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Das hier ist ein Artikel, den ich eigentlich bei meinem alten Arbeitgeber als freie Mitarbeiterin einreichen wollte. Im Zuge meiner „Recherche“ hab ich auch ein Interview geführt, für das ich diese „Hoffnung“ noch nicht aufgegeben habe. Leider ist es nur so, dass ich aktuell kaum dazu komme, neue Artikel in Eigenregie zu schreiben. Und was jetzt vielleicht gleich nach Jammern klingt, spielt sich auf einem doch recht hohen Niveau ab – dessen bin ich mir sehr wohl bewusst und es soll mitnichten als Ausdruck typisch deutscher Unzufriedenheit verstanden werden. Eher ein leises Bedauern. Darüber nämlich, dass ich vor lauter Fremdaufträgen kaum noch dazu komme, meinen Blog weiterzuschreiben.

Es bleiben also mittelfristig nur zwei Alternativen:

  1.  Entweder ich gebe dem Blog den Gnadenstoß.
  2. Oder ich nehme Auftrags- und damit finanzielle Einbußen in Kauf, um ihn zumindest zu einem meiner Standbeine, langfristig vielleicht gar zum meinem Hauptstandbein auszubauen. Eine Idee, die ich schon lange habe. Aber ohne eine gewisse finanzielle Absicherung scheint mir das Vorhaben schlichtweg zu riskant. Denn auch in (Süd-) Italien kostet das Leben eben Geld.

Sei’s drum. Kommen wir zum eigentlichen Beitrag. 😉

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The Other Side Of The Ink – Women’s Tattoo Convention in Rom

Es ist wahrscheinlich nur einem Bruchteil meiner Leser*innen (die aufgrund meiner Inaktivität in den letzten Monaten überhaupt noch dabei sind) überhaupt bekannt, dass ich eine gewisse Affinität zu Tätowierungen nicht absprechen kann.

Eigentlich geht das sogar so weit, dass ich auf die Frage „Wie viele Tattoos hast Du?“ gar nicht mehr weiß, wie und was antworten. Denn wie zählt man, wenn aus einem Tattoo durch das Anfügen eines weiteren (also eigentlich 2) eines wird? Wie zählt man einen vollständig tätowierten Arm? Als ein Tattoo? Oder als viele? Pro Motiv oder pro Körperstelle? Wie dem auch sei. Ich bin jedenfalls von meiner deutschen Tätowiererin ein bisschen angefixt und neugierig geworden, auf die Frauenconvention in Rom.

Convention: Eine Convention – auch im Comicbereich ein gebräuchlicher Begriff – ist eine Messe oder Ausstellung, wo man Künstler und Aktive live bei der Arbeit beobachten kann. Meist umrahmt von einem Programm auf einer Bühne, einschließlich Vorträgen oder Wettbewerben.

Ich war schon auf einigen Conventions, deutschen natürlich, und kenne den Ablauf und die Aufmachung im Grunde genommen. Dennoch war ich vor meiner ersten italienischen Tattoo Convention ein bisschen aufgeregt. Total gespannt darauf zu sehen, wie sich eine reine Frauen-Convention einerseits und eine italienische andererseits von denen unterscheidet, die ich bisher so besucht hatte.

Zu meiner Enttäuschung eigentlich gar nicht.

Ist das schon Gleichberechtigung oder noch Feminismus?

Nur die Entstehungsgeschichte der Tattoo Convention fand ich ganz spannend. Vielleicht ist daraus auch die Vorstellung erwachsen, dass die Other Side Of The Ink Convention irgendwie anders sei.

Das erste Mal, dass diese Frauen-Tattoo-Convention in Rom nämlich stattfand, fiel auf einen 08. März. Und der ist bekanntlich der Weltfrauentag. Aber der 08. März (wieder jeder andere Tag im Jahr) fällt nicht immer auf den gleichen Wochentag und Conventions finden per se an den Wochenenden statt. Damit wird der nächste Weltfrauentag für die Convention wohl erst 2022 wieder ein Ankerpunkt.

Und wenn ich grundsätzlich die Förderung von Frauen begrüße, besonders in ansonsten betont männlich dominierten Nischen, so hat sich mir der Sinn und Nutzen einer reinen Frauen-Tattoo-Convention nicht so 100%ig erschlossen.

Wäre das komplette Programm von Frauen gestaltet worden, wären vielleicht sogar nur weibliche Kundinnen zugelassen worden und nur weibliche Medienvertreter, hätte die Jury bei den abendlichen Contests nur aus Frauen bestanden (von 5 Juroren, war 1 eine Frau) – dann hätte es einen Unterschied gemacht. So scheint eine solche reine Tätowiererinnenmesse irgendwie nur als konkurrenzlose Gegenveranstaltung zu normalen Conventions. Diese sind übrigens für alle offen. Nicht nur für männliche Künstler. Und ich glaube, wenn man sich schon messen möchte, dann doch bitte wirklich gleichberechtigt. Und nicht unter dem vermeintlichen Vorteil rein weiblicher Mitstreiterinnen.

Versteht mich nicht falsch. Ich will damit mitnichten die Fähigkeiten, Talente oder Maßstäbe, die einige der Tätowiererinnen, die ich bei der Other Side Of The Ink gesehen und kennengelernt habe, an den Tag legen, klein reden. Absolut nicht. Ich finde eigentlich eher, sie halten sich damit selbst klein. Denn natürlich ist es leichter zu bestehen, wenn man sich gegen weniger Konkurrenz durchsetzen muss. Und natürlich ist die Konkurrenz um Welten größer, wenn es plötzlich nicht nur die nach wie vor prozentual geringe Anzahl weiblicher Tätowierer „zu schlagen“ gilt.

Ich glaube im Gegenteil, dass einige der Künstlerinnen, deren Arbeit ich auf der Tattoo-Convention in Rom bestaunt habe – und mit größtem Respekt bestaunt habe – sich auch gegen die größere Konkurrenz auf gemischten Convention locker durchsetzen könnten.

Insgesamt ist also ein eher gespaltenes Verhältnis zu – in letzter Konsequenz gar nicht mal wirklich – rein weiblichen Tattoo-Conventions bei mir übrig geblieben.

Einerseits…

  • … haben mich einige der Tätowiererinnen wirklich tief beeindruckt.
  • … kann ich mir vorstellen, dass viele Frauen in dem Beruf unter der männlichen Konkurrenz untergehen.
  • … versteh ich, dass eine Frauen-Tattoo-Convention den Künstlerinnen eine Möglichkeit gibt, aus dem Schatten hervorzutreten und leichter auf sich aufmerksam zu machen, als auf einer normalen Convention, die ja nun auch nur begrenztes Teilnehmerkontingent hat.
  • … versteh ich auch, dass es besonders Neulingen, wie etwa meiner Interviewpartnerin, die seit gerade einmal 4/5 Jahren tätowiert, leichter fällt, nicht gleich unter den Druck zu geraten, den eine gemischte Convention vielleicht mit sich bringt, weil man sich unter Frauen irgendwie sicherer fühlt.
  • … hätte ich ja selbst viele Tätowiererinnen ohne eine solche Frauen-Convention gar nicht wahrgenommen – sogar eine Künstlerin aus Bari habe ich in Rom getroffen.
  • … dient eine solche Veranstaltung auch dazu, das Publikum zu sensibilisieren dafür, dass Tattoos kein Männerding mehr sind und somit Vorurteile gegenüber (stark und sichtbar!) tätowierten Frauen abzubauen (und glaubt mir, einige Menschen haben das – in Deutschland wie in Italien – ganz bitter nötig).

Andererseits…

  • … ist für mich, die ich mich ausgesprochen viel in Männerdomänen und betont maskulin geprägten Subkulten bewege, der einzig funktionierende Weg, solche Fronten aufzubrechen der, dass man sich mit ihnen misst, neben und zwischen ihnen besteht und sich nicht aufgrund des Geschlechtes unter dem Vorwand der Förderung und besonderen Aufmerksamkeit über Schleichwege eben jene generiert.
  • … ist so eine „Female-Only“-Veranstaltung für mich immer dann irgendwie sinnlos, wenn sie nur der Bauchpinselei dient – man stelle sich vor, es gäbe eine All-Male-Convention, was das für ein Aufschrei wäre.
  • … wurde die Idee der anderen, nämlich der weiblichen Seite der Tinte (aka. Tattoos) nicht bis in die letzte Instanz konsequent durchgezogen – blanker Busen on stage hält die männlichen Besucher entschieden besser bei Laune, als die weiblichen und wenn schon Männer ins Bühnenprogramm aufgenommen werden, sollten die der Weiblichkeit zuliebe doch mindestens ebenso blank ziehen, statt im Yankee-Doodle-Dandy-Outfit mit lustigen Bällchen zu jonglieren; immerhin reden wir hier doch von gleichem Recht für alle oder?!

Bin ich zu kritisch?!

So richtig weiß ich nicht, was ich von der The Other Side Of The Ink halten soll. Klar, für Tätowiererinnen, vor allem solche, die aus dem Ausland kommen oder die noch neu sind, ist so eine reine Frauen-Tattoo-Convention eine tolle Plattform. Und ich will weder dieser Frauen-Convention in Rom noch der in Berlin ihre Existenzberechtigung absprechen. Aber irgendwie hat der Besuch bei mir ein gewisses G’schmäckle hinterlassen, das ich nicht so richtig einzuordnen weiß.

Positiv in Erinnerung geblieben sind mir neben dem tollen Gespräch mit meiner Interviewpartnerin vor allem die netten Veranstalter. Auch der betont respektvoller Umgang zwischen Künstlern, Medienvertretern, Besuchern und Kunden (bis auf ein, zwei Zwischenfälle, die sich mir eingebrannt haben), der auf der The Other Side Of The Ink in Rom herrschte, ist auf jeden Fall positiv hervorzuheben. (Das hab ich auch schon anders erlebt.) Und aus künstlerischer Perspektive dürfen auch die wirklich spektakulär talentierten Künstlerinnen nicht unerwähnt bleiben, die sich auf der Frauen-Tattoo-Convention zusammengefunden hatten. Punktabzug gab’s für die Anreise, wobei selbst die mit der Buslinie 780 von der Piazza Venezia aus ohne Umsteigen möglich war. Nur halt was lang. Aber das kann man dank dem Aufgebot weiblichen kreativen und kunsthandwerklichen Talents getrost in Kauf nehmen.

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Hat sich der Besuch der Frauen-Convention in Rom für mich gelohnt? Jein. Ich hab jedenfalls fleißig Visitenkarten eingesteckt und würde mir von ein oder zwei Tätowiererinnen, mit denen ich dort gesprochen hab, auch wirklich gern ein Tattoo stechen lassen. Irgendwann. Andererseits hab ich meine Erwartungen vielleicht etwas zu hoch gesteckt und wurde leider ein bisschen enttäuscht. Die Convention unterscheidet sich schlichtweg bis auf die rein weiblichen Tätowierer in Nichts von anderen Tattoo-Messen.

Sie könnte eher so eine Art „sanfter Einstieg“ werden für an Tattoos und dem Kunsthandwerk an sich Interessierte. Oder für Rombesucher, die dort mal was erleben möchten, das sich vom üblichen Touristenprogramm abhebt. Erreichbar ist die Messe wie gesagt per Bus, aber auch mit der Metro – wo ihr dann aber ein paar Meter mehr zu Fuß zurücklegen müsst. Ansonsten aber aber problemlos zu finden. Denn das Sheraton Hotel ist von weitem aus zu erkennen. Dort könnt ihr dann auf etwa 1.000 m² verteilt Verkaufsstände von Tattoosupply (Farben, Maschinen, Schmuck, Mode) und über zwei Räume Tätowiererinnen bei der Arbeit bestaunen. Der Eintritt pro Tag liegt bei fairen 10.- €.

2 Comments

  1. Generell stimme ich Dir zu, dass sich Frauen auch mit Männern im Tätowieren messen können sollten, denn hier hat kein Geschlecht physische Nachteile. Von daher hätte ich es vielleicht verstanden, wenn Männer zwar als Tätowierer, aber nur Frauen als Besucher auf der Messe zugelassen worden wären. Ich muss sagen, dass ich mich eigentlich als offene und tolerante Person sehe, aber ich muss trotzdem zugeben, dass mich stark sichtbar tätowierte und vielleicht auch anderweitig verzierte Männer eher abschrecken. Ich würde mich als Neuling daher unter Frauen sicher erstmal wohler fühlen, um in so ein Ambiente hineinzuschnuppern.

    • Stimmt, je nach Körperbau wirken stark tätowierte Männer sicher was bedrohlicher als sichtbar tätowierte Frauen. (Wobei das aber auch viel mit dem Körperbau und der generellen Ausstrahlung zu tun hat. Ein mit Totenköpfen übersähter 2m-Kleiderschrank nachts auf dem Kiez mit Lederhose und Bomberjacke wirkt schon anders, als jemand, der vielleicht normale Körperstatur hat und im Supermarkt hinter einem an der Kasse steht.) Erfahrungsgemäß ist aber oft das Gegenteil der Fall – die Bunten sind die sensibleren. Was natürlich nicht pauschal gesagt werden kann und zugegebenermaßen so manche Erscheinung erschreckt sogar mich als Hartgesottene immer noch ab. 😀

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