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Irgendwann lege ich noch mal ’ne Liste an, wie oft mein Freund im Gespräch mit anderen Entschuldigung sagt.

Im Italienischen „entschuldigt“ man sich – aus deutscher Sicht – gefühlt ständig. Sei es, wenn man jemandem widerspricht (ma scusa / ma scusi) oder wenn man um eine Information bittet (scusa ma /scusi ma).

Eine kleine Randbemerkung an dieser Stelle: Dieses scusi beim Siezen bzw. scusa beim Duzen ähnelt vom Gebrauch her ein wenig dem englischen sorry. Es ist also keine Entschuldigung im Sinne von um Verzeihung bitten, wenn man einen Fehler gemacht hat, kein „Gnadenersuch“, keine Abbitte also. Will man „ernsthaft“ um Entschuldigung bitten, so verwendet man die beiden Formen aufgrund ihrer Infinitivnatur genau umgekehrt, als scusa beim Siezen und scusi beim Duzen.

Für uns Deutsche sind Höflichkeitsfloskeln ja eher Bitte und Danke – und, wenn ich das so sagen darf, selbst die finden relativ wenig Anwendung.
Natürlich bedankt sich der Italiener auch, natürlich sagt er auch bitte. Aber mit scheint, die ultimative Höflichkeitsform dort ist scusa (oder scusi, wenn man sich siezt).

Aufgefallen ist mir das, als ich damals, da wohnte mein Freund noch in Bologna, in Mailand gelandet war (preislich günstige Flugverbindungen bedeutet leider nicht immer auch anbindungstechnisch günstig gelegene Flughäfen) und mir dort am Bahnhof – stolz wie Bolle, dass ich mich überhaupt getraut hab, mit einem Fremden auf Italienisch zu sprechen – am Schalter ein Ticket kaufte.

Ich fragte, ob ich wohl den nächsten Zug noch schaffen würde. Mein italienisches il prossimo treno per Bologna, lo riesco ancora wies bei genauerer Betrachtung zwei ((für mich persönlich) mehr oder (für jeden anderen wahrscheinlich) minder gravierende) Fehler auf.

1. Wird riuscire nicht in dieser Form benutzt. Wenn, dann hätte ich sagen müssen: il prossimo treno per Bologna, lo faccio ancora, oder zumindest: il prossimo treno per Bologna, lo riesco a prendere ancora.
2. Ich war sooo deutsch! 😀 Zwar hatte ich den Angestellten am Schalter natürlich begrüßt, aber das quasi-obligatorische scusi hab‘ ich weggelassen.

Wie unhöflich und typisch-touristisch ich gewirkt haben muss, fiel mir ob des Zeitdrucks (es waren wirklich nur noch wenige Minuten, bis der Zug abfuhr) erst hinterher auf. Wäre es nicht viel „italienischer“ gewesen, zu sagen: Scusi, ma il prossimo treno per Bologna, lo faccio ancora?
Wenn man ganz streng sein will, könnte man auch das mangelnde Futur (lo farò ancora) auch noch ankreiden, aber ich das funktioniert wie im Deutschen, da geht beides. Das allerdings mach ich nun nicht an grammatikalischer Sprachsicherheit meinerseits fest, sondern daran, dass mein Freund es nicht „bemängelt“, wenn ich in ähnlichen Konstruktionen das Präsens statt des Futurs benutze. Einigen wir uns darauf, dass man es zumindest versteht. So oder so.

Ich weiß nicht, ob dieser giro über Mailand in der Zukunft nochmal nötig sein wird, entsprechend weiß ich auch nicht, ob ich besagtem Schaltermenschen nochmal begegnen werde – und wenn, ob ich mich dann so gut an ihn erinnere, wie ich glaube, es zu tun.

Aber wenn … hab ich irgendwie das Bedürfnis, mich bei ihm zu entschuldigen. Wie wäre es mit einem potenziert-höflichen: Scusi che l’ultima volta che ci siamo incontrati non ho detto scusi? Nee, kommt wahrscheinlich auch doof.

Peinlich war – und ist – es mir trotzdem immer noch ein bisschen. Das mag daran liegen, dass ich sehr kritisch mit mir bin und nicht gerne Fehler mache. Es liegt aber mit Sicherheit auch daran, dass ich ein wenig (zu) sehr danach strebe, eine Sprache möglichst muttersprachsgetreu beherrschen zu wollen. Und dazu gehören eben gängige Floskeln und Redewendungen genauso, wie Aussprache.

Im Englischen hör ich immer wieder, ich klänge wie ein Native Speaker. Englisch spreche ich allerdings auch bereits seit über 20 Jahren und hab es studiert. Italienisch gerade einmal insgesamt seit 2 bis 3 Jahren. Aber grundsätzlich ist das fürs Italienische auch mein Ziel. Und hier und da wurde mir auch schon der ein oder andere Akzent bescheinigt (logisch, ich lerne von einem Molisano, da bleibt es ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht aus, dass man dialektale Färbung mitkopiert), aber bis ich so weit bin das wirklich drauf zu haben, wird wohl noch so einige Zeit ins Land ziehen. (Immerhin beginne ich langsam den termolesischen Dialekt zu verstehen – und was soll ich sagen?! Ein bisschen stolz bin ich darauf ja schon…) Und bis dahin, versuche ich weiter zu erforschen, wann genau und wo scusa / scusi eingesetzt wird und es entsprechend kopiert anzuwenden.

Ihr entschuldigt mich…?

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