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Scheue Schönheit Neapel

Bevor ich nach Neapel gefahren bin, hielten sich die Meinungen über die Stadt in etwa die Waage. Die einen sagten, die Stadt wäre wunderschön, die anderen genau das Gegenteil. Als ich dort ankam, verstand ich recht schnell, warum.

Neapel polarisiert.

spritz_contro_crisi Scheue Schönheit NeapelEin bisschen hab ich mich dort wie bei meinem ersten Besuch in Berlin gefühlt: Wahnsinnig viel Leben und Aktivität und zwar eigentlich rund um die Uhr, wenn man möchte und egal an welchem Wochentag. Irgendwo findet sich immer noch eine Kaschemme irgendwo in einer Seitenstraße, die einen Anti-Krisen-Aperol für einen Euro anbietet.

Das Zentrum Neapels ist durch die Spaccanapoli sozusagen zweigeteilt. Spaccanapoli wird die längste Straße des Zentrums eben genau deshalb genannt, weil sie das Zentrum in zwei Teile teilt. Hier finden sich unzählige Läden, Pasticcerien, Pizzerien (die allerdings tatsächlich überall in der Stadt, am gehäuftesten allerdings in der Via Bellini und alle verkaufen natürlich “echt neapolitanische” Pizza) und was es eben noch so alles feilzubieten gibt.

Im Stadtzentrum Neapels gibt es eine “Via dei Libri” – die zwar nicht offiziell so heißt, aber gemeinhin so genannt wird, weil hier seit Jahr und Tag Bücher verkauft und angekauft bzw. wiederverkauft werden.

Egal, ob es sich um Schulbücher oder Universitätsstoff oder ganz gewöhnliche Alltagsliteratur handelt. Überhaupt habe ich in Neapel auffällig viele Läden gesehen, die Schulbücher an- und wiederverkaufen. Kluger Schachzug eigentlich.

Dann ist da noch die “Via dei musicisti” – hier findet man vom Geigenbauer zum Klavierstimmer und Instrumentenfachgeschäft alles, was das musizierende Herz begehrt. Übrigens: Jeder kennt wahrscheinlich das Klischee vom singenden Italiener…?! Hier lebt dieses Klischee! Keine Bar, in der nicht früher oder später einer anfängt, ein Lied zu schmettern. Kein Restaurant, in dem nicht wahlweise Mandolinen- oder Akkordeonspieler auftauchen und ihre Künste zum Besten geben.

Außerdem ist Neapel wahrscheinlich die einzige, zumindest mir bekannte Stadt (auch außerhalb Italiens, deshalb lass‘ ich das bewusst so stehen), in der im historischen Zentrum eher die ärmere Bevölkerung wohnt – die in großen Teilen Deutschlands aus Gentrifizierungsgründen ja weitestgehend aus ihrem angestammten Habitat in die Randbezirke gedrängt wurden.

Seit 2009 gibt es für Neapel einen Beschluss seitens der Stadtverwaltung, wonach Stadtteile, die sich die sehr aktive autonome Szene dort angeeignet hat, auch von eben jener autonom verwaltet wird. Das führt zum Beispiel dazu, dass es in der Altstadt mehrere besetzte Häuser gibt, die die Antifaschisten Obdachlosen oder Flüchtenden, die ohne Geld, Arbeit usw. in Neapel leben, zur Verfügung stellen. Ohne Mietzahlung versteht sich.

Neapel ist ein bisschen speziell. Ich sag ja, mich hat’s ein wenig an Berlin erinnert. Auf den ersten Blick dreckig, laut und chaotisch.

Auf Neapel muss man sich einlassen, um die versteckte Schönheit der Stadt am Vesuv zu entdecken. Das Panorama über das Lungomare mit eben besagtem Vulkan im Hintergrund ist dabei nur eine Facette.

Die Via Toledo, die Einkaufsstraße, die ins alte Stadtzentrum führt, ist sehr sauber, modern und aufgeräumt. Die Seitenstraßen, die von dort abgehen bieten dann aber schon wieder ein ganz anderes Bild. Schräge Hauswände, enge Gassen – ein bisschen ist es wie ein Gang in eine andere Welt, wenn man von der Via Toledo abbiegt.

Das Viertel, das sich hinter und zwischen der Via Toledo bis zu Piazza Carità erstreckt, wird das spanische Viertel genannt. Ein Stadtteil, den man vor einigen Jahren noch nicht hätte betreten können. Außer in suizidaler Absicht vielleicht. Mittlerweile ist das spanische Viertel besiedelt von Studenten und Künstlern. Und von den Alteingesessenen.

Aber hinter all dem Graubraun und Graffiti, das sich durch die komplette Stadt zieht, versteckt sich auch sehr viel Schönes. Ich glaube, Neapel kann in jeder Hinsicht durchaus mit anderen Städten mithalten. Sie serviert ihre Schönheit nur nicht jedem auf dem Silbertablett, wie es Städte wie vielleicht Venedig oder Florenz tun.

Am besten kann man das an den riesigen Palazzos Neapels erkennen, die man überall in der Stadt entdecken kann. Meterhohe Tore aus morschem Holz, mit Plakaten verklebt, mit Graffiti beschrieben, abblätternder Lack und alte Farbe. Doch wenn man einen Blick dahinter wirft, kann man wunderschöne, elegante Palazzos erkennen, deren Eleganz mit dem derben – wortwörtlich – Äußeren der Stadt so gar nichts gemein haben.

Genauso ist es mit den Menschen: Laut und derb wirken sie, was bisweilen vielleicht auch dem sehr speziellen neapolitanischen Dialekt zu verdanken ist, aber eigentlich sind es sehr herzliche Menschen, sehr aufgeschlossene Menschen. Darin zeigt sich wahrscheinlich das Partisanenherz der Neapolitaner. Jeder ist willkommen, aber er merkt es vielleicht nicht sofort! 😀

Kurz dachte ich, Neapel könnte meine Pläne mit Bari tatsächlich über den Haufen werfen. Aber nach zwei Tagen Großstadt-Nachtleben und tagsüber Dauerbeschallung durch die Nachbarn, habe ich dann doch gemerkt, dass es mir langfristig wohl zu viel werden würde. Ich bin halt doch keine Großstadtgöre. Und wahrscheinlich schon zu alt, um nochmal eine zu werden.

Hat sich’s trotzdem gelohnt, nach Neapel zu fahren? Definitiv ja! Ich mag die Stadt und werd auch bestimmt nochmal wieder kommen. Schon allein auch deshalb, weil mir die zwei, drei Tage hier nicht ausgereicht haben, um viel zu sehen. Wer also mit einem Urlaub in Neapel noch einen Besuch in Pompeij oder Salerno oder am Vesuv einplant, sollte sich mindestens eine Woche, eher zehn Tage Zeit nehmen – und die Finger von zu viel ein-Euro-Bieren und -Aperols lassen!! 😀

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2 Comments

  1. Das weckt Erinnerungen an meinen Neapel-Besuch 2005. Zehn Tage lang habe ich diese Stadt mit meinem Kunstgeschichtskurs von der Uni verschlungen. Die enge Altstadt, die beeindruckenden Castelle, Pompeji, Capri – eine unbeschreibliche Atmosphäre. Scheue Schönheit trifft auf die Architektur sicherlich zu. Bemerkenswert finde ich, wie in vielen anderen italienischen Städten auch, dass sich zwischen die Wohnhäuser plötzlich eine Kirche oder ein Palast schiebt. Teilweise wachsen Bäume aus den Fugen der Fassade, doch im Innern ist das Gebäude meist intakt. Ich müsste die Stadt eigentlich mal wieder besuchen 😉

    • Du hast mehr gesehen als ich! 😀 Ich werd genau aus dem Grund nochmal wiederkommen… Ich will unbedingt noch mehr sehen und diese einzigartige Atmosphäre nochmal aufsaugen!
      Sag Bescheid, wenn Du fliegst, ich komm mit! 😀

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