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Die Cagliaritani und ich, Teil 2

Weiter geht es mit Teil 2 aus Julia’s unfreiwillig absurd-komischen Begegnungen mit Menschen.

In Cagliari residierte ich einmal mehr per AirBnb. Was ich nicht wusste (und ehrlich gesagt einigermaßen panne fand) war, dass man die Küche in der Wohnung nicht benutzen durfte. Das war dem Wohnungsbesitzer vorbehalten – sogar der Kaffee wurde einem gekocht. Einigermaßen befremdlich. Zumal das morgens getan wurde, um 7.30 Uhr. Egal, wann man selbst aufstand.

Meine Begeisterung hielt sich einigermaßen in Grenzen, wie ihr euch vielleicht denken könnt. Aber Gott sei Dank war schönes Wetter. Das glich das Ganze wieder aus. Und einen neuen Kunden habe ich in der Woche auch dazu gewonnen (Dual-Sim-Handy, ick liebe dir).

Trotzdem war ich jeden Morgen latent aufs Neue genervt, lauwarmen Kaffee trinken zu “müssen” (für die Kapselmaschine (yayks) gab’s nur koffeinfreie Kapseln (Doppel-yayks)) und jeden Tag zwei Mahlzeiten außer Haus einzunehmen ging außer auf die Nerven auch noch auf den Geldbeutel – zumindest dann, wenn man nicht zwei Mal am Tag Pizza essen will.

A propos Pizza

Auf der Suche nach etwas Essbarem, außer Salat, den muss man ja nicht kochen, ging also, musste ich also die Straße in Richtung Innenstadt nehmen. Die, auf der ich bei einer meiner Erkundungstouren auf den Herren aus Teil 1 gestoßen bin.

Ein paar Wohnblocks weiter hatte ich dort nämlich Nahrungsquellen ausgemacht. Ein japanisches Restaurant, eine Pizzeria, ein Fischlokal, eine Bar (frischer Kaffee und waaarm!), daneben eine weitere Pizzeria und ein Tabakladen (ok, da gibt’s nichts Essbares (hab ich überprüft), ich wollt’s nur der Vollständigkeit halber erwähnt haben).

Es war nachmittags gegen Drei. Und ich die einzige Kundin. Da man mir sagte, dass es um diese Zeit schwer sein könnte, in Cagliari etwas zu essen zu kriegen, war ich froh, dass noch offen war und kehrte ohne lange nachzudenken (oder Zeit zu verschwenden) direkt in die erste Pizzeria ein.

… kennen wir uns?

Ich setzte grade an zu meiner Frage nach einer Pizza Margherita bzw. ob ich schon zu spät, der Ofen schon aus wäre, da begrüßte mich der gemütlich dreinblickende, dickbäuchige alte Inhaber mit den Worten: “Hast Du das von dem Lottogewinn gehört?”

Ähm.

Nach einer Sekunde der Überforderung – verwechselt der mich oder warum spricht er mit mir, als würde er mich schon ein Leben lang kennen? – erinnerte ich mich, dass ich am Vorabend noch einen Tweet über einen Rekord-Lottogewinn in Kalabrien gelesen hatte: 163,5 Millionen.

“Ja, den hat jemand in Kalabrien gewonnen”, antwortete ich geistesgegenwärtig aber innerlich immer noch verdattert. – “Ach ja?”

“Ja, wenn ich das nicht falsch verstanden habe, ich glaube schon … ”

“Hast Du gehört, *Sohn, der Gewinner ist aus Kalabrien”, wandte er sich an den jungen Mann, der währenddessen hinter dem Tresen damit beschäftigt war, meine Pizza zu machen. Der murmelte was von das hab ich dir doch auch schon gesagt, warf mir einen verschmitzten Blick zu und schob meine Margherita in den Ofen.

“Na, die können es auch brauchen, da hat’s die Richtigen getroffen”, spielte *Vater währenddessen auf die kalabrische Wirtschaftslage an mich gewandt an. – “Oh, ja, absolut”, stimmte ich zu, “von dem Geld könnte man ganz Kalabrien, ach was sag ich, ganz Italien wirtschaftlich wiederherstellen und hätte immer mehr übrig, als man in einem Leben ausgeben könnte.”

“Darauf würde ich nicht wetten, da stehen dann ganz schnell die Verwandten und Freunde Schlange und jeder will etwas abhaben”, mischte sich jetzt auch der *Sohn ein. Pizza war ja im Ofen, da kann man mal mitschnacken.

“Und der, der ihnen den Lottoschein verkauft hat, will bestimmt auch was und der Staat will Steuern”, war *Vater überzeugt. – “Selbst dann ist das noch unglaublich viel Geld!”

Das Gespräch kam gerade zum Ende, als *Vater unvermittelt fragte: “Woher kommst Du eigentlich?”

Spaghetti alle vongole

“Ach, Du bist Deutsche? Letzten Monat war eine Gruppe Deutscher hier, die haben für 30 Euro gegessen und für 150 Euro getrunken!” Er war begeistert. 😀 Glaube ich. 😀

Nachdem ich also erklärt hatte, woher ich sei und was ich in Cagliari machte, klagte ich meinem neuen Freund erst einmal mein Leid darüber, dass ich in meiner Unterkunft ja die Küche nicht benutzen dürfe. “Wir werden uns in den nächsten Tagen wohl noch öfter sehen”, sagte ich halb im Scherz, halb im Ernst.

Er bedeutete mir, dass ich jederzeit willkommen sei. (Na wenigstens das! 😉 ) Und dass ich gern schon Morgen wieder kommen könne. (Logisch, ich bring ja Kohle. 😀 )

Man kann ja aber nun wirklich nicht jeden Tag (zwei Mal) Pizza essen. Also. Klar, kann man, aber ihr wisst schon …

Das sagte ich ihm ziemlich genau so, woraufhin er nur sagte: “Ich mach’ Dir Spaghetti alle vongole!” Seine Augen leuchteten, als er davon erzählte, dass er sie frisch vom Fischer bekäme. Meine zugegebenermaßen dann auch. Denn für Tiefkühlmuscheln muss ich nicht ans Meer fahren.

Nachdem ich meine Pizza artig verspeist und noch so manches Gesprächsthema mehr oder minder erfolgreich bestritten hatte, verabschiedete *Vater mich nach dem Bezahlen mit einem festen Händedruck und schwor mich noch mal auf die Spaghetti alle vongole ein.

Was soll ich mit dem Löffel?

Ich hatte die darauffolgenden Tage irgendwie schlechtes Timing. Jedes Mal, wenn ich vorbeilief, war die Pizzeria geschlossen. Erst am vorletzten Tag hatte ich nochmal Glück.

Ich war noch nicht richtig im Laden drin, da entdeckte *Vater mich von hinter der Theke, kam dahinter vor, steuerte mit ausgestrecktem Zeigefinger auf mich zu und begrüßte mich mit den Worten: “Spaghetti alle vongole?”

Na, aber Hallo! 😉

Er bereitete mir die Spaghetti mit Venusmuscheln frisch zu. Mit Knoblauch. Viel Knoblauch! Sehr viel Knoblauch! Wow, hab ich gestunken hinterher! 😀 Zum “Glück” musste ich ja aber niemanden mehr küssen an dem Tag. (Und an allen anderen auch nicht. 😛 )

Ein bisschen beleidigt war ich, als er mir das Besteck hinlegte. Was zur Hölle soll ich mit einem Löffel?

Erst dachte ich noch, dass das Besteck ja vielleicht schon so vorbereitet gewesen war. Als dann aber am Nachbartisch drei Sarden ebenfalls Spaghetti alle vongole bestellt haben und er ihnen jeweils nur die Gabel hinlegte und fragte, ob sie einen Löffel wollten, wusste ich: Das Klischee, wonach Deutsche Spaghetti nicht ohne Löffel essen (können), hält sich hartnäckig!

Pöh! 😉

Beim Gehen – ich hatte für die wirklich große Portion Spaghetti (“Ich hätte nicht gedacht, dass Du alles aufisst”, Zitat *Vater) plus ein Wasser und einen Kaffee 12 € bezahlt, was echt mehr als ok ist – drückte *Vater mir die Hand, umfasste sie mit der andern und schüttelte sie mir herzlich. Er wünschte mir eine gute Reise und bat mich, auf jeden Fall nochmal wieder zu kommen, sollte es mich nochmal wieder nach Cagliari verschlagen.

Aber klar das! 🙂

* Ich hab’s versucht, aber ich kann mich absolut nicht an die Namen erinnern. Darum halt Vater und Sohn. 😉

2 Comments

  1. Das ist eine schöne Geschichte! Ich finde, dass man sich gerade durch solche spontanen Kontakte sofort wohlfühlt. Dem nächsten deutschen Kunden erzählt der Vater dann sicherlich von dir 🙂

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