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Die Mär vom perfekten Deutschland

Immer wieder stoße ich in persönlichen Gesprächen oder in den Kommentarspalten von Auswanderergruppen bei Facebook auf die Idee von einem wirtschaftlich ach-so blühenden Deutschland. Da, wo jeder einen Job hat oder findet. Wo die Löhne gerecht sind. Verträge unbefristet. Wo man um 17.00 Uhr Zuhause ist und pünktlich Feierabend hat.

Während die einen in Nostalgie schwelgen und sich ein Deutschland schön reden, in dem sie seit 20 Jahren oder mehr nicht mehr leben, sich nicht mit dem Arbeitsmarkt konfrontiert sehen, die Realität verklären und jedes Gegenargument abwinken, weil sie es ja besser wissen.

Träumen die andern den Traum ihrer zurückgekehrten Großeltern, die mit ihrer Hände Arbeit einst erheblich zu unserem Wirtschaftswunder beigetragen haben und malen ein wunderschönes Bild von Deutschland als Wunderland, wo alles korrekt zugeht, keine Korruption herrscht, keine Jugendarbeitslosigkeit.

Eine Klarstellung über Deutschland 2017

Ich mein das sicher nicht bös und ich will bestimmt, niemanden daran hindern, sein Glück in Deutschland zu versuchen. Mitnichten. Tut, was immer euch das Herz sagt. Aber tut euch selbst den Gefallen und informiert euch! Und vor allem: Setzt nicht all eure Hoffnung auf das „gelobte Land“. Es ist einfach nicht alles Gold, was glänzt. Nicht in Italien. Nicht in Deutschland. Nirgendwo.

Und für alle Schönreder, Träumer und Nostalgiker, hier mal ein kleiner Reality-Check:

Die deutsche Toleranz

Die Idee: Deutschland ist tolerant.
Die Realität: Die deutsche Rechte erstarkt zusehends. In den vergangenen Jahren stieg

  • die Anzahl der Angriffe auf Menschen anderer Hautfarbe, Herkunft und Religion um 77%,
  • die Straftaten mit fremdenfeindlichem Motiv um 116% an.
  • Anschläge auf Asylunterkünfte um sage und schreibe 510%!

Und machen wir uns nichts vor. In einem blinden Hass gegen alle, die nicht blond und blauäugig sind, wird kein Unterschied zwischen Türken, Italienern, Griechen oder Albanern gemacht. Für den, der hasst um des Hasses willen, sehen alle Südländer wie Muslime gleich aus.
Es lohnt, sich ein wenig zu informieren und welche Ecken in Deutschland man vielleicht besser meidet. Und das mein’ ich nur gut.

Der deutsche Arbeitsmarkt

Die Vorstellung: In Deutschland findet jeder Arbeit.
Die Realität: Nicht jeder, nicht einmal jeder Ausgebildete oder Qualifizierte in Deutschland hat einen Job. Von einem unbefristeten Arbeitsvertrag ganz zu schweigen. Im Gegenteil: Fast 18% der 25 – 34-Jährigen Arbeitnehmer hat nur einen befristeten Arbeitsvertrag. Und mehr als 50% dieser Verträge erreichen nicht einmal eine Laufzeit von 12 Monaten!

Die Vorstellung: Jeder Einwanderer findet hier einen Job, schon allein, weil Fremdsprachen so gefragt sind.
Die Realität: Zweischneidig. Es gibt Jobs, die kann man auch als Einwanderer problemlos bekommen. Die, nämlich, die die Deutschen nicht machen wollen. Die Vorstellung, in seinem erlernten Beruf zu arbeiten, nur weil man eine Fremdsprache beherrscht, trügt.

Zwar sind Fremdsprachen bzw. Muttersprachler anderer Sprachen ein Einstellungskriterium, dennoch muss auch die Zielsprache (in dem Fall Deutsch) beherrscht werden und im Zweifelsfall auch Englisch sitzen.

Wer ohne Deutschkenntnisse nach Deutschland kommt, kann höchstens über Beziehungen Jobs bekommen, die entweder schlecht bezahlt sind oder deren Bedingungen strapazieren (Nachtschicht am Fließband).

Wer meint, sich zunächst als Kellner in einem italienischen Restaurant durchschlagen zu können, um von dort aus weiterzusuchen, sein Deutsch zu verbessern etc., lasst euch gesagt sein:

Ich habe von mehreren Italienern gehört, dass ihre italienischen Chefs sie in Deutschland noch schlechter behandeln, als in Italien. Sprich, die Anstellung wird nicht angemeldet, ihr seid nicht krankenversichert und im Zweifelsfall vom Good Will eures Chefs abhängig – auch bei der Unterkunft. Und gezahlt wird mal ja, mal nein und natürlich in einer Höhe ganz nach Lust und Laune. Überlegt euch das gut!

Die Vorstellung: Mit Minijobs und Teilzeitjobs so lang jonglieren, bis eine feste Vollzeitstelle in Aussicht ist.
Die Realität: Teilzeitlöhne sind selbst bei übertariflicher Bezahlung so gering, dass nach Abzug aller laufenden Kosten oft nur ein Minimalsatz übrigbleibt, der kaum mehr als eine Tankfüllung im Monat zulässt, damit man mit dem Rest gerade noch so über die Runden kommt.

Mehr als 3 Millionen Menschen haben im Jahr 2016 mindestens einen Zweitjob angemeldet, weil das Einkommen der regulären Arbeit nicht ausreicht. (Zum Vergleich, 2003 waren es 1,6 Millionen.) Die Tendenz ist steigend. Die Dunkelziffer (Schwarzarbeit) unbekannt.

Dass das auch Auswirkungen auf das Sozialleben und die eigene physische und psychische Verfassung hat, sollte jedem denkenden Menschen logisch scheinen. Denn mehrere Jobs kosten Kraft, Energie und Zeit. Ausgehen, Freunde treffen, Menschen kennenlernen – ist alles nicht mehr oder nur noch selten drin.

Die Vorstellung: Das Arbeitsamt und Zeitarbeitsfirmen haben immer was in der Hinterhand.
Die Realität: Wer in Deutschland arbeitslos gemeldet ist, bekommt vom Amt zwar Vorschläge gemacht. Ob die allerdings zu seiner Qualifizierung passen oder nicht, er darf keine Vorschläge ablehnen, sonst drohen Gelderkürzungen.

Bewerbungen und Jobinterviews sind obligatorisch und hin und wieder wird bei den Unternehmen sogar nachgefragt, ob man sich im Bewerbungsgespräch gebührlich verhalten hat. Kommt dem Amt was zu Ohren oder kann man nicht mindestens fünf Bewerbungen (eigeninitiativ oder vorgeschlagen) pro Monat nachweisen, drohen Sanktionen.

Zeitarbeitsfirmen vermitteln zwar Arbeitsstellen. Sie zwacken sich aber von eurem ohnehin geringeren Gehalt, das ihr in einer noch unsichereren Anstellung verdient, ihren Anteil ab. Das verringert euren Lohn zusätzlich.

Die Vorstellung: In Deutschland wird pünktlich Feierabend gemacht, Überstunden werden, wenn überhaupt welche anfallen, bezahlt oder durch freie Tage vergütet, freitags fällt der Hammer um 14 Uhr.
Die Realität: Überstunden sind längst der Normalzustand. Und zwar egal in welcher Branche. Auch, wenn mancher deutsche Italienauswanderer das nicht wahrhaben will. Und zwar unbezahlte. Im Vertrag stehen 40 Stunden + ein „zumutbares Maß“ an Überstunden, die selbstverständlich nicht bezahlt werden. Was dabei ein „zumutbares Maß“ ist, obliegt natürlich der Interpretation der Arbeitgeber.

Die Vorstellung: Aber der Lohn! Der Lohn ist doch viel höher als in Italien!
Die Realität: Also, laut dem Portal Forexinfo liegt der Durchschnittslohn pro Monat in Italien bei rund 1.500 €. Ich hab in meiner letzten Anstellung weniger verdient, als das. In Deutschland. In der viertteuersten Stadt dort (lt. Mietpreisspiegel 2016).

Insgesamt zeigt sich auch bei der Lohnentwicklung der letzten 15 Jahre ein eher ernüchterndes Bild. Während zwischen 2000 und 2015 die Produktivität um 18% stieg, sind die Löhne (Netto) gerade mal um 7% angewachsen.

Wie bei solchen Schieflagen Mieten von 1.100 € (kalt) für eine 65-qm-Wohnung in Berlin oder 720 € für eine 45-qm-Klitsche in München noch bezahlt werden können sollen, weiß der Himmel. Auch nicht mit dem Mindestlohn von (Achtung, Ironie!) stolzen 8,84 €, für den sich die deutschen Politiker so gerne selbst beweihräuchern.

Die deutsche Korrektheit

Die Vorstellung: In Deutschland gibt es keine Korruption in der Politik, in der Wirtschaft wird ethisch korrekt gehandelt, kurz: Alle halten sich hier an die Regeln.
Die Realität: Wenn es darum geht, Mietverhältnisse per Vertrag zu regeln, statt per Handschlag. Wenn es darum geht, nicht bei Rot über die Straße zu gehen. Wenn es darum geht, zu einer vereinbarten Uhrzeit am Treffpunkt zu sein. Wenn es darum geht, sofort zu sanktionieren, wenn jemand die Abgabe der Steuererklärung verpennt hat. Dann, ja!

Hier nur mal eine handvoll Beispiele für die vielseits gelobte, gelungene deutsche Korrektheit:

  • Helmut Kohl – der Ex-Kanzler hat 5,1 Million Euro angeblicher Parteispenden in unbekannten Kanälen verschwinden lassen.
  • VW – ich sag nur Abgaswerte?!
  • Kfz-Lobbyisten im Verkehrsministerium – und wir wundern uns, warum Benzin so teuer ist und die Investitionen in die eAuto-Entwicklung so klein gehalten werden. NICHT!
  • Uli Hoeneß – der Bayern-Präsident wurde wegen Steuerhinterziehung in Höhe von fast 30 Millionen Euro verurteilt. (Und mittlerweile schon wieder entlassen und rehabilitiert. Mia sann mia und so, ne. 😉 )
  • Deutsche Bank – ich zitiere mal aus dem Handelsblatt: „’Die Finanzbranche lebt davon, dass man anderen Leuten einen Gefallen tut’, sagte ein in Hongkong ansässiger Investmentbanker.“ Vetternwirtschaft? In Deutschland? Niemaaaals!

Was ich damit sagen will. Die vermeintliche Korrektheit, die Deutschland nach außen hin so blankpoliert demonstriert, gibt es nur da, wo sie am wenigsten nötig wäre. Bei der korrekten Länge des Rasens im Garten. Bei der Din-Norm von Gartenzwergen und was weiß ich noch wo überall sonst.

Hinter dieser glänzenden Fassade liegt genauso eine korrumpierter und korrupter Sumpf, wie überall sonst auf der Welt. Wenn mich in Italien jemand drauf anspricht, wie es sein kann, dass man aus Deutschland keine vergleichbaren Korruptionsskandale hört, sag ich schon nur noch: Wir tarnen’s halt geschickter. 😉

Was ich damit sagen will

Deutschland ist nicht das Paradies. Nicht das, das einige frustrierte Auswanderer glauben, in grauer Vorzeit hinter sich gelassen zu haben. Und nicht das, das einige von der Regierung und Wirtschaft enttäuschte Italiener glauben, darin zu erkennen.

Deutschland ist kein Paradies. Genauso wie Italien kein Paradies ist. Und Mexiko ganz sicher auch keins. Oder Amerika, Russland, China, Chile.

Wollt ihr wissen was das Paradies ist?
Costa Rica. Das ist das Paradies! 😀 😛

Scherz beiseite. Paradies ist, was ihr draus macht. Egal, wo ihr seid. Catherine, mit der ich vor einer Weile mal ein Interview geführt hab über ihr Auswandern in die Toskana, hat dazu auch erst kürzlich einen lesenswerten Artikel veröffentlicht. Nicht das Wo ist entscheidend. Sondern die eigene Einstellung. Man kann’s in Deutschland gut haben und in Italien schlecht. Oder in Italien gut und in Deutschland schlecht. Letztlich muss man die Umstände annehmen und das beste daraus machen, versuchen sie zu verändern oder zumindest zu seinen eigenen Gunsten zu gestalten. Aber das gilt eben für jeden Ort auf dieser Welt. Sogar für Costa Rica. 😉

 

 

P.S. Ich kenn übrigens auch Italiener, die für Investmentbanken arbeiten oder für Exxon Mobile. Mit einer guten Ausbildung, Englischkenntnissen (besser noch: Englisch und Deutsch) und einem Quäntchen Glück kommt man auch in die Multinationalen rein – wenn es das ist, was man will. Schöne neue (Arbeits-) Welt.

16 Comments

  1. Liebe Julia,

    dann wünsch ich dir eine schöne Zeit in Deutschland und bin gespannt auf den eventuellen Follow-up- Beitrag.
    Ebenfalls ganz liebe Grüße, gute Reise und gute Rückkehr ins heiße Baar!

    Alex

  2. Liebe Julia,

    sorry, sorry, jetzt hast du mich missverstanden. Ich meinte Dich nicht persönlich, sondern eher allgemein, sollten wir uns vor Besserwisserei und Belehrungen hüten. Das ist nämlich etwas, was man vielen Deutschen nachsagt und nicht ganz zu unrecht wie ich meine. Ich ertappe mich leider selbst oft dabei.
    Was die Gastarbeiter aus den 60er Jahren angeht, gebe ich dir auch recht. Die Situation war anders. Sie wurden wirklich gebraucht und eingeladen, auch wenn man sie dann oft sehr schlecht behandelt hat. Siehe z.B. der Fiim “siamo ialiani” über Gastarbeiter in der Schweiz, die ihre Familien nicht nachkommen lassen durften und erniedrigende Medizinchecks über sich ergehen lassen mussten. Auch in Deutschland gab es viele Ressentiments.
    Ich meinte nur, dass die Bilder vom Wirtschftwunderland und des heute ökonomisch starken Deutschland ja sehr präsent sind und man Menschen nicht verurteilen sollte, die vielleicht etwas naiv hierherkommen (abgesehn von denen, die aus großer Not kommen). Dass man sie warnt und das Bild korrigiert finde ich ja total o.k. und nichts anderes hast du ja gemacht.

    Ich wollte selber auch nach Italien auswandern und hab die Idee noch nicht aufgegeben. Meine Erfahrung war: man kann sich noch so gut informieren, man wird immer auf Dinge stoßen, die man vorher nicht bedacht hat und sich gar nicht vorstellen kann.
    Trotzdem waren es wertvolle Erfahrungen und es war die Wut oder der Mut der Verzweiflung, die mich dahin getrieben haben.

    Nochmal vielen Dank nochmal für den tollen Artikel. Ein wirklich komplexes Thema. Liebe Grüße nach Bari

    Alexandra

    • Hi Alex, ok, dann nehme ich das zurück, dann hab ich das tatsächlich fehlinterpretiert. 🙂 Du hast Recht, es ist ein sehr komplexes Thema, das auch oft die Grenze persönlicher Empfindlichkeiten streift. Und ich stimme dir in jedem Fall zu, dass wir Deutschen uns aufgrund unserer Position (politisch wie ökonomisch) nur allzu gern (und nur allzu oft auch unbewusst) in besserwisserischer Manier darstellen. Den Filmtipp merk ich mir in jedem Fall mal und auch über die Kontaktaufnahme mit dem Sozialwissenschaftler, den Du in deinem Artikel zitiert hast, denke ich nach wie vor nach. Aber nächste Woche geht es nun erstmal nach Deutschland, also muss das noch ein bisschen warten mit dem eventuellen Follow-up-Beitrag. 🙂 Einen ganz lieben Gruß zurück aus dem 32°C heißen “Baar”. 😉

  3. Hallo zusammen,

    ich möchte all jene, die scheinbar blauäugig nach Deutschland kommen ein bißchen in Schutz nehmen.
    31 Prozent der jungen Italiener zwischen 20-24 gehören zur sogenannten Gruppe der NEET (Not engaged in Education, Employment or Training). Sie haben in Italien kaum eine Perspektive und sehen im Fernsehen wahrscheinlich ständig Bilder vom Wirtschaftswunderland Deutschland, in dem es (offiziell) kaum Arbeitslose gibt. Schon in den 60er Jahren kamen viele Süditaliener nach Deutschland und haben hier zumindest wirtschaftlich ihr Glück gemacht. Noch schlimmer ist es in Afrika. Ich habe in Apulien mit einem Afrikaner gesprochen, der in Todesangst in einem Boot über das Mittelmeer, kam weil er in seiner Heimat wie ein Sklave eingesperrt wurde. Sein Traum war es, nach Deutschland zu kommen und Fussballprofi zu werden. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, ihm diesen Traum auszureden. Es ist doch oft die pure Verzweiflung, die Menschen nach Deutschland lockt. Ich verstehe Julias Absicht, die Leute zu warnen, das Bild von Deutschland zu relativieren und ich stimme da zu, aber ich finde wir sollten vorsichtig sein mit jeder Art von Besserwisserei. Wir können gar nicht wissen, was diese Leute durchmachen. Stattdessen können wir versuchen, die Welt mal vom Süden aus zu sehen. Dabei können wir sicher viel lernen.
    Hier eine Stimme aus Apulien:

    https://www.dasmeerundapulien.com/2017/06/04/franco-cassano-und-das-mediterrane-denken/

    Gute Reise und liebe Grüße!

    • Hey Alex, danke für deinen Beitrag und Kommentar. Ich hatte ja auch geschrieben, dass ich niemandem seinen Traum madig machen möchte oder ihnen abraten will davon, ihm zu folgen. Leider wird es gern (auch in Italien) missverstanden, wenn ich ein paar Dinge über Deutschland klarstellen will. Oft wird es so verstanden, als würde ich den Leuten Deutschland schlechtreden wollen oder ihnen ihre Träume zerplatzen lassen. Alles was ich sage ist, geh, versuch dein Glück, aber stell dich ein bisschen drauf ein, dass die Dinge auch anders sein können, als Du es vom Hörensagen kennst oder es Du dir in deiner Vorstellung ausmalst. Und im Grunde hab ich das ja auch im Beitrag betont. (In allen Sprachen.) Mir haben ja auch genug Menschen (Italiener allen voran) abgeraten, hierher zu kommen. Ich glaub, probieren sollte man es immer. Nur eben nicht mit der Blauäugigkeit, die im Übrigen auch viele Italienauswanderer aus Deutschland gegenüber dem Land haben, in das sie ziehen wollen. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. 🙂 Schade auch, dass der Artikel scheinbar “besserwisserisch” rüber kam. Hab ich eigentlich nicht so empfunden, aber als Autor kann man ja auch mal “schneeblind” gegenüber der eigenen Schreibe sein bzw. versteht vielleicht manche Betonung und Intention im Geschriebenen besser, als jemand, der den Artikel aus einer neutralen Position heraus liest.
      Und natürlich kann ein Perspektivwechsel nie schaden. Ich versteh sehr gut, was die Leute in Deutschland sehen und warum sie dorthin wollen. (Allem voran der Lebensstandard und die Jobsituation, sicher nicht wegen dem blauen Himmel und traumhaften Wetter an 365 Tagen im Jahr oder unserer berühmten Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit.^^) Allerdings finde ich es gewagt, die Situation im Wirtschaftswunder (50er und 60er) mit der aktuellen Lage zu vergleichen. In den Nachkriegsjahren wurde der 100ste, 1.000ste, 10.000ste Gastarbeiter mit Fanfarenzug am Bahnhof empfangen. Scheinbar freundlich und dankbar für deren Hilfe in Form von Arbeitskraft, allerdings sollten sie eben nur Gäste sein. Man ging ja davon aus, die würden “irgendwann wieder zurückgehen”. 😉 Ich denke, das sind einfach zwei Dinge, die man auch getrennt betrachten sollte, wenngleich natürlich nicht alles losgelöst vom andern ist, denn das Bild, das die ehemaligen Gastarbeiter von Deutschland in Italien geteilt haben, besteht ja immer noch in den Köpfen derer, die heute einfach mal drauf los in Richtung Deutschland machen, weil dort alles vermeintlich besser ist.
      Ich glaube, das ist ein Thema, über das man eeewig sprechen kann. Tatsächlich will ich auch noch die andere Seite porträtieren, ich kenne viele Italiener in Deutschland – einige von ihnen sind zurück nach Italien, andre sind geblieben. Wenn ich irgendwann mal Muse und Zeit hab (und die auch + Lust), stell ich deren Sicht auf die Dinge gerne auch dar. 🙂 Balance ist schließlich alles. LG und danke nochmal für deine Darstellung und den Kommentar. 🙂

  4. Hallo Julia,

    vieles aus deinem Artikel kann ich so unterschreiben. Nicht nur in Italien spuckt diese Idealvorstellung von Deutschland in den Köpfen herum. In den letzten Jahren war ich viel in Ostafrika unterwegs. Auch dort hält sich hartnäckig die Meinung, dass jeder Deutsche reich ist, ein Haus hat und nicht viel arbeiten muss. Wenn ich dann von meinen 2 Jobs erzähle (ich gehöre zu den 3 Millionen) und von der 6 Tage-Woche, dann können viele gar nicht glauben, das es sowas auch im Herzen Europas gibt.

    LG,
    Anne

    • Hi Anne,
      ja, es ist ein bisschen absurd, tatsächlich und erklärt gleichzeitig aber auch, warum viele dann so unglücklich sind, wenn sie mit der Realität konfrontiert werden. Ist es dir auch passiert, das die Leute dir das gar nicht glauben wollten? Mir passiert das ständig! Ich komm mir teilweise schon richtig schlecht vor, weil ich immer denk, das klingt, als würd ich den Leuten Deutschland ausreden wollen. Dabei will ich ihnen nur nichts vormachen, das tun sie selbst ja schon zur Genüge… 🙁
      LG Julia

  5. Hallo Julia,
    ein wirklich sehr gut geschriebener Artikel. Wie heißt es so schön: Man ist immer das Opfer seiner eigenen Entscheidungen! Wer sich entscheidet blauäugig alles stehen und liegen zu lassen und einer Illusion zu folgen, bitte schön. Der muss es dann wohl auf die harte Tour lernen. Ich habe kein Verständnis dafür, dass man sich nicht ausreichend über ein Land informiert, in welches man seinen Lebensmittelpunkt verlegen will. Nun, vielleicht ist es aber auch meine ach so deutsche gründliche und skeptische Art, mit der mir so etwas nie passieren würde 😉
    Liebe Grüße
    Sabine

    • Hi Sabine,

      das kann ich so zu 100% unterschreiben. Das sind dann nämlich auch die, die sich beschweren, wenn es im Wunschland dann doch nicht alles so ist, wie es in der eigenen Vorstellung oder im Urlaub war und es beruflich nicht läuft, wie es der Cousin vom Onkel seinem besten Freund einem in den schillerndsten Farben ausgemalt hat.

      Tatsächlich finde ich in dem Fall die deutsche gründliche und skeptische Art gar nicht verkehrt! 😉

      LG Julia

  6. Liebe Julia,

    danke für diesen Beitrag! Den würde ich am liebsten (in der ital. Version) meinem Onkel schicken, wenn nicht mittlerweile der Kontakt abgebrochen wäre. Es ist schon echt traurig. Meine Verwandten haben immer auf uns geschaut als wären wir “anders”…. Die “Deutschen”, die ja ein so viel besseres Leben haben als wir hier in Sizilien. Als ich letztes Jahr mit meinem besagten Onkel unterwegs war, sagte er immer “lei viaggia il mondo” mit einem Ton in der Stimme als hätte er gesagt “sie ist die Queen persönlich und kriegt den Arsch mit Goldpapier abgewischt”. Das hat mich so wütend gemacht! Er wird es aber wahrscheinlich nie verstehen. Meine anderen Verwandten haben mir immerhin ein bisschen zugehört…

    Also, genug gejammert! Toller Artikel! DANKE, DANKE, DANKE 😀

    Liebe Grüße,
    Barbara

    • Hi Barbara,

      oh je, das klingt ja wirklich nicht gut. Tut mir leid, dass das Verhältnis so zerrüttet ist. Vor allem, weil es einfach nur Missverständnisse und Wunschdenken sind. Klar, wer nicht hinterfragt, für den klingt immer alles nur toll, was die andern machen. Wie es halt immer so ist: Die Kirschen in Nachbars Garten sind roter, süßer, das Gras dort grüner. Aber wehe, man stellt das dann klar. Dann stimmt das ja nicht. -_-
      Die Logik erschließt sich mir nicht. Es gibt doch immer Vor- und Nachteile bei allem!

      Danke trotzdem für das liebe Kompliment. Auch, wenn ich so unschöne Erinnerungen hervorgerufen hab.

      LG Julia

  7. Liebe Julia,

    ich gebe Dir in vielem recht, was du über Deutschland geschrieben hast. Vielen Dank für die Klarstellung.
    Was mich am meisten an Deutschland nervt, ist dass wir so tun als wären wir die “Guten”: wir haben angeblich in der Wirtschaftskrise alles richtig gemacht (die schwarze Null steht) und Griechenland vor dem Bankrott gerettet. Wir haben angeblich Vollbeschäftigung. Zu dem Preis, dass Millionen von Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen schuften oder aus der Arbeitslosenstatistik rausgerechnet werden, weil sich sich in irgendwelchen obskuren Massnahmen befinden. Wer Hartz IV Bezieher ist, hat zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel und muss sich ständig rechtfertigen dafür, dass er Sozialschmarotzer ist. Die Flüchtlinge haben wir zuerst mit einer “Willkommenskultur” empfangen, um das Problem dann in die Türkei auszulagern. Wir sind nicht die Guten, wir sind die (wirtschaftlich) Starken. Wir profitieren als Exportnation mit am meisten von der EU und zwingen dem Rest Europas, vor allem dem Süden, unsere sogenannten Reformen auf.
    Mit der Politik in Italien kenn ich mich leider, leider zuwenig aus. Aber wie hat ein Freund aus Apulien so schön gesagt: “Einen so blauen Himmel könnt ihr euch in Deutschland nicht kaufen.”

    • Hi Alexandra. Sorry für die späte Antwort, die letzten Wochen hab ich mich kaum um meinen Blog gekümmert. (Asche auf mein Haupt!)
      Ja, aber ich kann dir wirklich nur zu 100% zustimmen. Und ich versteh auch total den Frust der Italiener / Spanier / Griechen, die von der EU im Grunde gar nicht wirklich profitieren bzw. nur eine bestimmte soziale Schicht, wie in Deutschland eben auch. Allerdings wird es in den ökonomisch noch schlechter gestellten Ländern Europas eben sehr viel deutlicher. Plus, Deutschland tut ja sein Möglichstes, um diese Länder schön in der Abhängigkeit zu halten – ich sag nur “kein Schuldenschnitt in Griechenland, stattdessen wieder Pensionskürzungen und höhere Steuern für Gering- oder Wenigverdiener. Und auch das schürt Protektionismus und Ressentiments, die Populisten nur zu gerne aufgreifen und einen Austritt aus der Union fordern. Mah.
      Und wie du so schön sagtest:

      Wir sind nicht die Guten, wir sind die (wirtschaftlich) Starken.

      Genau das!

      Und was den blauen Himmel angeht … oooh ja, richte deinem Freund liebe Grüße aus, er hat totaaaal recht. Und wie sich das aufs Gemüt auswirkt, kann keine wirtschaftliche Sicherheit leisten. Viele Grüße aus Bari!! 🙂

  8. Super geschrieben, spricht mir sehr aus dem Herzen. Aber diesen Beitrag musst Du unbedingt noch übersetzen.

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