Beitrag speichern und ausdrucken:

Ein linguistisches Fundstück des Monats

Ich hab lang mit mir gehadert, ob ich den Artikel wirklich unter die Fundstücke des Monats mischen soll. Aber, um ihn nicht zu machen, ist er eigentlich zu wichtig und ich habe nie behauptet, dass es hier immer nur witzig zugeht. 😉 Es geht um einen Begriff, den ich erstmals in Italien gehört habe. Daher passt er sehr wohl hier rein. Wenngleich ich ihn nicht erst diesen Monat entdeckt habe, wie es die Rubrik eigentlich vorgibt. Aber darüber sehe ich einfach mal großzügig hinweg, denn irgendwann war es ja mal ein linguistisches Fundstück des Monats.

Ich weiß nicht, ob ihr das wisst, aber am 25.11. ist jedes Jahr der weltweite Tag gegen Gewalt gegen Frauen. Daher passt es sehr gut, dass mein

Fundstück des Monats November

in diesem Zusammenhang steht.

Da hört es mit dem “Gut” aber auch schon auf.

Femizid

Während es aus Deutschland noch immer keine offiziellen Untersuchungen und damit auch keine Zahlen darüber gibt, ob und wie viele Frauen Opfer von Femiziden wurden, sind gerade im Hinblick auf den 25. November aus Italien alarmierende Zahlen zu hören.

Allein im bisherigen Jahr 2016 starben 116 Italienerinnen an den Folgen der Gewalteinwirkungen ihrer Partner oder Brüder. Zum Thema Femizid gibt es alleine auf der Repubblica 700 Artikel.

In Brand gesteckt, erstochen, erwürgt

… und danach in die Bar und erst mal nen Kaffee.

  • Bitono, 03. Nov. 2016: Der Ehemann ermordet seine 29-jährige Frau vor den Augen des kleinen Sohnes mit einem 20 Zentimeter langen Küchenmesser.
  • Sassari, 10. Nov. 2016: Der Ehemann tritt und schlägt erst auf seine Ehefrau ein, steckt sie dann bei lebendigem Leib in Brand. Danach ruft er seelenruhig seine Tochter und die Polizei an – der Grund des Mordes? Sie wollte die Scheidung.
  • Trapani, 20. Nov. 2016: Der Ehemann ersticht seine Noch-Ehefrau kurz nach der Trennung mit 23 (!) Messerstichen. Ihre 80-jährige Mutter, die im Haus nebenan wohnt, ruft die Polizei. Leider zu spät. Der Mann ist danach erstmal einen Kaffee trinken gegangen.
  • Seveso, 23. Nov. 2016: Der Lebensgefährte stranguliert seine Partnerin nach oder während eines Streits. Besonders tragisch: Die Polizei war wenige Stunden vorher wegen eben jenes Streites vor Ort war. Die beiden kleinen Kinder mussten alles mit ansehen.

Femizid, ein italienisches Phänomen?

Mitnichten. Ich selbst bin allerdings tatsächlich das erste Mal in den italienischen Nachrichten auf den Begriff gestoßen.

Dennoch ist Femizid kein rein italienisches Problem. In muslimisch geprägten Kulturen heißt das Phänomen Ehrenmord. Bei uns wird es mit in die verschwommene Definition von „Familientragödie“ hineingewaschen. Besonders krasse Fälle aus Indien schaffen es schon auch mal in unsere Berichterstattung.

Deutschlandweite Studien gibt es nicht. Angaben der WHO zufolge allerdings werden in 35% aller Femizide von engen Partnern oder Freunden, Verehrern, Stalkern oder Ehemännern begangen.

Deutschland – Land der Unschuldsengel …

Nein! Zwar gibt es nach wie vor keine deutschlandweiten Erhebungen zum Phänomen des Femizids, aber das heißt nicht, dass er nicht auch bei uns passiert. Im Jahr 2011 gab das BKA bekannt, dass von den über 300 Tötungen an Frauen, die Hälfte durch die Hand des Partners geschah. Dunkelziffer exklusive.

Und falls es wem aufgefallen ist: Mit der Zahl von 154 gesicherten Femiziden lagen wir 2011 weit vor den Italienern 2016.

Es kann jeder Frau passieren, dass sie sich irgendwann unter Fäusten wiederfindet, die auf ihr Gesicht eintrommeln und sie nur noch denken kann: Bitte, lass mich leben. Ich weiß es.

Und ich weiß auch, dass sozialer Stand, Religion, Herkunft, Hautfarbe keine Rolle spielen. Auch wenn bestimmte Gruppierungen von Menschen das gerne behaupten, um Diskriminierung und Unfrieden weiter voranzutreiben.

Es wird Zeit, dass wir auch in Deutschland den Mord, den Totschlag oder den zumindest willentlich in Kauf genommenen Tod an Frauen durch Männer als das benennen, was er ist: Femizid.

5 Comments

  1. Hallo meine Liebe,
    erst kürzlich habe ich eine Radiosendung dazu gehört und finde alles schrecklich! Ich hoffe nie ein “Opfer” zu werden, egal von welcher Nationalität!

    Viele Grüße,
    Alex.

  2. Im italienischen Fernsehen gibt es nach Morden immer Sondersendungen, die zwar sehr oft Bildzeitungsniveau haben, aber diese Femizide sehr sehr deutlich an die Öffentlichkeit tragen. Im deutschen Fernsehen habe ich immer das Gefühl, man schämt sich so ein bisschen und versucht es irgendwelchen “Problemdeutschen” wenn nicht Menschen mit Migrationshintergrund zuzuschieben. Denn, so etwas darf nicht aus der Mitte der Gesellschaft heraus passieren, das würde die gefühlte Sicherheit gefährden.

    • Dann wäre doch gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, es aufs Tapet zu bringen, die gefühlte Sicherheit liegt beim Durchschnittsdeutschen eh am Boden. Aber stimmt, sobald es nicht in sozial niedrigen Stadtteilen oder in wirtschaftlich benachteiligten Familien passiert, “interessiert” es niemanden. Aber wehe es handelt sich, wie beim letzten Fall vor wenigen Tagen, um einen Deutsch-Kurden. Dann ist die Empörung groß und es wird wieder auf die betonte Vormachtsstellung des Mannes in bestimmten Kulturen verwiesen. (Meist mit Religion gekoppelt, was, wie Länder wie Italien und Spanien beweisen, absoluter Quatsch ist.) Dabei sind die Täter meist absolut überforderte, emotional verkrüppelte Soziopathen, die sich nicht auf Lebensumstände, Herkunft oder wirtschaftlichen Status beschränken lassen. Es ist meiner Meinung nach beschämend für ein Land wie Deutschland, dass das bei uns so lapidar abgewunken wird – Gewalt gegen Frauen allgemein und Mord durch intime Partner im Speziellen.
      Ich kann mir in etwa vorstellen, was Du mit Bildzeitungsniveau meinst. Andererseits erreicht man mit plakativer Sprache und leicht verständlich erklärten Sachverhalten auch die Menschen, die man ansonsten vielleicht nicht erreichen würde. (Positiver Populismus sozusagen.) Von daher ist das vielleicht nicht ganz schlecht. Aber immerhin wird wenigstens überhaupt was getan. Das ist wichtig, auch für die Jugend. https://youtu.be/4MN-rxTONfQ

  3. Tatsächlich scheint es in Italien eine größere Sensibilität für den Mord an Frauen durch Ex-Partner etc. zu geben. In den Nachrichten wird auch immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich nicht um Taten aus “Liebe” sondern um die Verteidigung von Besitz und Macht handelt. Vor allem Personen aus dem Umfeld gefährdeter Frauen sollte auffallen, dass sie sich isolieren/ isoliert werden und der finalen Tat andere Gewaltanwendungen vorausgehen. Man darf auch seiner Nächsten gegenüber nicht gleichgültig werden.

    • Das unterschreibe ich so! Es geht bei Gewalt in Beziehungen grundsätzlich um Machtverhältnisse, Egos und Eitelkeiten. Wenn überhaupt um Liebe, dann nur um narzistisch, egomane Liebe zu sich selbst, niemals jedoch um Liebe für den- oder bzw. diejenigen, dem / der man Gewalt antut. Und ich finde es ein Stück weit grotesk und beschämend, dass man das in Deutschland so verwäscht.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: