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Ganz egal, wie gut man vermeintlich eine Fremdsprache spricht – akzentfrei oder seit Jahrzehnten mit unzähligen Urlauben und Travel-and-Works und wasweißich noch alles -, es wird immer Diskurse geben, die man besser beherrscht und welche die man schlechter beherrscht.

Das können politische Diskurse sein, berufliche oder private. Woher ich das weiß?! Weil ich grade frisch und mit einer halben Flasche Weißwein (deutschem – aus Protest 😉 ) in der Blutbahn aus einem solchen komme.

Genau genommen war es mal wieder ein Streit. Wahrscheinlich ist es derselbe Streit, der seit Monaten unter der Oberfläche schwelt, weil unsere Leben seit Anfang August nebeneinander her statt miteinander verlaufen und das gar nicht mal so geil ist. Weil über Whatsapp eben leichter Streitereien aufkeimen, als wenn man sich im echten Leben gegenüber sitzt und Körpersprache lesen kann, bei Bedarf nachfragen kann oder man den täglichen Ablauf des anderen mitkriegt. Das sind die Momente, in denen Fernbeziehungen echt sch**ße sind.
Und noch…sch**ßer (wie ist die Steigerung davon?!), wenn einer von beiden die Sprache, auf die man sich – bewusst oder unbewusst – geeinigt hat, in bestimmten Diskursen nicht richtig beherrscht.

Wir haben also zwei Faktoren: Schlechte Sprachbeherrschung und Kommunikation über Medien statt faccia a faccia.

Da kann man Dir im Alltagsdiskurs noch zehnmal sagen, wie gut Du die jeweilige Sprache sprichst – mittlerweile glaube ich, würde es mir sogar mit Englisch, das ich seit 20 Jahren spreche und studiert habe, so gehen -, in Ausnahmesituationen gewinnst Du im Zweifelsfall keinen Blumentopf damit.

Aber oben genannte Kombination führt unweigerlich zum Streit. Egal wie kindisch das scheinen mag, sowas über Whatsapp auszutragen – Skype hat versagt heute -, es geht Dir mindestens so an die Nieren wie jeder andere Streit in persona auch. Vielleicht sogar mehr, weil wesentliche Elemente eines Streits faccia a faccia fehlen.

Fassen wir zusammen: Streitsituation in einer Fernbeziehung + Fremdsprache. Das Ergebnis ist in meinem Fall eine Konfrontation mit meinen Verlassensängsten und eine Flasche Grauburgunder. 🙁

Versteht mich nicht falsch. Grundsätzlich ist es eher von Vor- denn von Nachteil, sich und seine Emotionen in einer Fremdsprache wiedergeben zu müssen.

Warum?

Weil man mehr nachdenken muss. Man sagt weniger Dinge im Affekt. Weil man das, was man ausdrücken möchte, erst nochmal betrachten muss, um es in eine andere Sprache zu übersetzen. Man dreht und wendet eine Formulierung so lange, bis sie den Sinn ergibt, den man sucht. Auf dem Weg dorthin aber, verliert eine Emotion an Wucht. Das heißt man kann den Kern der Sache aus mehr Distanz betrachten. Reflektiert mehr. Und am Ende lernt man, sich selbst besser zu verstehen und vielleicht auch, seine Gefühle in den Griff zu kriegen. (Für mich persönlich ein sehr wichtiger Faktor. Warum, würde an der Stelle aber zu weit führen.)

Das heißt natürlich auch, dass je besser man eine Sprache spricht, desto weniger trifft dieses Phänomen zu Tage. Wie dem auch sei…

Das Problem in bestimmten Diskursen ist, dass man die Dinge nicht immer oder zumindest nicht immer gleich richtig versteht. Das kann grundsätzlich daran liegen, dass eine Fremdsprache immer besser ausgebaut ist auf den Gebieten, auf denen man sie anwendet – eine Simultandolmetscherin im Europaparlament hat sicher einen anderem Wortschatz zur Verfügung, als ich…zum Beispiel. Kommt man dann in Ausnahmesituationen – bei besagter Simultandolmetscherin wäre das vielleicht ihre Einkaufsliste, die wiederum mir weniger Probleme macht – gerät man schnell an seine Grenzen.

In meinem Fall war das nun einmal wieder ein Streit. Und der Umstand, dass ich bestimmte und leider elementare Aussagen meines Freundes nicht verstanden habe. Bzw. erst nachdem er sie mir sozusagen auf mein Sprachlevel downgegraded hat.

…das ist mit ein Grund, warum ich oft sage, parlo l’italiano solo un po’ wenn mich jemand fragt. Denn eine Sprache zu sprechen und sie sprechen, sind eben zwei paar Schuhe.

Das Doppel-F, Fernbeziehung und Fremdsprache, ist nicht immer unbedingt einfach.

In – ich glaube – Philadelphia sagte Denzel Washington als Anwalt einmal: Erklären Sie mir das, als wäre ich sechs Jahre alt. In etwa so fühle ich mich in solchen Momenten. Total aufgeschmissen und mit schlechtem Gewissen, weil ich den eigentlichen Diskurs verlassen muss, um ihn zu verstehen. Das macht es sicher auch für meinen Freund nicht einfach – und das Wissen darum lässt meine Ängste im Gegenzug nicht gerade weniger werden.

Man könnte es als Teufelskreis sehen. Oder als Zeichen dafür, dass wir beide nicht für Fernbeziehungen gemacht sind und dieser Situation möglichst schnell ein Ende setzen müssen.

Puh! Das war jetzt aber nötig!

Comments

  1. Aus eigenem Erleben kann ich Dir sagen, dass es face to face auch nicht unbedingt einfacher wird, da man sich, je mehr man sich aufregt, desto mehr auch blockiert. Da sind die Worte dann plötzlich nur noch in der eigenen Sprache da und in der Fremdsprache stottert man herum wie ein Idiot. Sonst bleibt einem nur Dein erster Weg der Reflektion übrig, wobei der Dampf verpufft und man am Ende irgendwie zwar ruhiger sprechen kann, aber doch irgendwie so defensiv daherkommt, dass der andere gar nicht merkt, wie sehr man verärgert war.

    Ich wünsche Dir, dass alles nur ein Missverständnis war, und Du die Flasche Grauburgunder wieder wegstellen kannst. Ihr kriegt das schon hin! Auch auf die Distanz. Die italienische Telekom hat übrigens einen Option Deutschlandflat für 10 Euro.

    Ganz liebe Grüße,
    Corinna

    • Leider war es kein Missverständnis. Heute sagte er mir, seine Gefühle wären seit August erkaltet und vier Monate virtuelle Beziehung hätten ihm gezeigt, dass er das doch nicht könne. Ich werde demnach auch diesen Blog hier jetzt schließen, das ist einfach zu viel Erinnerung. Ich will nur warten, bis Du das hier noch gelesen hast. Danke, dass Du mich auf dieser unerwartet kurzen Reise begleitet hast! Ich wünsche Euch dreien ein ganz tolles Leben an der Hacke des italienischen Stiefels. Es war toll, Dich kennengelernt zu haben – wenn auch nur online. Ich versuch jetzt, mein Leben hier wieder in normale, deutsche Singlebahnen zu lenken. Ganz viel Liebe und Glück Euch und nochmal danke für alles – deinen Zuspruch und deine Erfahrung!

      • Hey, Du, wenn es Dich nicht zu traurig stimmt, dann komm’ uns doch nächstes Jahr besuchen! Dann hast Du nicht umsonst so viel Italienisch gelernt.

        Ich finde es schade, dass er nur so kurz durchgehalten hat, aber es scheint dann doch zumindest von seiner Seite nicht die “große Liebe” gewesen zu sein. Ich glaube aber fest, dass diese Dir noch begegnen wird. In Italien oder Deutschland oder vielleicht sogar ganz wo anders auf der Welt.

        Ganz liebe Grüße,
        Corinna

        • Ehrlich gesagt, bin ich gerade nicht dieser Überzeugung, aber vielleicht werd ich das auch wieder anders sehen, wenn ich wieder heile bin.

          Ich habe ihm auch gesagt, dass ich nicht denke, dass es echt wahr,wenn seine Gefühle so schnell erkalten.
          Den Plan nach Italien zu gehen, hab ich noch nicht ganz aufgegeben, und vielleicht klappt es mit der freiberuflichkeit ja doch ausreichend gut, dass ich das noch umsetzen kann. Ohne Kontakt und jemanden, der mir hilft, ist die Überwindung und die Angst aber einfach wieder so groß.

          Auf deine Einladung komm ich gerne zurück. Hast du denn eine Mailadresse auf deinem Blog, über die ich dich erreichen kann?!

          • Ich habe doch eine E-Mail-Adresse hinterlassen, als ich den ersten Kommentar bei Dir geschrieben habe. Die nimmst Du einfach. 🙂

          • Ach stimmt, die kann ich auslesen! Danke. Mal sehn, vielleicht lass ich den Blog auch und mach ihn zum Auswandererblog, wenn es soweit ist, lösche nur die persönlichen Erinnerungen. Die zu sehr wehtun. Kann das momentan eh noch nicht angehn. Aber ich melde mich bei Dir und abonniere deinen Blog auf jeden Fall weiter! Bis bald und danke nochmal. Alles Gute für Euch

          • Ja, lass Dich nicht von einem Rückschlag entmutigen. Wenn Du diesen Traum hast, dann mach’ ihn wahr! Ich kann Dein Alter schwer schätzen, weil auch das Foto sehr klein ist, aber generell denke ich, dass wir immer wieder nach Deutschland zurück können, wenn es im Ausland nicht mehr klappt. Es gar nicht erst gewagt zu haben, bereut man vielleicht am Ende des Lebens.

            Auch Dir alles Gute! Melde Dich, wenn es soweit ist. 🙂

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