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Da für mich selbst ja bald der Schritt ansteht, dachte ich, es kann ja nicht schaden, sich vor dem Auswandern noch ein paar Tipps einzuholen. Und weil ich als Redakteurin naturgemäß mit einer (un-) gesunden Portion Neugier gesegnet bin, habe ich zu diesem Zweck einfach mal ein, zwei „Exildeutsche“ befragt.

Hier also mein

Auswanderer-Interview mit Angelika

aus Borkum.

Angelika ist 1994 mit 26 Jahren in die Toskana (Pescia) ausgewandert. Ich wollte von ihr wissen, wie es dazu kam, was sie dort hält und wo sie den Unterschied der Kulturen am deutlichsten spürt. Das sind ihre Antworten:

Warum bist Du damals nach Italien gezogen? 
Wegen meinem Ex-Mann.

Der Klassiker,  die Liebe. Wie lange hast Du gebraucht, um Dich einzuleben?
Etwa ein Jahr.

Was war die größte Hürde, die es bei der Auswanderung zu überwinden galt?
Eigentlich keine .

Mit welchen Erwartungen bist Du nach Italien? Welche davon wurden enttäuscht, welche erfüllt?
Ich hatte keine Erwartungen.

Warum würdest Du heute sofort wieder und / oder warum lieber nicht wieder nach Italien ziehen?
Ich habe immer gesagt, wenn ich mich trenne, ziehe ich zurück nach Deutschland. Als mein Ex-Mann dann eine andere hatte, bin ich doch geblieben. Es wäre unfair meiner Tochter gegenüber gewesen, weil sie ihren Vater nur noch selten hätte sehen können. Ich hätte mit einer  Tochter in der Pubertät in Deutschland ganz neu anfangen müssen, das war mir zu riskant.

Kannst Du Dir vorstellen, irgendwann wieder in Deutschland zu leben?
Ich kann mir gut vorstellen, wieder nach Deutschland zu ziehen. Das Leben ist so viel einfacher und ruhiger dort. Vor ein paar Jahren war ich wegen der Krankheit meiner Mutter mal einen Monat am Stück in Deutschland und habe mal wieder gesehen wie entspannt das Leben dort ist. Um 17 Uhr sind viele schon zu Hause. Man hat viel mehr Zeit für Freunde und Familie. Man kann viele Sachen am Telefon organisieren (hier antwortet kaum jemand in den Büros am Telefon) oder man hat vernünftige Öffnungszeiten (nicht von 10.15 bis 11.45 dienstags, mittwochs und freitags und dann von 14.45 bis 16.15 dienstags und donnerstags). Natürlich sind die Zeiten des daneben liegenden Büros anders, sodass man, wenn man z.B.  2 Sachen im Rathaus machen muss, zwangsläufig zwei Mal hinfahren muss. Oder man braucht in Büro A die Bestätigung von Büro B und umgekehrt und ist auf die Hilfe einer der Angestellten angewiesen, weil man ohne diese nicht weiter kommt. Aber ich habe meinen sozialen Lebensmittelpunkt hier. Die besten Freunde (alles Italiener), die man sich wünschen kann. Erst, wenn es finanziell gar nicht anders geht, muss ich zurück.

Was können die Deutschen „besser“, als die Italiener und umgekehrt?
Die Deutschen stellen verbindliche Regeln auf. Es gibt ein soziales Netz. Gesundheit ist kostengünstig.  Italiener sind eine Horde Egoisten, die nicht in der Lage sind, irgendetwas zu planen oder zu organisieren. Regeln und Gesetze sind nur dazu da, sie zu umgehen und es regiert, wer es schafft, sich an nichts zu halten. Es gibt keine Rechtssicherheit. Ganz platt gesagt: Mafia als Kultur. Das System der Gefallen tun und bekommen funktioniert im Großen wie im Kleinen. Ohne jemanden zu kennen kommt man nicht weiter. Egal, ob man einen Arzttermin braucht oder einen Job. Wenn man keinen kennt, der im Krankenhaus arbeitet, wartet man bis zu einem Jahr auf einen Termin. Wenn man jemanden kennt, kann man oft am nächsten Tag hin.

Welchen Rat würdest Du heute deinem auswandernden Selbst von damals gerne geben oder welchen Rat hättest Du Dir damals gewünscht bekommen zu haben?
Finanziell in Italien zu überleben ist extrem schwierig. Ich verdiene nach 20 Jahren im Betrieb (Studium, 3/4 Sprachen, etc.)  1.400 € netto, was schon sehr gut ist. Mit meinem Nebenjob der Ferienhausvermietung können meine Tochter und ich leben. Ohne Urlaub und mit einem 10 Jahre alten Auto. Immer am Rand des finanziellen Abgrunds und mit mindestens 14 Stunden Arbeit am Tag, meist ohne freien Tag. Es reicht, krank zu werden und die Kosten sind immens. Alleine die jährlichen Kontrollen kosten ein Heidengeld. Ein Ultraschall im Krankenhaus z.B. kostet in der unteren Einkommensklasse 49 €.  Wenn ich die jährlichen Untersuchungen für die Schilddrüse mache, kostet das 280 € (im Krankenhaus, nicht privat), eine Kontrolle beim Facharzt kostet zwischen 80 € und 150 € und Zahnarzt gibt es nur privat. Das heißt, eine Behandlung fängt bei 100 € an und ist nach oben offen.

Und ich?

Ehrlich gesagt, sind das Eindrücke, die mir zu denken geben. Einerseits bin ich Angelika sehr dankbar für Ihre Offenheit, aber irgendwie macht mir das auch Bauchgrummeln. Vor allem beim Gedanken daran, aufs INPS zu müssen wegen einem bekloppten Stempel für das hiesige Arbeitsamt!

… dann wieder hab ich dieses Bauchgrummeln eh schon, wenn ich nur daran denke, dass ich noch immer keine Wohnung gefunden hab …

Aber deshalb jetzt hinschmeißen? Nö!

Oder was meint Ihr?

12 Comments

  1. Super interessantes Interview das vor allem blauäugige mit der Einstellung: Ich will meinen Lebensabend im Urlaubsparadies Italien verbringen, zum Umdenken bewegen kann. Es ist halt doch alles anders wenn man dann den Schritt wagt. Für mich unterstreicht dieser Blogeintrag meine Entscheidung Immobilien am Gardasee kaufen ja – aber eben hauptsächlich als Feriendomizil oder Zweitwohnsitz. Mir persönlich wäre es zu unsicher hier alle Zelte abzubrechen und komplett an den Gardasee zu ziehen.

    • Hi Moritz, danke für das nette Feedback.
      Ich glaube, Blauäugigkeit ist sowieso keine gute Voraussetzung für so ein Abenteuer. Und die, die ihre Auswanderung besonder kritisch betrachten, sind oft auch die, die sich vorher nicht klar darüber waren, was sie dabei erwartet. Ich hab das Glück, meine Arbeit von überall aus machen zu können und bin damit zunächst mal auf der sicheren Seite. Das war zu der Zeit, in der Angelika ausgewandert ist, noch nicht so gegeben. Von daher, kann ich das Ganze vielleicht auch ein wenig gelassener sehen. Ich denke, blauäugig sollte man sich nicht in eine Auswanderung stürzen, aber alles nur negativ zu sehen, ist meiner Meinung nach auch nicht so das Wahre. Dann verliert man nämlich schnell aus dem Blick, dass man das, was man nun hat und lebt, irgendwann mal ganz doll wollte. 😉
      Und ich denke, man muss ja nicht immer zwingend die gnazen 100% gehen. Ich hab auch meinen Wohnsitz und meine Freiberuflichkeit noch immer in Deutschland gemeldet und reise alle 2 bsi 3 Monate dorthin. Dass ich mir das erlauben kann, darüber freu ich mich sehr und bin sehr dankbar darüber und weiß, dass das nicht jedem vergönnt ist. Für mich ist das der Luxus und die Freiheit im Leben, den/die ich mir gönne. Ob ich nochmal wieder nach Deutschland zurückgehe, lass ich mir genauso offen, wie hierzubleiben. Einzig wegen meiner Möbel und Schallplatten muss ich irgendwann mal eine halbwegs gare Entscheidung treffen. Wobei das immer noch nicht heißen muss, dass ich dann nie wieder umdenken und zurückgehen kann.
      Ich wünsche einen angenehmen Lebensabend am Gardasee. 😀 Falls man sich nicht vorher nochmal lesen sollte. 😀

  2. Das Interview finde ich sehr interessant. Mit dem typischen Urlaubsblick sehen wir vermutlich vor allem die schönen und außergewöhnlichen Vorzüge des Landes. Von unseren italienischen Freunden und Bekannten weiß ich aber, dass sie von den gleichen Dingen genervt sind, die auch im Interview genannt werden. Vor allem das Gesundheitswesen wird oft als katastrophal beschrieben. Aber wenn man einigermaßen gesund ist, warum sollte man sich dann nicht seinen Lebenstraum erfüllen? Notfalls kommt man halt zurück, falls es nicht klappt.

    • Ich glaube, wer mit dem Urlaubsblick in ein Land auswandert, sollte es sowieso lieber gleich lassen. 😀 Aber, ja, wie Du sagst: Zurück kann man immer. LG

  3. Hallo Julia,

    auch von meiner Seite Kompliment zum neuen Blog-Design. Entwickelst Dich jetzt auch zum WP Design Spezi 😉 komm ich vielleicht mal drauf zurück! Kommentar zum Interview und den Aussagen von Angelika. Mir sind da einige „Statements“ einfach zu pauschal abgegeben. Ich lebe und arbeite nun auch schon geraume Zeit in Italien . Fakt ist, das Italien hinsichtlich Gesundheitswesen als auch Bürokratie im Allgemeinen so rein gar nichts mit Deutschland gemein hat. Korrekt! Was aber nicht heisst, das es hier schlechter oder sonstwas ist. Man muss sich halt mit den systemen hier beschäftigen und genauso wie in Deutschland wissen, wie es funktioniert. Im Laufe der Zeit entstehen hieraus auch gewisse Routinen – man muss sich halt einfach darauf einlassen. Wer glaubt einfach mal so in ein anderes Land wie Italien „übersiedeln“ zu können und dabei die Erwartungshaltung hat, das um einen herum alles beim alten Gewohnten (aus Deutschland!) bleibt, der sollte den Gedanken des „Deutschland verlassen’s“ direkt wieder verwerfen. Die „Komfortzone Deutschland“ existiert hier nicht und wird auch so nie existieren. Dafür ist die Mentalität der Italiener schlichtweg eine Andere und das ist GUT SO! Was hier zählt, ist das Thema „Freundschaft & Familie“. Wer als Deutscher einmal Zugang zu einer italienischen Familie gefunden hat und als Mitglied akzeptiert wird, möchte dies wahrscheinlich nie wieder hergeben. Ja und genau daraus resultiert das erwähnte „die besten Freunde“. Genau diese Freundschaften gilt es für einen Deutschen hier in Italien in jedweder Form zu nutzen und das Schöne daran: Es wird Dir niemals übel genommen! Hier fühlt sich niemand benutzt, solange Du stets bereit bist, auch für jemand anders nützlich zu sein. Das ist es, worauf man sich hier einlassen muss….und hier in Italien gilt: Passa Parola! Sprich, sprich und nochmals Sprich….gerade im Beruflichen! Kurzum: Wer sich in Italien niederlassen will, muss sich mit dem Land und den Leuten sowie deren Marotten auseinandersetzen und bereit sein, diese zu adaptieren. Wem das nicht liegt, sollte vielleicht doch in der Komfort-Zone Deutschland bleiben.

    Also Julia: Geh deinen geplanten Weg nach Italien. Ich denke, du bist gut vorbereitet und entspannt genug Dich dem italienischen Leben nebst Gewohnheiten anzupassen. Und wie gesagt: Wann immer du Hilfe und Infos benötigts, lass es mich wissen…;-) Gruss Markus

    • ahaha, ja, ich frickel mich so durch bei WP, aber es geht mit jedem mal schneller 😀 danke für das kompliment zum design, freut mich sehr 🙂

      das andere, das du bzgl. italien und auswanderung sagst, kann ich so nur bestätigen. ich denke, es kommt auf die motivation an, warum man wegzieht, ebenso wie auf die anpassungswillgkeit und -fähigkeit. ich könnte, wenn ich wollte, auch nur schlechtes über deutschland aufzählen, nichts ist überall nur schlecht oder nur gut. nur ist das gras in nachbars garten eben immer grüner.
      ich glaube aber, dass es da auch drauf ankommt, worauf man den fokus legt. wer nur das schlechte sehen will, sieht auch nur das schlechte. egal wo und in welchem zusammenhang.
      ich selbst betrachte mein auswandern vor allem erstmal als experiment, mache es für niemanden, außer mich selbst. (wo ich in zwei, fünf, zehn jahren bin, weiß ich noch nicht, kann und will ich auch nicht wissen…everything can happen)
      die (arbeits-) welt verlangt uns mittlerweile so viel flexibilität ab, bietet sie aber auch gleichermaßen, dass man entweder auf der welle surfen kann und sehen, wie man das beste aus sich und dem surfbrett rausholt und wo man am ende strandet oder man betrachtet die wellen vom festland aus und bleibt an der gleichen stelle stehen, während die wellenreiter an einem vorbeiziehen…. (mensch, was bin ich heut aber auch wieder ein philosophisches ass 😉 )
      ich wachs‘ schonmal mein board! 😀

  4. Hallo Giulia,

    danke für das Interview. Ein absolut realistisches Feedback!

    Ich lebe zusammengezählt seit 20 Monaten in Italien und bis jetzt bereue ich meine Entscheidung nicht. Herausforderungen, höhen und tiefen, erlebt man überall…..
    Sofern dein Herz dafür schlägt, (z.b. in Italien leben) solltest du es auf jeden Fall machen. Einen anderen Weg gehen oder eventuell wieder umziehen ist immer möglich, oder?!

    Herzliche Grüße aus Florenz

    Farina

    • hm, realistisch finde ich es nicht. eher sehr subjektiv und v.a. auf die negativen Aspekte fokussiert. realistisch fände ich es, wenn auch die positiven Punkte thematisiert worden wären, aber das ist vielleicht auch Interpretationssache. 😉

  5. Toll, deine neue Seite! Gefällt mir wirklich gut.

    Angelikas Einschätzung hinsichtlich der sozialen und ökonomischen Sicherheit kann ich nur unterschreiben. Wer da Angst hat, bleibt besser im sicheren Deutschland. Ich persönlich finde es sehr beruhigend zu wissen, dass ich jeder Zeit zurück könnte. Von daher würde ich nicht davon abraten, es zu wagen und eine neue Erfahrung zu machen.

    • ich hätte es nur schöner gefunden, wenn irgendwie nicht ausschließlich darauf eingegangen worden wäre. denn wenn alles schlecht wäre, wäre sie ja sicher auch nicht mehr da. 😉

      danke für das Kompliment 🙂 muss noch an den feinheiten schrauben, aber die tage hab ich nen paar aufträge, die vorrang haben 🙂

      lg, hoffe, euch geht es gut

  6. Spannendes Interview und tolles neues Design! Herzlichen Glückwunsch!
    Liebe Grüße
    Sabine

    • DANKE!!! 🙂 Ist noch ein bisschen was zu tun, aber freut mich, dass es gefällt! ? LG

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