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Totgesagte leben länger … und ein Sightseeing-Tipp! 🙂

Wie sagt man so schön?! Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. In meinem Fall trifft diese Redewendung den ebenfalls oft zitierten Nagel auf den nicht minder sprichwörtlichen Kopf.

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Ich bin noch da!

Ja, es sah die letzten Wochen nicht so wirklich danach aus, aber ich bin tatsächlich noch da. Und auch immer noch in Italien. Und immer noch in Bari.

Nur mittlerweile hab ich die Wohnung gewechselt, die mir erst ein Freund eines Freundes besorgen wollte, bis sich dann herausstellte, dass der Vermieter ebenfalls ein Freund meines Freundes ist. Klingt kompliziert, macht am Ende des Tages aber sehr wohl Sinn. 😀

Zunächst standen eigentlich zwei Wohnungen zur Auswahl und ich wollte eigentlich nicht die, in der ich nun wohne. Auch, weil sie zunächst teurer war. Dann aber stellte sich eben dieses Freunde-Klüngel raus, das am Ende auch durchaus positive Auswirkungen auf meinen Geldbeutel hatte.

Somit bin ich nun also einen Monat vor Ablauf meines ersten Mietvertrages aus der WG – die ohnehin nur als Übergangslösung gedacht war – in eine der wenigen Einzimmerwohnungen gezogen, die es in Bari und Italien generell gibt.

Der nächste Schritt war mein Internet klar zu kriegen, wobei der Anbieter das Modem zuallererst einmal an die falsche Adresse geliefert hat – ich frage mich, wozu ich eigentlich Dokumente ausfülle, wenn’s dann eh nicht beachtet wird.

Weil das ein riesen Hin und Her war, kam das Modem aber statt Mittwoch nun erst Freitag an. Aber immerhin, ich bin online. Ausgerechnet an dem Tag, an dem ich eigentlich in meinem Cowork-Büro bin. Also gleich mal einen Tag Cowork-Miete umsonst bezahlt. Je nun, so macht es die erste Woche Gratisnutzung zum Ausprobieren wieder wett.

Dafür bin ich in den letzten Wochen beinahe über mich selbst hinaus gewachsen. Nicht nur, dass meine Freiberuflichkeit langsam anfängt, Früchte zu tragen – was sich u.a. eben auch darin zeigt, wie wenig Zeit ich für den Blog momentan habe –, ich hab mittlerweile auch einen Friseur gefunden und habe mein Heimweh, das zwei Wochen lang so krass war, dass ich mich am liebsten umgehend ins Flugzeug gesetzt hätte, erfolgreich … nun ja, bekämpft möchte ich nicht sagen. Überwunden. Klingt besser. Unter anderem eben durch die Nutzung eines Coworking-Spaces. So bin ich wenigstens 3 Tage die Woche unter Menschen und arbeite außerdem disziplinierter, als Zuhause, wo die Ablenkung so naheliegend ist. (Haushalt, Filme, Facebook.)

Eine zweite Strategie war – oder ist – mich zu verplanen. Und zwar so, dass ich sowohl privat, als auch beruflich was davon hab. Und außerdem so, dass ich möglichst wenig Zeit zum Nachdenken hab.

Nachdem nun also im März ein Wochenende in Rom und eine Woche „Heimaturlaub“ anstehen, sowie der Besuch eines American-Football-Spiels (ja, Bari hat eine eigene Footballmannschaft, sogar auch ein Frauenteam, aber leider hab ich mir in der Vergangenheit bei diesem Vollkontaktsport Knie und Bandscheiben kaputt gemacht, sodass ich lieber keine Mitgliedschaft riskieren will), war ich im Februar ein Wochenende an der italienischen Westküste, einen Freund besuchen. Und weil ich mit dem wiederum das gleiche Hobby teile, hat mich das wunderbar entspannt und mir sehr viel Input gegeben.

Und eben jener Besuch am tyrrhenischen Meer bringt mich zu Punkt zwei, meinem Sightseeing-Tipp.

Ein bisschen Griechenland in Italien

Mein Freund lebt südlich von Neapel in einer kleinen Stadt mit dem hübschen Namen Agropoli. Und allein dieser gibt bereits Aufschluss darüber, wer da seinerzeit Fuß an Land setzte und Siedlungen errichtet hat.

Nun ist die Gegend um Neapel ohnehin eine, in der es viel zu sehen gibt. Neapel selbst vorneweg, Capri, Pompeji, Salerno… Langweilig wird einem in Kampanien sicher nicht so schnell.

Und etwa eine Stunde südlich von Salerno liegt Agropoli. Nur etwa 15.000 Menschen leben hier, dafür gibt es aber rundherum einiges zu erkunden. Kleine Ortschaften, Strände und viel, viel Geschichte. Erreichbar ist das Umland per Zug, Bus oder im Zweifel mit dem Auto.

Da ich nur ein paar Tage vor Ort war und es 2/3 der Zeit zudem noch regnete, haben wir uns bei meinem Besuch auf einen Ausflug in das nahe gelegene Paestum beschränkt.

Paestum

Mit dem Zug ging das zügig und günstig, auch, wenn man beim Aussteigen erstmal das Gefühl hatte, mitten im Nirgendwo zu stehen.

Zehn Minuten zu Fuß die Straße zwischen links verfallenen, einst herrschaftlichen Landsitzen hinter hohen Mauern und rechts Äckern und Feldern hinunter kommt man direkt ins Herzstück von Paestum:

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Ein riesiges Freiluftareal, das einen gefühlt nach Griechenland versetzt. Olivenbäume zwischen Tempelanlagen erstrecken sich über mehrere Kilometer an einer Schilffläche entlang, die davon zeugt, dass das Meer bei der Errichtung von Paestum etwa 600 v. Chr. (damals unter dem Namen Poseidonia) viel näher an der Stadt lag, als heute.

Und damals wie heute war die ländliche Region von fruchtbarem Ackerboden umgeben, wodurch es den Siedlern gelang, aus Paestum eine reiche Stadt zu machen. Gut erkennbar an den – besonders in Anbetracht der weiteren Entwicklung Paestums – unglaublich gut erhaltenen Tempeln zu Ehren Athenas, Heras, Zeus‘ und des namensgebenden Poseidon.

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Die Lukaner, die Paestum etwa zwei Jahrhunderte nach dessen Gründung durch die Griechen eroberten, machten aus Poseidonia Paistos. Die Römer, die weitere 150 Jahre später auch ein Wörtchen mitzureden hatten, verpassten ihr dann den lateinisierten Namen, den sie noch heute trägt: Paestum. (Von den Italienern übrigens gern auch geschrieben und ausgesprochen Pestum.)

Nun hat die Nähe zu einem Meeresarm aber nicht nur Vorteile. Das mussten auch die Bewohner Paestums erkennen, als sich das Stadtgebiet etwa ein Jahrtausend bis 1.100 Jahre nach der Gründung langsam aber sicher in Sumpfgebiet verwandelte. Und wo feuchtwarmes Klima und Sumpf, da viele Mücken. Und gegen die Malaria, die diese Mücken übertragen, gab es damals noch kein Mittel.

Die Bewohner zogen sich zurück, Paestum fiel der Natur und später den Sarazenen und Normannen zum Opfer.

Erst im 18. Jahrhundert sollte die Stadt wiederentdeckt werden. Sogar Goethe hat sie seinerzeit bereist und ich kann mich seiner Ausführung in „Italienische Reise“ über Paestum nur 1:1 anschließen:

Von einem Landmanne ließ ich mich indessen in den Gebäuden herumführen, der erste Eindruck konnte nur Erstaunen erregen. Ich befand mich in einer völlig fremden Welt.

Hellás!

Es ist tatsächlich eine Reise in eine andere Zeit und in ein anderes Land, die man mit einem Besuch in Paestum unternimmt. Obendrein begünstigt wird dieses Gefühl durch die Lage der Tempelanlage.

Klar, die obligatorischen Touriläden für Souvenirs und teures Essen am Straßenrand sind da schon. Aber wenn man diese antike Stadt einmal betreten hat, nimmt man nichts mehr vom umliegenden Ort wahr.

Goethe und mir jedenfalls ging es so. Paestum ist eine Zeitreise. Und mehr noch: Man kann auf den alten Straßen der Stadt entlang schlendern, die Tempel besteigen, das kleine Amphitheater begehen und kann sich vor dem inneren Auge bildlich (oder eher filmisch) vorstellen, wie der Alltag der Menschen zwischen 500 vor und 500 nach Christus hier ausgesehen haben muss.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gibt es ein Museum, der im Eintrittspreis für die Tempelanlage (immerhin knackige 10 €) inbegriffen ist und den ich euch ebenfalls ans Herz legen möchte.

Hier könnt ihr von bunt verzierten und bemalten Grabplatten (das bekannteste ist das Tomba del Tuffatore) über Werkzeuge und Fresken, die auch nach all den Jahrtausenden und der Versumpfung der Stadt von unglaublich hochwertigem Kunsthandwerk zeugen, bestaunen. Anders jedenfalls kann man sich kaum erklären, dass sie all das so vergleichsweise unbeschadet überstanden haben.

Alles, was ihr in UNESCO Weltkulturerbe Paestum zu sehen bekommt – ob draußen oder drinnen – erzählt die Geschichte einer einst wohlhabenden Stadt und verrät unglaublich viel über deren Bewohner, ihren Glauben, ihre Weltanschauung, ihren Alltag und ihre Fertigkeiten.

Wenn es euch also im Urlaub an den Golf von Neapel oder ans tyrrhenische Meer verschlägt, macht bitte, bitte einen Tagesausflug nach Griechenland Paestum! #MagnaGraecia

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