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Dass es ausgerechent im erzkatholischen Italien so eine weit verbreitete Kultur des Aberglaubens gibt, ist immer wieder zwar auch ironisch, aber auch spannend zu beobachten.

Als wir beim letzten Winterschlussverkauf auf ein Paar tolle Stiefeletten aufmerksam geworden sind, zum Beispiel, war ich trotz großem Sconto immer noch unsicher, ob ich denn wirklich so viel Geld invesitieren sollte. Da meinem Freund die Stiefel – und diese wiederum an mir – so gut gefallen haben, wollte er mir etwas Gutes tun und sagte: „Ich zahle die Hälfte und Du die andere.“ Er würde sie mir gerne auch schenken, aber Schuhe schenke man in Italien traditionell nur Toten. Einer lebendigen Person Schuhe zu schenken brächte also Unglück.

Nächstes Mal such ich mir wohl lieber eine Tasche oder Unterwäsche aus oder so was… 😉

Der Aberglaube ist in Italien ein Teil des Alltags, so, wie die Gestik ein Teil der Sprache ist. Und im Unglück bzw. darin, es abzuwenden, vereint sich das erst so richtig.

hoerner_nach_unten Aberglaube all'italiana
„Das sieht nach Unglück aus…“

Folgende Geste kennt man ggf. daher, dass man sie auch zeigt, wenn man beispielsweise einen Mann darauf hinweisen möchte, dass er von seiner Frau betrogen wird oder wurde. Dass er also der Gehörnte ist >>

Sie wird aber auch angewendet, wenn man grundsätzlich über einen (möglichen) Unglücksfall spricht. Und wie es mit dem Gestus der Italiener eben so ist, ist auch das Zeigen der Hörner ein Akt von Sekunden, wenn nicht gar Milisekunden.

Sie blitzt also quasi nur so lange auf, wie das Unglück tatsächlich wörtlich erwähnt, also, ausgesprochen wird. Dieser Habitus soll vor allem das Unglück von demjenigen abwenden, der darüber spricht. Und das gilt nicht zuletzt auch, wenn man über den Fakt des Betrogenwerdens eines anderen spricht. Denn wer möchte schon selbst im Zweifelsfall als „der Gehörnte“ sein?!

Interessant fand ich aber Folgendes:

Laut meinem Freund gibt es noch zwei weitere Gesten mit der gleichen Funktion. Wenn er über ein Unglück spricht, fasst sich der Mann währenddessen an den Schritt (oder deutlicher formuliert: si tocca le palle), die Frauen an die rechte Brust:

griff_in_den_schritt Aberglaube all'italiana
So wehren Männer Unglück ab – kommt bei mir natürlich nicht so richtig zur Geltung… 😀
griff_an_die_rechte_brust Aberglaube all'italiana
So wehren Frauen Unglück ab… 😀 Dauert wie immer nur einen kurzen Augenblick lang

Als ich das gehört hab, musste ich erst einmal laut loslachen. So etwas ist uns Deutschen völlig fremd. Und irgendwie sexualisiert es den Aberglauben auch ein wenig, was umso spannender ist, im Lichte des Katholozismus und der sonstigen Einstellung, dass zum Beispiel ein Paar erst dann im gemeinsamen Zimmer oder gar Bett schlafen darf, wenn es verheiratet ist. La superstizione è ancora viva tra la gente… Und zwar sehr… 😀 *



Aber so absurd es auf den ersten Blick scheint, es ist doch irgendwie auch ein sympathischer Wesenszug der Italiener. Und vor allem ein Ihnen ganz eigener. Allerdings ist es nicht immer ganz einfach, als Außenstehnder zu begreifen, was nun also alles porta sfortuna. Vieles kommt überraschend, anderes ist eher offensichtlich. Wieder anderes erschließt sich einem erst auf den zweiten Blick oder wenn man es sich erklären lässt.

Aber grundsätzlich ist nichts und niemand sicher vor dem Unglück!!!

Noch ein Beispiel gefällig?
Wenn man einem jungen Mädchen oder einem kleinen Jungen sagt, sie bzw. er sei eine bella ragazzina bzw. ein bello ragazzino muss man ihr oder ihm dabei in die Wange kneifen, während man das sagt.
Wenn man den Knuff in die Pausbacken weglässt, bringt das nämlich – was auch sonst?! – Unglück für die figlioli. Und wer will am Ende schon dafür verantwortlich sein, Unglück über den (eventuell eigenen) Nachwuchs gebracht zu haben… 😉


P.S. Die nonna meines Schatzes kennt auch noch die Tradition des „Bösen Blickes“, über den ich zu gegebener Zeit noch etwas schreiben möchte, denn mit ein bisschen Glück, krieg ich sie vielleicht dazu, ihn für mich zu lesen………?! 🙂

* Im Süden wohl noch mehr, als im Norden…wenn man den Norden nicht unbedingt als kleine Bergdörfer in den Dolomiten ausdehnt…

Comments

  1. Mit deinen Beobachtungen hast du völlig recht. Ich erlebe das auch jeden Tag. Wenn meine Schwiegermutter Personen begegnet, von denen sie glaubt, diese wären ihr nicht wohlgesonnen, dann macht sie auch hinter’m Rücken schnell die Hörnergeste. Unglück wendet man übrigens wohl am besten mit Hörnern ab, die wie eine Chilischote aussehen. Das war das erste, was wir in unserer Wohnung nach dem Kauf anbringen mussten. *lol*

    Ich fand diesen Aberglauben erst auch komisch, aber wenn man bedenkt, dass da auch „Glauben“ drinsteckt, ist es vielleicht nicht mehr so verwunderlich. Wer an das Eine (Gott) glaubt, kann das Andere (das Böse) nicht ausschließen. 😉

    …da fällt mir ein; den bösen Blick kennt man hier unten auch noch.

    • Ich finde das ein irrespannendes Thema….Ich werde das auf jeden Fall weiter beobachten und meinen Blick dafür schärfen. Und mit den Chilihörnern im Haus (schöne Geschichte übrigens hehe) kann ja nichts mehr schief gehen bei euch 😉 Umso besser, wo ihr jetzt zu dritt seid…auguri nochmal auch an dieser Stelle!

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