Humor, dass es nicht sein Problem sei, wenn die Dame zwei Tickets bezahlt aber nur eines erhalten habe, das müsse sie mit der Person am Verkaufsschalter klären, er könne nichts machen, außer ihnen ein neues Ticket zu verkaufen. Natürlich müsse aber der Bus auf sie warten, wenn die Dame nun den ganzen Weg zurück zum Flughafengebäude laufen müsse, um die Angelegenheit zu klären. (Muss er?) Er nur furztrocken: „Sie haben ja noch 10 Minuten.“

Sie also weg, ich rein und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Nehme meinen Platz ein und beobachte: ein junger Kerl, keine 18, wenn’s nach mir geht, steigt ein, kauft sich beim Fahrer ein Ticket. Folgender Dialog:

Fahrer: „Warum lachst Du denn nicht? Warum bist Du so ernst?“

Typ: „Ich bin eben ein ernster Mensch…“

Fahrer (schüttelt den Kopf und murmelt hörbar vor sich hin): „Ernster Mensch, Mann, Mann, Mann…“

Ich denke bei mir, wie leid mir der Jungspund tut, dass er so furchtbar ein ernster Mensch sein muss. Während der Fahrt soll später mein Blick immer mal wieder rüberwandern zu ihm, nur um zu sehen, dass der Kerl tatsächlich keine Miene verzieht. Irgendwie find ich das traurig. Für ihn, als auch für uns Deutsche, die nachher wegen solcher Miesepeter um ihren guten Ruf fürchten müssen.

Dann steigt eine Frau ein. Ich schätze sie so auf stabile 40, 42. Sie will ihr Ticket kaufen und beschwert sich erst einmal beim Fahrer darüber, dass sie ja nun schon seit Stunden auf den Shuttle warte.

(Der Fahrer tut mir echt leid, angesichts den Leuten, mit denen er sich rumplagen muss.)

Er sagt zu ihr: „Sehen Sie, so ist eben der Fahrplan. Tut mir leid, dass sie so lang gewartet haben, aber ich kann’s nicht ändern. Die Abfahrtszeiten sind so.“

Sie: „Ja, nur die Flüge orientieren sich eben nicht an den Abfahrtszeiten…“

(An Absurdität ist dieses Gespräch nur durch das der beiden Passagiere auf meinem Hinflug zu überbieten. Ehrlich.)

Sie nimmt Platz.

Kurz darauf steigt ein junges Paar ein, etwa mein Alter. Und fängt prompt an, darüber zu schimpfen, wie doof doch dieser Busfahrer wäre, dass er bestimmt auf die alte Dame, die eben zurückgelaufen war, nicht warten würde. Mecker, schimpf, künstlich aufreg. Ich rolle innerlich (ich glaub‘ zumindest, es war nur in Gedanken…sicher bin ich aber nicht) mit den Augen und denk mir: Mensch Leute, ihr seid gerade aus dem Urlaub zurück und seid echt schon wieder so schräg drauf? Oder waren die im Urlaub auch so? Ich kann mir auch vorstellen, dass die von dem Schlag Mensch sind, dem das Essen im Hotel nicht gut genug, die Matrazen nicht hart (oder weich, wobei das in Italien selten das Problem ist) genug und die Strandabschnitte nicht nah genug am Hotel sind. Diese Art Mensch, die immer und an allem etwas zu meckern und auszusetzen hat. Wie anstrengend muss so ein Leben eigentlich sein. Humorlose Meckerköppe.

Zwischenzeitlich sieht man von weitem die alte Dame heraneilen. Ihr Mann lobt sie später für den Marathonlauf (wtf?!). Sie kommt zurück, hochroter Kopf, eine Mischung aus Anstrengung und Aufregung, nehme ich an, und fuchtelt wild mit den Armen. Statt nun aber einfach froh zu sein, dass sie das Ticket hat, der Bus noch da ist, legt sie direkt wieder los: „Na dort ging das jetzt aber ohne Probleme, verstehe nicht, wieso bei Ihnen das nicht ging…“ Der Fahrer: „Na, weil ich ja nicht weiß, ob Sie das Ticket wirklich bezahlt haben.“ Ein bisschen hin und her später ist dann das Rentnerpaar auch endlich im Bus. Sie schießt noch ein letztes Mal: „Aber was ein Glück, war ich wenigstens pünktlich, nicht wahr? Sonst hätt’s gleich deshalb nicht geklappt.“ Der Fahrer versucht den Wind aus den Segeln zu nehmen und klarzumachen, dass er zuvor gescherzt hatte, als er angedroht hatte, nicht auf die resolute Grauhaarige zu warten, sei sie zu spät. Angekommen ist das bei ihr aber bis jetzt noch nicht. Und wir sind nach 2 Stunden Fahrt fast am Ziel.

Wenigstens hat sie sich ab da zurückgehalten. Anders als das junge Paar hinter mir, die dem Fahrer sonstwas unterstellt hatte, weil auch ihnen der Humor abgeht und sie den eben besagten „dummen Spruch“ nicht als solchen zu erkennen vermochten.

Ich weiß nicht, ob es noch andere Nationen gibt, über der das Vorurteil der Humorlosigkeit hängt, wie ein Damoklesschwert, aber heute hat es sich meines Erachtens für die Deutschen vollstens erfüllt.

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