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Villasimius

Der Bus schlängelt sich die Hügel hoch. Passiert ein verschlafenes Nest nach dem anderen. Mein Ziel? Villasimius.

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Eine kleine Stadt oder eher ein Dorf im sardischen Hinterland. Ich sitze auf der rechten Seite des Busses. Die Fenster geben den Blick frei auf die Küste. Felsen und Sand wechseln sich ab. Kleine Buchten liegen zwischen Hügeln und Bergen. Hier und da ein paar Sonnenanbeter, die die letzten wärmenden Sonnenstrahlen des Jahres noch mitnehmen wollen.

Es ist Sonntag. Obendrein auch noch Feiertag. „Tutti al mare“ ist hier kein bloßer Spruch. Es ist eine Lebenseinstellung. Zumal, wenn das Wetter noch so gut mitspielt wie in diesen Tagen.

Bis auf 24 Grad klettert das Thermometer.

Ich genieße den Ausblick und die Sonnenstrahlen, deren Kraft durch die Fensterscheiben um einiges potenziert wird.

Irgendwie scheint der mächtige Reisebus nicht so recht in die dörfliche Idylle hineinzupassen, während er die Straßen hochpoltert.

Nach etwa eineinhalb Stunden und etlichen Kurven im Umland Cagliaris kommt der Bus in Villasimius an.

Friedlich liegt der kleine Ort in die sardischen Küstenhänge eingekuschelt da. Einer von vielen entlang der Route von Cagliari hierher.

Fast unvorstellbar, dass diese 3.000-Seelengemeinde einmal eine wichtige Anlaufstelle für Seefahrervölker war. Die Phönizier hatten aus dem versteckten Ort oberhalb der Bucht eine kleine Hafenstadt gemacht.

Die Geschichte von Villasimius reicht aber viel weiter zurück

Prähistorische Funde zeugen von einer Besiedelung Villasimius schon in der Zeit 2.000 vor Christus. Die Phönizier bemächtigten sich ohnehin vorzugsweise strategisch gut gelegenen maritimen Zonen und siedelten sich entsprechend in der buchtenreichen Gegend um Villasimius an.

In der Stadt selbst errichteten sie nicht nur den eben schon genannten Hafen (Cuccureddus), sondern hinterließen auch Spuren ihres Glaubens. Diese wiederum wurden unter der Herrschaft der Karthager, die etwa 500 vor Christus über den kleinen Hafenort herfielen, vernichtet.

Nach den Römern fiel Villasimius, gemeinsam mit den Dörfern und Ortschaften ringsum, unter die Herrschaft Galluras (eine seinerzeit potente Machtzentrale im Nordosten Sardiniens). Später rissen sich die Spanier die Herrschaft unter den Nagel. Ihre Spuren sind bis heute in ganz Sardinien deutlich sichtbar.

Es fällt einem schwer zu glauben, dass dieses kleine Bergdorf so viel Geschichte und Wandlung in sich trägt. Gelebt haben die Menschen hier übrigens auch nie besonders von der Fischerei, sondern eher von der Landwirtschaft und Viehzucht.
Heute? Ist Villasimius ein Touri-Ort.

Ein Geheimtipp, der längst keiner mehr ist

Mein erster Eindruck, als ich aus dem Bus gestiegen bin und mich von der Haltestelle am Ortseingang in Richtung Stadtzentrum aufmachte: „Also entweder wohnen hier nur reiche Menschen (Italiener und deutsche Rentner) oder Villasimius ist tatsächlich mehr ein Ferienort denn alles andere.“

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Wenn dem so ist, bin ich froh, nicht in der Hauptsaison hergekommen zu sein.

Wie in einer Mulde liegt Villasimius in den Hängen des südsardischen Inselinneren. Die Landschaft aus Hügeln und Bergen umarmt den Ort, der am Fuß der Gebirge sanft über einen schönen, schmalen Sandstrand ins Meer abfließt.

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Villasimius_3-225x300 VillasimiusUnd trotzdem: Villasimius ist ganz klar auf Tourismus ausgelegt. Hotels und Ferienwohnungen reihen sich an BnBs und Pensionen. Souvenirshops säumen die Via Al Mare (die ihren Namen nicht ohne Grund trägt, führt sie immerhin geradewegs ans Meer). Hinter dem Strand sind Bars und Restaurants angesiedelt, die zu dieser Jahreszeit aber fast schon unheimlich wirken. Verlassen und ohne jegliches Zeichen von Lebendigkeit.

Ich mag diese Ruhe und stressfreie Atmosphäre.

Und vor allem mag ich sie mir nur ungern von dem Gedanken kaputt machen lassen, dass hier zwischen Juni und September ganze Horden von Touristen ankommen. Sich durch die engen Gässchen drängeln, schubsen, schieben und diese Gegend hier in Beschlag nehmen, für sich einnehmen.

Mag mir gar nicht vorstellen, wie ein endloses Stimmengewirr in allerhand unterschiedlichen Sprachen diese Ruhe durchbricht und verdrängt. Sie geradezu erstickt. Sich wie ein dichter Nebel über das Zwitschern der Vögel und Zirpen der Zikaden legt.

Der Strand war fast menschenleer. Nur ein paar Einheimische machten einen Spaziergang.

Ich konnte die wunderbare Luft bis in die letzten Kapillaren meiner Lungen aufsaugen. Den Sand unter meinen Füßen spüren. Dem Rauschen des Meeres lauschen.

Das Meer hat einen ganz eigenen Rhythmus. Wie ein Pulsschlag. Man spürt ihn entweder oder man spürt ihn nicht.

Der einzige Wermutstropfen, den ich zunächst erkennen konnte, war der, zurück zum Bus wieder bergauf laufen zu müssen.
Und später musste ich zu meinem Leidwesen feststellen, dass pünktlich zum Sonnenuntergang die Schnaken lebendig werden. Und hungrig.

Ich habe noch nie so lange gebraucht, um meine Schuhe anzuziehen. Ständig musste ich wedeln und verjagen. Hatte dann natürlich den eben vom Sand befreiten Fuß wieder abgestellt und musste ihn wieder abwischen.

Und noch nie hab ich so dreiste Mücken erlebt. Flugfaule noch dazu, die sich meine Wenigkeit als Transportmittel ausgesucht hatten. Auf dem Weg zurück auf den Hügel in die Stadt, habe ich noch mehrere davon aus meinen Haaren und von meiner Kleidung entfernt.

Gestochen haben mich letztendlich „nur“ zwei. Oder eine zwei Mal. Jedenfalls am Ohr und am Finger.

Villasimius ist Strandurlaub und Natururlaub

Villasimius_1-225x300 VillasimiusViel zu tun scheint es hier nicht zu geben. Für die Abendgestaltung gibt’s ein paar Bars und Lokale.

Wer aber hier ein Kino oder Theater sucht, hat mit Villasimius eindeutig daneben gegriffen in der Urlaubsplanung. Ohne (Miet-) Auto schafft man es am Abend vielleicht noch nach Cagliari, aber zurück dürfte schwierig werden.

Allerdings bin ich eben auch nur ein paar Stunden hier. Ein paar Stunden an einem Wochentag, an dem sowieso wenig los wird. Also vielleicht trügt der Schein auch gewaltig.

Von Cagliari nach Villasimius

Das Busunternehmen Arst bringt Euch mehrmals am Tag von Cagliari nach Villasimius und zurück. Die momentan aktuellen Fahrtzeiten findet ihr hier.

Die Fahrt dauert etwa eineinhalb Stunden und belohnt eure Geduld mit einer spektakulären Aussicht – rechts wie links der Straßen. 🙂

Arst_Ticket-225x300 VillasimiusAm besten kauft ihr euch ein Tagesticket, damit seid ihr ein bisschen günstiger dran und müsst später keinen Aufpreis bezahlen, um ein Rückfahrtticket beim Busfahrer zu bekommen.

Die Tickets könnt ihr im Mac Donalds neben dem Bahnhof in Cagliari kaufen. Der Busbahnhof für die Überlandverbindungen liegt hinter dem Gebäude.

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