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Ich kenne sie schon aus Termoli, hab sie in Bari und in Polignano gesehen. Aber bis ich nach Neapel kam, hatten sie keinen Namen. 

Es waren einfach ebenerdige Wohnungen. Die Haustüren (oft Doppeltüren aus Glas) führen gemeinhin direkt in die Küche / Wohnzimmer. Die Decken sind niedrig, die – in der Regel auf zwei beschränkten – Räume klein. Ich fand sie schon toll, als ich sie in Termolis Altstadt das erste Mal gesehen hab. Würd‘ ich sofort einziehen. 

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In Neapels Quartieri Spagnoli, wo ich ja nächtigte, gibt es sie in den engen Gassen zuhauf. Und nun weiß ich auch, wie sie heißen: ‘Vascio’. Ausgesprochen: ‘Vasc’. 

Naja, zumindest in Neapel heißen sie so. Also, auf neapolitanisch. Denn vasc ist Dialekt für vascio. Und ‘vascio’ wiederum neapolitanischer Dialekt für ‘basso’, also tief bzw. klein bzw. unten bzw. niedrig. 

Wie aus dem b ein v geworden ist, konnte ich in meinen Recherchen zu den Vasc nicht genau rekonstruieren. Ich schätze, hierfür müsste ich eine eher linguistische Herangehensweise wählen. Wie allerdings das doppelte s aus basso zu einem scio werden konnte, kann man sich ableiten, wenn man zugrunde legt, dass das i ohnehin so gut wie verschluckt wird und im Neapolitanischen ein s wie ein latentes sch ausgesprochen wird.

[Außer es folgt ein t auf das s. Sprich: Stanza (Zimmer), wird st ausgesprochen, aber  aus wird ein leichtes scì, also eher wie die Skier im Deutschen, aber mit kurzem i-Laut, der schon fast wieder ein e ist, [ʃɪ]. (Witziger Weise werde ich von einem Freund aus Rom immer veräppelt, wenn ich so ausspreche. In Neapel ist der sch-Laut dagegen ziemlich verbreitet.)]

Überhaupt ist Neapel gleichermaßen Herausforderung wie Paradies für Linguisten: Giornata [/ʤor’nata/] wird mit j + u und hinten unbetont bis verschlucktem e ausgesprochen, also eher [ˈjɛur’natə], und Napoli ist Napule (selber e-Laut). 

Dann wieder dürfte das ohnehin auf so ziemlich jede italienische Region zutreffen. In Rom wird zum Beispiel aus der Buchstabenfolge lgi, wie in meglio, besser, ein j, also ein mejo. In Trieste spricht man sì wie sè aus. Und das ist erst der Anfang!

Aber zurück zu den Vasc. Ihr Name rührt nicht nur von der Konstruktion der Wohnungen her, sondern auch von der Bevölkerungsschicht, die darin wohnte. Die Unterschicht nämlich, italienisch: basso ceto. Laut Wikipedia lebten in Neapel 1881 105.157 Neapolitaner in 22.785 solcher Vasc. Das sind vier- bis fünfköpfige Haushalte. In zwei Zimmern wohlgemerkt. 

Mittlerweile gibt es allein in Neapel ungefähr 40.000 dieser niedrigen, ebenerdigen Wohnungen, durch deren Fenster man den Bewohnern getrost in den Teller spucken könnte, wenn man es denn wollte.

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Wenn sie nicht gerade zu Garagen oder kleinen Ladengeschäften umgebaut worden sind, hüten so manche der oft modernisierten Vasc in Neapels Altstadt auch so manchen kulturellen Schatz. 

Denn einige verfügen über ein Untergeschoss (praktisch als Keller / Vorratsraum oder um sich in Kriegszeiten darin zu verstecken), worin (oder worunter) schon so manche griechisch-römische Hinterlassenschaft entdeckt wurde. 

In Termoli hab ich solche Bassi zur Vermietung gesehen gehabt. Hätten es die Umstände nicht anders mit mir gemeint, hätte ich mir glatt eine solche Wohnung gemietet. Wer weiß … Vielleicht komm ich ja irgendwann irgendwo anders noch in den Genuss. Ich jedenfalls würde keine Sekunde zögern, wenn mir so ein Vasc angeboten würde. 

Und Ihr? Könntet Ihr Euch vorstellen, in solch einem Basso oder Vasc zu leben?



O‘ vascio

Le conoscevo ormai, sia da Termoli che da Bari e anche a Polignano li ho visti. Ma prima di andare a Napoli per me non avevano un nome.

Per me erano semplicemente case terrene. Solitamente, l’ingressi (spesso doppie porte di vetro) arrivano direttamente nella cucina / nel salone. I soffitti sono bassi, le camere – di cui di solito ne sono due – sono piccole. A me sono sempre piaciute queste case da quando le vedevo la prima volta nel centro storico di Termoli. Ci andrei ad abitare subito.  

2napoli_vasc_2 O' vascio

Nei Quartieri Spagnoli a Napoli, dove comunque dormivo, si trovano assai negli stretti vicoli. E mo‘ so pure come si chiamano: ‘Vascio’. Pronunciato: ‘Vasc’. 

Perlomeno a Napoli si chiamano così. Cioè in napoletano. Perché vasc è dialetto per vascio. E ‘vascio’ invece in dialetto napoletano significa ‘basso’. 

Come il b sia diventato un v, non sono riuscita a ricostruire durante le mie ricerche sui vasc. Perciò dovrei probabilmente scegliere un approccio linguistico. Come, invece, il doppio-s di basso poteva diventare un scio viene chiaro appena si tiene presente il fatto che la i comunque viene quasi deglutita e che a Napoli lo s è pronunciato un po‘ come un latente sc.

[Tranne se ci viene un t dopo lo s. Per esempio: Stanza viene pronunciata st, ma diventa un leggero scì ɪ] o a volte anche quasi uno scè [ʃə]. (La parte buffa è che un mio amico romano mi prende sempre in giro perché spesso pronuncio in questa maniera. A Napoli invece lo sc-suono è molto presente.)]

Tanto Napoli è una sfida ed un paradiso per i linguisti: Giornata [/ʤor’nata/] è pronunciata con j + u ed un e atono a deglutito allo fine. Quindi più [ˈjɛur’natə] e Napoli è Napule (collo stesso suono dell’e).

Poi però questo vale per quasi ogni regione italiana. A Roma per esempio la sequenza delle lettere gli come in meglio è una j, quindi mejo. A Trieste, sì è pronunciato come sè. E questo è solo l’inizio!

Ritorniamo ai vasc. Il loro nome non deriva soltanto dalla costruzione delle case ma anche dal ceto, cioè dal basso ceto che ci viveva. Secondo Wikipedi a Napoli in 1881 105.157 napoletani vivevano a 22.785 vasc. Parliamo di case a quattro / cinque persone in un bilocale. 

Adesso ci sono circa 40.000 di queste basse case terrene a Napoli. Volendo, ci si poteva sputare sulla finestra nel piatto degli abitanti.

2napoli_vasc_1 O' vascio

Se non sono venute ristrutturate e servono come garage o botteghe, alcuni degli spesso modernizzati vasc al centro storico di Napoli ritengono alcuni tesori culturali.

Perché alcuni dispongono un sottosuolo (molto utile come cantina o per nascondersi ci dentro durante la guerra) in cui (o sotto cui) viene già scoperto qualche corredo greco-romano. 

A Termoli vidi qualche basso del genere da affittare. Se le circostanze non avessero avuto altre idee con me, me ne avrei affittato uno di sicuro. Chissà … Forse un giorno ne fruirò. Non esiterei neanche un secondo se a me qualcuno offrisse uno di questi vasc. 

Che ne dite voi? Possiate immaginare vivere in un basso o vasc? 

 

 

Comments

  1. Bei meinem letzten Aufenthalt auf Sizilien habe ich eine Woche lang in so einem vascio zugebracht (wie diese Wohnungen im sizilianischen Dialekt heißen, weiß ich leider nicht zu sagen). Jedenfalls eine Erfahrung, die mir als verwöhnten Wiener gänzlich fremd war – bezeichnenderweise zeigten sie im italienischen Fernsehen zu dieser Zeit die Verflimung von “Das Parfüm”, und die Szene in der Bärenhöhle erinnerte mich stark an den “covo” inmitten der Altstadt von Siracusa, in dem ich mich gerade befand. Überhaupt das ganze Ensemble: die engen, kurvigen Gässchen dazu, die kaum einen Blick auf den freien Himmel zulassen, und entkommt man endlich dem Gassengewirr, steht man an einer Kaimauer, an der einem ein wütendes Mittelmeer entgegenbrandet, was einem klar macht, dass Europa hier zu Ende ist …
    (Einen Abriss der gesamten Sinnesflut habe ich versucht, in einer kleinen Episode nachzuzeichnen: https://derewigreisende.net/2016/06/08/siracusa-ortigia/ )

  2. Wow, sehr interessanter Beitrag! Ich könnte mir nicht vorstellen, dort zu leben.

    Und als Romanistin (auch wenn meine Linguistik-Kurse bald 10 Jahre zurückliegen) kann ich dir sagen, dass v und b der gleiche Laut sind, bzw. auf die gleiche Weise entstehen, nur dass v ein dentaler Laut ist, während das B labial ist. Sprich mal die zwei Buchstaben direkt hinter einander aus. Dann merkst du das selbst 🙂

    Interessant wäre jetzt, ob das eine typische Entwicklung im Neapolitanischen ist. Gibt es noch mehr Wörter, bei denen sich das B im Italienischen zu einem V im Neapolitanischen entwickelt hat? Ohne ein einziges Wort Neapolitanisch zu können, würde ich als halbe Linguistin so weit aus dem Fenster lehnen und sagen: Bestimmt!

    Liebe Grüße
    Barbara

  3. Nein, also ich bin sehr froh über die Treppen zu meiner Wohnung und den Überblick, den man aus dem dritten Stock hat. Noch dazu saufen diese ebenerdigen Wohnungen bei jedem Starkregen ab. Um das zu verhindern werden die Bewohner richtig kreativ. Hier bei uns habe ich schon improvisierte Spundwände in solchen Hauseingängen gesehen.

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