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Ich steh ja auf persönliche Geschichten und Erfahrungsberichte. Deshalb freue ich mich über alle, die sich geduldig meinem Fragenbombardement zu ihrer Auswandererstory stellen. Die sich die Zeit nehmen, mir zu antworten. Die ihre Erlebnisse mit mir – und nicht zuletzt auch mit  euch – teilen. Darum ist es mir ein Fest, hier eine weitere Auswanderin vorstellen zu können, die mich, uns, euch für einen Augenblick an ihrem Leben teilhaben lassen:

Auswanderer-Interview mit Susanne

Susanne hat es Anfang der 2000er Jahre gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer freiberuflichen Arbeit als Drehbuchautorin (toller Beruf!) in die Nähe von Rom verschlagen. Ursprünglich kommt sie aus der Stadt, die scherzhaft als die nördlichste Stadt Italiens bezeichnet wird: Minga. Oder für alle Leser von nördlich des Weißwurstäquators: München. Wollen wir doch mal sehen, ob Susanne diesen Schritt ins Eqizentrum des italienischen Stiefels bereut oder ob sie glücklich ist mit ihrer Entscheidung.

Was war der Stein des Anstoßes nach Italien zu gehen?
Mein Mann und ich sind beide sogenannte Freiberufler. Mein Mann hat ab und zu hier gearbeitet und ihm hat es in Deutschland nie gefallen. Also haben wir gedacht, wir können es ja versuchen ganz hier zu wohnen.

Hast Du lange gebraucht, um Dich einzuleben?
Gar nicht. Ich wusste (fast) worauf ich mich einlasse. Bevor ich vor etwa 12 Jahren ganz nach Italien gezogen bin, waren wir schon oft hier und hatten auch schon ( italienische) Freunde.

Was war die größte Hürde, die es bei der Auswanderung zu überwinden galt?
Viele bürokratische Hürden hatten wir vor dem tatsächlichen Umzug schon überwunden. Geblieben ist uns ein Dauerärger mit falschen, zu hohen Enel*-Rechnungen, einer schlecht funktionierenden Telefonleitung und einer langsamen Internetverbindung. Egal wie oft wir reklamieren, der Zähler oder Kabel ausgetauscht werden und neue Versprechungen gemacht werden, es bleibt gleich mühsam. Mit der Anmeldung und der „Tessera Sanitaria“ gab es keine Schwierigkeiten. Ich hatte im Gegenteil das Gefühl, dass sie stolz darauf sind, dass man bei ihnen leben will. Ich wohne aber auch in einer Kleinstadt.

*italienischer Energieversorger

Mit welchen Erwartungen bist Du nach Italien gegangen?
Keine Erwartungen. Ich war nie so begeistert von Italien wie mein Mann, deswegen wurde ich auch nicht enttäuscht. Manche Dinge empfindet man aber wirklich anders, sprich mühsamer, wenn man immer hier lebt.

Warum würdest Du heute lieber nicht wieder nach Italien ziehen?
Wenn wir Kinder gehabt hätten, wäre ich wahrscheinlich nicht nach Italien gezogen. Die Schulbildung ist einfach ganz anders hier. Fremdsprachen werden nur über Grammatik gelehrt, nicht für die praktische Anwendung. Überhaupt ist der Unterricht sehr theoretisch.
Ganz schrecklich finde ich den Umgang mit Tieren. Das ist zwar leicht besser geworden in den letzten 10 Jahren, aber immer noch werden Hunde und Katzen weggegeben, ausgesetzt oder sich selbst überlassen. Darüber sprechen die Meisten auch ganz offen, als wären es Spielzeuge, die unpraktisch geworden sind.

Und warum sofort wieder?
Das Verhältnis zu unseren italienischen Freunden ist sehr warmherzig, viel intensiver als in Deutschland, man kümmert sich sehr umeinander, darf um kleine und große Gefallen bitten. Da musste ich noch einiges an Sozialverhalten dazu lernen. Meine sehr direkte Art die Wahrheit zu sagen, brüskiert Italiener oft.

Kannst Du Dir vorstellen, irgendwann wieder in Deutschland zu leben?
Absolut!

Was können die Italiener deiner Meinung nach „besser“ als die Deutschen?
Wie oben gesagt, das soziale Miteinander finde ich in Italien klüger, verständnisvoller, einfacher.

Welchen Rat hast Du als erfahrener Auswandererin für andere, die das Abenteuer noch vor sich haben?
Manche Dinge sind in Deutschland besser oder billiger. Wenn man es irgendwie schafft, sollte man seine deutsche Krankenversicherung und ein in Deutschland angemeldetes Auto behalten.
Ansonsten nur das, was alle anderen auch sagen: Es gibt hier so gut wie keine Jobs. Und wenn, dann sind sie meistens schlecht bezahlt. Arbeitslosengeld gibt es nur in einer sehr, sehr abgespeckten Form. Auch das tausendste Restaurant aufzumachen, halte ich für keine gute Idee. Die Steuern und Unkosten sind hier einfach zu hoch. Wer unbedingt nach Italien ziehen möchte, sollte sich vorher um Arbeit gekümmert haben.
Ach … und unbedingt ein gutes deutsches Federbett mitnehmen. Die Winter hier sind feucht und kalt. Und grau!

Und zu guter Letzt: Warum ist Italien es wert, dorthin zu ziehen?
Das muss jeder für sich beantworten.

Open End

Haha 😀 Der letzte Satz war dann wohl so eine Art „offenes Ende“ – sagt man doch so in der Filmbranche, oder?! Naja, wie dem auch sei. Ich selbst werde ja bald auch berichten können, ob bzw. warum es sich lohnt. Im Übrigen geht am 19. mein nächster Flug nach Italien, zwecks Wohnungssuche. Drückt mir gern die Daumen, dass ich was finde. Und sei es erstmal nur für ein paar Monate. Oder, teilt gern euren Freunden, Bekannten und Schwippschwagern mit, dass ich ein Dach über dem Kopf suche. 😀  Vielleicht vermietet ja irgendwer irgendwas. 😉 … Irgendwann hab ich mal gehört, dass Passaparola in Italien ganz gut funktionieren soll. 😉

6 Comments

  1. Ein sehr interessantes Thema, das wir auch lange diskutiert haben. Wir wollten immer nach Kanada auswandern. Da uns aber familiäre Verpflichtungen davon abgehalten haben, einigten wir uns darauf, dort eine Wohnung – als Investition – zu kaufen, die wir nutzen, wenn wir wollen. Sind wir nicht da, bringt sie uns Mieteinnahmen. So haben wir das Beste aus zwei Welten.

  2. Auch von mir viel Erfolg bei der Wohnungssuche! Ist bestimmt nicht so leicht in einer Metropole wie Rom.

    • Na, umso besser für mich, denn in Rom such ich ja nicht 😉 😀 Da ist mir das Meer nicht schön genug und das schöne Meer zu weit weg. 😀
      Danke aber, ich kann die Glückwünsche brauchen. Kam immer noch nicht dazu, Termine für Wohnungsbesichtigungen zu vereinbaren und hoffe, ich krieg das heut Abend endlich mal hin! Langsam wird die Zeit knapp…

  3. Ich finde es immer wieder spannend zu lesen, warum andere auswandern 🙂
    Ich drücke dir die Daumen, dass du schnell eine tolle Wohnung findest!

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