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American Football in Italien – Navy Seals Bari

Ich muss es so sagen: Italien ist nicht unbedingt für seine Offenheit amerikanischer „Kulturgüter“ gegenüber bekannt.

Bei Starbucks, Coca-Cola, MacDonalds und Konsorten kann ich das bestens verstehen. Um eine meiner Lieblingssportarten tut’s mir ein bisschen leid. Meiner Meinung nach hätte American Football grundsätzlich überall mehr Aufmerksamkeit verdient. (Die Vorurteile sind mir geläufig, ebenso wie die gesundheitlichen Konsequenzen, die mittlerweile sogar von der NFL anerkannt sind, wo man durch immer neue Regeln versucht, diese zu minimieren. Trotzdem ist Football kein brachialer Machosport, sondern wird nicht grundlos auch als Rasenschach bezeichnet.)

Italien ist aber nun mal eine Fußballnation. Kein Wunder also, dass die Ränge im ausgedienten Fußballstation von Bari ein eher trauriges Bild abgaben. In meinen Augen nicht gerechtfertigt. Aber konsequent.

Dass Bari eine American-Football-Mannschaft – sogar ein Frauenteam – hat, habe ich eher zufällig herausgefunden, als ich nach einer Möglichkeit suchte, den SuperBowl 2017 nicht allein daheim gucken zu müssen.

Am 05. März war ich dann beim ersten Heimspiel der neuen Saison. Die Navy Seals Bari gegen die Delfini Taranto.

American Football live

Football ist kein Sport zum Alleinegucken. Fußball kann ich allein gucken und mich trotzdem reinsteigern. Beim Football gelingt mir das nicht so gut. Außer ich hab einen Grund, mich richtig aufzuregen.

Ich glaub, dass einem als Zuschauer das Herz blutet, versteht man als Außenstehender bei so einem „stumpfen, brutalen“ (oder überhaupt irgendeinem) Sport nicht unbedingt. Aber als ehemals selbst aktive Spielerin tut es mir in der Seele weh, wenn ich „mein“ Team verlieren sehe. Und ich kann mich hölle aufregen, wenn ich unnötige Fehler entdecke. Schlimmer noch, in mir keimt dann das Bedürfnis, selbst aufs Feld zu stürmen und mitzumischen. 😀

Leider verdanke ich meinem – „Julia, mach mal 50%, nicht 100. 100 kannst Du am Gameday geben.“ *hust* – Einsatz einen unerkannten Bandscheibenvorfall (was mir erst beim zweiten, der dann aber schon nichts mehr mit Football zu tun hatte, rückblickend klar wurde) und einen unfairen Tritt von außen ans Knie durch eine gegnerische Spielerin, der dann das frühe Ende meiner aktiven Footballzeit bedeutete. Andernfalls hätte ich längst dort angefragt, ob ich der Frauenmannschaft beitreten kann.

Was mein „Leid“ beim Football-Gucken noch vergrößert ist dieses diffuse Zugehörigkeitsgefühl zu einer Teilmannschaft. In diesem Fall zur Defense.

Beim American Football gibt es eine Defense-Mannschaft und ein Offense-Team (sowie ein paar sogenannte Special Teams, das würde jetzt aber zu weit führen). In der Regel spielt jeder Spieler nur in einer der beiden Mannschaften.

(Unsere Frauenmannschaft damals war so klein, dass eine Spielerin immer mehrere Positionen beherrschen musste. So hab ich zum Beispiel in der Verteidigung

Meine Lieblingsposition war Nose Tackle. Das ist der bzw. die, die in der Verteidigungslinie gegenüber dem Offensivspieler steht, der den Ball nach hinten weitergibt (der heißt Center). Der, der den Ball übernimmt ist der QB, Quarterback, und der kann wahlweise selbst den Ball werfen oder damit laufen oder aber an den hinter ihm positionierten Fullback weitergeben.

Sogenannte Trickspielzüge sorgen dann gern mal für Verwirrung, wenn der QB so tut, als würde er dem Fullback den Ball übergeben, behält ihn aber gut versteckt und beide rennen in unterschiedliche Richtung ins gegnerische Spielfeld.

Ich drifte ab … wo war ich?

Navy Seals Bari vs. Delfini Taranto

Jedenfalls fühle ich mich durch meine eigene Spielerfahrung in der D-Line dem Defense Team immer sehr verbunden. Sobald die Defense „meines Teams“ auf dem Feld steht, bin ich versucht ganz laut „LET’S GO, DEFENSE, LET’S GO!!!“ zu brüllen. 😀

Weil die Ränge aber so traurig leer waren und ich nicht unnötig Aufmerksamkeit auf mich ziehen wollte oder mich lächerlich, hab ich diesen Drang schweren Herzens unterdrückt.

Dabei hätte die Defense der Navy Seals wirklich Support gebrauchen können. Das englische Wort cringe beschreibt treffend, wie ich mich gefühlt habe. Gibt’s da ein deutsches, dass passt? Mir fällt grad keines ein …

Navy Seals Defense

Was mir zuallererst auffiel: Die D-Line geht viel zu früh in die Senkrechte, müsste länger „unten“ bleiben und in dieser Position die O-Line von unten diagonal nach oben aufbrechen. Geht übelst auf die Oberschenkel, aber ist unglaublich effektiv. Hebelwirkung heißt das Stichwort. Außerdem haben Nose Tackle und Guards aus dieser Position heraus die Möglichkeit durch die Lücken zwischen den Center, Guards und Tackles zu schlüpfen und so die Chancen eines Sacks des QBs zu erhöhen bzw. Full- und Runningback ggf. in der eigenen Spielfeldhälfte zu stoppen und Yards gutzumachen.

Stehen die Defense-Linemen zu früh auf, sind sie selbst viel zu ungeschützt und viel zu leicht angreifbar. Plus, sie verlieren die Energie aus dem Horizontalstart auf dem Weg nach oben, statt genau die für den Block der Offense Guards zu nutzen.

Was mich das Nerven gekostet hat … ihr habt keine Vorstellung! 😀 Jungs, bitte, bleibt unten! ARGH! 😀

Die D-Line der Navy Seals muss beweglicher, flexibler und reaktionsfreudiger werden. Es tat mir mehr als einmal leid, zu sehen, wie die O-Line der Delfini sie auseinandergenommen hat.

Das gilt auch für ihre Tackles – die man sowieso kaum zu sehen bekam. Ich weiß nicht, ob es die Angst ist, davor, dem Gegner in die Beine zu springen oder sich fallen zu lassen. Aber einige Male hätte ein tatsächlich ausgeführtes Tackle die Delfini davon abhalten können so unglaublich viele Yards zu gewinnen. 🙁 Schade drum. Wirklich. Ich schätze, da fehlt es an Mut.

Mir wurde auch gesagt, dass einige Spieler in der Herrenmannschaft noch frisch sind, grade aus der Jugendliga aufgestiegen mit 19 Jahren. Kein Wunder, dass da Spielerfahrung fehlt und eben die Angst vor eine Verletzung beim Tackle noch überwiegt. Vor allem, wenn man vor einem erfahrenen Bomber aus der Gegenmannschaft steht und nicht im Training vor einem Teamkameraden.

Aber aus eigenSeals_in_Bedrängnis-370x285 American Football in Italien - Navy Seals Barier Erfahrung weiß ich, dass auch die Bomber und Bäume fallen. Sehr leicht sogar. Wenn man eben die Beine tackelt und nicht am Oberkörper oder gar den Schultern. Mut, Jungs, dann klappt das! Ihr müsst nur die richtige „Sollbruchstelle“ finden. 😉

Nicht gerade förderlich für die Defense-Moral war auch, dass einer der – meiner Meinung nach stärksten – Linemen schon im ersten Quarter verletzt ausfiel. Ich hoffe, er wird bald wieder, denn ich glaub, von ihm können grade die Jungen im Team noch recht viel lernen.

Navy Seals Offense

Die Offense der Navy Seals war stärker als ihre Defense. Aber den Delfini Taranto immer noch weit unterlegen.

Einmal mussten sie sich sogar die Blöße geben und haben einen Ball an die Delfini Defense verloren, die die Chance sofort ergriffen und eine völlig perplexe Seals Offense geradezu stehen ließen, um das Ei in die Endzone zum Touchdown zu tragen.

Mir blutete das Herz und ich mochte gar nicht hinsehen … 🙁

Und so kam dann letztendlich, was kommen musste: Die Delfini Taranto entschieden das erste Heimspiel der Navy Seals mit knackigen 35:0 für sich. 🙁

Ich selbst hab nur vier Touchdowns (6 Punkte) und drei Two-Point-Conversions (2 Punkte) gezählt, komme damit nur auf 30:0. Allerdings war ich zwischenzeitlich auch mit der Kamera abgelenkt und damit, meine Schwester, die die Fahne in einem nur noch aus ihr bestehenden Frauenteam der Longhorns Weinheim hochhält und mit der ich sooo gern zusammengespielt hätte, aber nie übers Training hinauskam (ich sag ja, Knie und Rücken), den Spielverlauf zu whatsappen. 😀

1v4_Fieldgoals_Delfini-770x515 American Football in Italien - Navy Seals BariIrgendwo müssen mir da wohl noch Conversion-Punkte oder Safety-Goals durchgeschwuppt sein.

Alles in allen kein unbedingt aufbauendes Ergebnis – gerade beim ersten Heimspiel der Saison. Ich wünsch den Navy Seals Bari für den 12. März (das nächste Heimspiel) gegen Neapel ganz viel Erfolg!

Leider bin ich ausgerechnet an diesem Wochenende in Rom und kann so diese Partie nicht sehen. Am 30. April treten sie in Salerno gegen die Eagles an – ich könnte ja noch mal nach Agropoli fahren für ein paar Tage und von da nach Salerno … 😉

Das nächste Heimspiel in Bari findet dann erst wieder im Mai statt. Da werd ich zusehen, dass ich wieder dabei bin. Forza, Seals!

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