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Fundstück des Monats April

Mein Fundstück des Monats ist eigentlich kein “Stück” im Sinne des Wortes, sondern der Bürgermeister eines kleinen kalabrischen Dorfes: Domenico “Mimmo” Lucano.

Wie’s dazu kam…

Facebook spülte mir gestern die Nachricht in den Newsfeed, dass der Bürgermeister eines abgelegenen Küstendorfes in Kalabrien, einer der ökonomisch schwächsten Provinzen Italiens, vom großen Fortune-Magazin zu einem der 50 wichtigsten Menschen der Welt ernannt worden. Neben Papst Franziskus, Melinda Gates oder John Oliver und anderen Hochkarätern.

“Mimmo” steht dem Örtchen Riace in Reggio-Calabria vor. Ein kleines Dorf, das im Laufe der Zeit tausende Einwohner einbüßen musste. Von 3.000 Einwohnern schrumpfte Riace auf grade mal 400 Menschen. Die Jungen wandern ab – die Arbeit gibt’s im reichen Norden oder gar gleich im Ausland.

1998 strandete an Riaces Küste ein Flüchtlingsboot mit mehreren Hundert kurdischen Flüchtlingen, die wie so viele andere den riskanten Weg über das Mittelmeer gewählt hatten, um in Europa Frieden und eine bessere Zukunft für sich zu finden. Dass die Flüchtlinge ausgerechnet in einem strukturschwachen, kalabrischen Dorf ankamen, war für beide Seiten ein Glücksfall. Klingt komisch, ist aber so.

Bürgermeister Lucano ergriff die Gelegenheit beim Schopfe: Die leerstehenden Häuser des Dorfes wurden den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt, die sie, wo nötig, selbst wieder in Stand setzten, die Schule hatte endlich wieder eine Funktion – hier wurden und werden nun die Kinder unterrichtet, die Erwachsenen werden in die Dorf- und die Arbeitsgemeinschaft integriert. Von der Regierung bekommt Riace 35 Euro pro Tag und Flüchtling zur Verfügung gestellt, die dieses großartige Projekt und den dafür gegründeten Verein “Città Futura” unterstützen. (Zu geringeren Kosten übrigens, als so manche Flüchtlingsunterkunft kostet, in denen die Menschen zusammengepfercht aufeinanderhocken und vor lauter Nichtstun und mangelndem Kontakt zur Bevölkerung gar nicht integriert werden können und nur auf dumme Ideen kommen…)

Die gestrandeten Flüchtlinge werden in Riace ausgebildet, arbeiten mit den Einwohnern zusammen und haben zum Beispiel die Oliven und Zitronenhaine neu aufgeforstet. Das machte nicht nur das Dorf und die Region wieder lebendig, sondern hauchte auch der Bevölkerung neues Leben ein. Die Einwohnerzahl von Riace ist seit dem Beginn dieses beispielhaften Projektes wieder auf fast 2.000 gewachsen.

Viele ziehen weiter, andere bleiben, neue kommen dazu.

Die Alten – und Junge sind ja nunmal kaum noch übrig geblieben – von Riace geben zwar zu, dass sie Sorge haben, dass die Zahl der Neuankömmlinge irgendwann die einheimische Bevölkerung übersteigen könnte, aber Probleme hatten sie eigenen Angaben nach noch keine mit den Flüchtenden.

Und Domenico Lucano?

„Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht einmal, wer mich vorgeschlagen hat. […] Ich habe davon erst erfahren, als die ersten Anrufe von Gratulanten kamen. Für mich hat sich aber nichts geändert. Ich bin immer noch nur mit Leib und Seele Bürgermeister. […]“

[…] sagt er in einem Interview mit repubblica.it. Seine Stelle als Lehrer in einem Chemielabor im Norden Italiens hat er aufgegeben, zu stark war die Sehnsucht nach Kalabrien, so sehr hängt sein Herz an seiner Heimatgemeinde Riace. Klar, dass er da die Gelegenheit genutzt hat, sein Dorf vor dem Aussterben zu bewahren. Selbst der Tourismus wurde durch dieses mittlerweile fast schon 2 Jahrzehnte andauernde Projekt wieder angekurbelt, wie Lucano dem Corriere erzählt.

Am Strand von Riace ist ein Schild aufgestellt: “Freie Strände und freies Meer für jeden, der hineingeht und der ankommt.”

In Zeiten von Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte, in Zeiten, in denen populistischer und völkischer Propaganda auf fruchtbaren Boden fällt, in denen diffuse Ängste, Vorurteile und Ressentiments über der Festung Europa wabern und langsam in die Gedanken der Menschen einsickern, hat “Mimmo” verstanden, dass Flüchtlinge, trotz all den unleugbaren strukturellen, ökonomischen und sozialen Herausforderungen, vor die uns die Ankunft dieser Menschen stellt, nicht nur Belastung sind, sondern auch eine Chance sein können!

Danke, “Mimmo” für diesen mutigen Einsatz, für den humanistischen Widerstand gegen den erstarkten Nationalismus, für dein Zeichen gegen Xenophobie und für ein interkulturelles Miteinander!

3 Comments

  1. Ja, von diesem tollen Projekt habe ich schon vor einer ganzen Weile gehört. Schön, dass es Orte gibt, wo das Miteinander so gut klappt.

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