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Nord-Süd-Gefälle

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Nord-Süd-Gefälle

Nachdem ich mittlerweile recht häufig in Italien war, vor allem in Süditalien, sind meine Sprache und mein Wortschatz merklich von süditalienischen Begriffen und oft auch von der entsprechenden Aussprache geprägt. (Den Akzent mal außen vor.)

Am deutlichsten wird das in der Häufigkeit, mit der ich das Wort mo‘ verwende. Irgendwie geht es mir leichter über die Lippen als das „ellenlange“ adesso oder zweisilbige ora.

Bei meinen letzten beiden Reisen in Italiens Norden sind mir aber noch zwei andere gravierende Unterschiede aufgefallen – von der Aussprache mal abgesehen:

Wenn ich mein Frühstück bestelle, dann bestelle ich einen „normalen Kaffee“ und ein „Hörnchen“, also un caffè, höchstens noch un caffè normale und un cornetto.

Aber nur im Norden versichert sich der Barista immer nochmal rück: „Einen Espresso und ein Brioche?“ 😀

Jaaa, einen espresso oder caffè ristretto und ein brioche bzw. Croissant [kʁwasɑ̃], wie der Franzose sagt oder ein [kʁɔso] Krossoh, wie es der Deutsche auszusprechen pflegt.

Mir war klar, dass es Unterschiede in der Sprache gibt zwischen Nord und Süd – so sagte mir ein Bekannter aus Emilia-Romagna auch, wenn man im Norden das Passato Remoto verwendet, wird man schief angeschaut, weil’s einfach niemand benutzt! -, aber dass das Nord-Süd-Gefälle so auffällig ist, selbst für mich als Fremde, wird mir erst so langsam durch das Reisen klar.

Für ’nen Kaffee reicht’s immer

Es gibt mehrere Gründe, warum ich die italienische Kaffeekultur liebe:

  1. Man kann viel Kaffee trinken, ohne zu viel Kaffee zu trinken:

    Da der normale Kaffee dort in kleinen Schlückchen (deutsch: Espresso) serviert wird, wird mein Kaffeebedürfnis (und das ist ziemlich ausgeprägt) erfüllt, ohne, dass ich das Gebräu literweise in mich hinein schütte. Wenn ich daran denke, wie viel Kaffee ich bisweilen im Alltag vernichtet habe und wie stark ich diesen Kaffeekonsum mittlerweile herunter gefahren habe, ist es schon ein merklicher Unterschied. Das fing schon morgens auf der Arbeit mit mindestens zwei, eher drei „Humpen“ (also großen Kaffeetassen mit einer Füllmenge von 250 ml) vor 12 Uhr an und nachmittags auch nochmal mindestens eine Tasse gleicher Größe – eventuell sogar zwei. Summa summarum kam ich also mit dem „Mindestkonsum“ schon auf einen dreiviertel Liter – oft eher sogar einen Liter. Die italienische Kaffeekultur kommt mir dahingehend entgegen, dass ich meinen Kaffeekonsum bei gleichbleibender Tassenanzahl dennoch reduzieren kann.

    Kaffee sagt man ja bisweilen nach, dass er gar der Intelligenz förderlich sein soll, aber eines ist sicher: irgendwann entwickelt man gegen die Wirkung des Koffein eine Art Resistenz, wie gegen so manchen Wirkstoff. So, dass man immer mehr davon zu brauchen meint oder braucht, um die gleiche Wirkung aufrecht zu erhalten. Mein deutscher Kaffee in deutschen Mengen und sicher auch für deutsche Verhältnisse nicht ganz üblichem Verbrauch sorgte schon lange nicht mehr dafür, dass ich wach war und blieb. Also wurde er eher zum Genussmittel. Wirkungslos, aber gut. Durch den mittlerweile häufigen Kontakt mit dem italienischen Stil des Kaffeetrinkens kann ich ganz reinen Gewissens immer noch meine drei / vier / fünf Tassen (à 60 ml) trinken, ohne auch nur annähernd an einen Liter pro Tag heranzureichen. Vier Tassen caffé normale bringen mich gerade einmal auf eine große Tasse Kaffee am Tag. Dank der ristretto Natur des italienischen Kaffees ist er außerdem auf 60 ml locker so stark wie oder gar stärker als ein deutscher Kaffee lungo mit 250 ml. Und das bringt mich schon zu #2:

  2. Der Geschmack:

    Der caffé ristretto – und da lasse ich nicht mit mir diskutieren 😀 – schmeckt einfach besser. Logisch, weil weniger Wasser durch das Kaffeepulver gefiltert wird und das gleichzeitig bei höherem Druck. Und selbst wenn man nicht über einen edlen Vollautomaten verfügt, ist die Zubereitung das Schlüsselelement:

  3. Mit der Kaffeemaschine auf dem Herd ist das Zubereiten allein schon ein kleines Zeremoniell. Dazu habe ich zu Beginn des Blogs ja bereits ein paar Zeilen verfasst. Man kann durch diese Art die Zubereitung seine Vorfreude auf den Kaffee so richtig genießen. Auf dem Gasherd geht’s zudem auch noch recht fix, so dass man nur wenig Zeitvorteil mit den mittlerweile allerorts anzutreffenden Pad- oder Kapselmaschinen hat – die nebenbei auch aus umweltbedenklichen Gründen eher so…..meeehhh…..sind. Aber einer der Hauptgründe – wenn nicht gar der Hauptgrund, warum ich der Kaffeekultur Italiens so viel abgewinnen kann ist:

  4. C’è sempre tempo per un caffé – für einen Kaffee ist immer Zeit. Das beste Beispiel? Meine letzte Rückreise von Italien. Den Flug für den 15.08. habe ich lange im Voraus gebucht, ohne wirklich darüber nachzudenken. Es passte einfach gut in meinen Zeitplan. Davon, dass es sich am 15.08. um einen Feiertag handelt, erfuhr ich erst später. Von Termoli nach Pescara hatte ich noch Glück: Der Zug fuhr unverändert und kam (ausnahmsweise) auch pünktlich.
    Angekommen (16.10 Uhr) am Hauptbahnhof Pescara setze ich mich also samt Handgepäcksrollkoffer in Bewegung, um zur gewohnten Bushaltestelle zu gehen, von der der Bus zum Flughafen fährt. Eines ist auffällig an diesem Tag: es sind kaum Menschen auf der Straße. Bis auf einige wenige, ebenfalls mit Koffern und Taschen bepackte. Aber die Einheimischen kann man heute fast an zwei Händen abzählen. Die Haltestelle ist ungewohnt leer. Genaugenommen sitzt nur ein einsamer Mensch auf der Bank. Ich denke: Nun, vielleicht ist gerade erst ein Bus abgefahren, ziehe mir das übliche Ticket und warte erst einmal.

    Als eine Gruppe mit Strandutensilien bepackter Leute die Haltestelle ansteuert, bin ich zunächst beruhigt. Oh, was ist das…Sie haben kurz mit dem Mann auf der Bank gesprochen und gehen wieder weg… In diesem Moment kommt ein Vater-Sohn-Gespann an die Haltestelle, nestelt am Ticketautomaten und der Vater fragt mich nach der Uhrzeit, so dass ich nicht genau verfolgen kann, was die Leute vorher zum Abdrehen veranlasst hat. Also sage ich dem Vater die Uhrzeit und nutze die Gelegenheit, einmal mehr über meinen Schatten zu springen, meine Unsicherheit in der Fremdsprache mit Fremden zu sprechen hinunterzuwürgen und frage nach, ob denn die Busse heute nicht fahren würden. Und finde heraus: Sie fahren, aber nicht an dieser Haltestelle. Ahaaa! Er zeigt auf die Haltestellen gegenüber dem Parkplatz vor Pescaras Hauptbahnhof und sagt, dass man heute von dort abfahren müsse. Ich mache mich also auf den Weg zurück durch den gerade einsetzenden Regen – selbstverständlich in Shorts und T-Shirt, ohne Jacke oder Schirm. Steuere die Haltestelle Nummer 8 an, an der schon jemand sitzt und studiere erst einmal den Fahrplan. Ok, fahren soll der Bus hier. Um aber wirklich sicher zu gehen, frage ich die umstehenden Leute, ob ich denn nun richtig sei. Man sagt mir, der Bus führe an Feiertagen und sonntags an einer Haltestelle auf der anderen Seite des Bahnhofs. Es folgt ein weiterer AHA-Moment, ich bedanke mich und ein freundlicher Mann bietet mir an, dass ich mit ihm gemeinsam dorthin laufen könne, weil er den gleichen Bus nehmen müsse und er habe ja einen Schirm, so würde ich weniger nass. Letzteres stellte sich als Fehlschluss raus, aber gut. Sei’s drum.

    Kurz überlege ich den Regenschirmverkäufern vor dem Bahnhofsgebäude (wahrscheinlich die einzigen Profiteure dieses Wetters, das sie allerorten dazu veranlasst, wie Pilze aus dem Boden zu schießen und die Gelegenheit zu nutzen,) einen Schirm abzukaufen, denke dann aber, dass das wegen ein paar Minuten eigentlich eine überflüssige Investition ist und verzichte.

    Während mein Begleiter mir mit jedem Schritt etwas merkwürdiger erscheint, kommen wir also an der Haltestelle an. Allerdings vor dem Bahnhof. Da er sicher ist, dass der Bus dort fährt, bleibe ich trotz meiner Zweifel stehen und überlege, dass es wohl wahrscheinlicher sein wird, dass ich als Nicht-Italienerin den Hinweis auf die andere Haltestelle falsch verstanden habe, als mein italienischer Begleiter. Zudem stehen auch eine handvoll weiterer Touristinnen da, also warte ich, während der Mann mit dem Regenschirm versucht, unser Gespräch aufrecht zu erhalten. Unter anderem indem er mich fragte, für wie alt ich ihn denn schätze….

    Als der Bus kommt, bin ich mittlerweile so unsicher über die Verbindungen, dass ich den Fahrer frage, ob er zum Flughafen fährt. Seine Antwort?! Nein, die Haltestelle für den Bus zum Flughafen ist auf der anderen Seite des Bahnhofs. Figurati! Hatte ich also doch recht. Mittlerweile war es circa 16:35 Uhr und zu zweit unter einem Schirm um den Bahnhof herumzulaufen erwies sich als etwas kompliziert – zumal mein Begleiter circa einen Kopf kleiner war als ich. Immerhin wusste er, wo die Haltestelle zu finden ist. Meine Augen sind noch immer nicht an die flaschengrünen Haltestellenpfosten in Italien gewöhnt und so übersehe ich die Haltestellen gerne oder halte sie für Werbeplakate, wenn nicht eine Bank oder eine Überdachung dabei ist. Den drei jungen Mädels von der andern Haltestelle hatte ich zuvor ebenfalls Bescheid gesagt, so standen wir nun also zu fünft an der Stelle und der mitteilungsfreudige Mann mit dem Regenschirm erzählte mir bereitwillig und ohne weitere Aufforderung meinerseits, dass er ein neurologisches Problem habe. Ma che dici! Aber schon seit Geburt. Beruhigend!

    Ein kurzes Studium des Fahrplans verrät, er soll in zwei Minuten fahren. Besser is‘ das! Immerhin schließt in einer Stunde das Gate und es dauert ein bisschen (20 / 25 Minuten), bis der Bus am Flughafen ankommt. Leider kommt der Bus nicht. Mit den drei Mädels, die zufällig, wie sich im Gespräch herausstellt, zum gleichen Flug müssen, beschließe ich, dass wir – sollte nicht bis um 5 ein Bus da sein – gemeinsam ein Taxi nehmen. Um zehn vor fünf kommt er dann endlich mit 10 Minuten Verspätung doch noch an und wir somit um zehn nach fünf noch „ganz locker“ pünktlich zum Flughafen.

    Ich hätte mir zwar den Fußweg von der Haltestelle des Busses vor dem Flughafen zum Flughafengebäude sparen können, weil dieses Mal der Bus doch ins Gelände reingefahren ist (scheint auch so ein Sonn- und Feiertagsding zu sein, gut zu wissen), aber immerhin. Ich war da und zu Fuß konnte ich wenigstens noch ein paar Züge meiner eine Woche zuvor erworbenen E-Zigarette nehmen. Ich entschied mich trotz sommerlichster Temperaturen dazu, wenn schon nicht das Top, dann doch wenigstens die Shorts gegen eine lange, dickere Jogginghose zu tauschen. (Im Nachhinein hätte ich doch auch das Oberteil wechseln sollen.) Immerhin lande ich spät und laut Wetterapp bei 10 Grad weniger. Also ab auf die Toilette und dieses Mal die kurze gegen die lange Hose getauscht – beim Hinflug hab ich’s genau umgekehrt gemacht hehe 😉 .

    Dank meines mittlerweile nahezu perfektionierten Packgeschicks und meines vorausschauenden Reisegenius‘ 😀 lag die lange Hose so oben auf, dass ich den Koffer nur minimal öffnen musste, um sie herauszuziehen. Also hopplahopp getauscht und einen Blick auf die Uhr geworfen. Zwanzig, fünfundzwanzig Minuten noch bis das Gate schließt, keine Person vor der Kontrolle. Für einen Kaffee reicht’s noch! 😉

    Also ab an die Bar, den Kaffee bezahlt und zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Pescara einen Moment Zeit zum Aufatmen. All die vorangegangene Hektik, die Gedanken daran, dass ich vielleicht den Flug verpassen könnte (und ob das nun wirklich nur schlecht wäre), die Traurigkeit über die neuerliche, vorübergehende Trennung, die Suche nach der richtigen Haltestelle, der Regen und die wenige Zeit, die bis zum Schließen des Gates noch blieb, löste sich gemeinsam mit dem Rohrzucker im Kaffee auf. Das Umrühren wirkte beruhigend, ja fast ein bisschen meditativ. Und während ich die Muster beobachtete, die die Crema durch die Bewegungen des Löffelchens in diesem schwarzen Elixier so zog, dachte ich: per un caffé c’è sempre tempo* und mein Puls entschleunigte binnen Milisekunden.


    *Ja, ich dachte das tatsächlich auf Italienisch. Der Umstand, dass ich mittlerweile sogar auf Italienisch denke, wenn ich die Sprache viel nutze, ist für mich ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich mich in der Sprache so langsam einigermaßen sicher bewegen kann. Das gibt mir etwas Selbstvertrauen im Umgang mit dem Italienischen und baut die Hemmungen vor Fehlern ab, die ich ganz klar immer noch zu Hauf mache, mit denen ich aber von Tag zu Tag entspannter umgehe.

Die Kaffeefalle

Eine der Dinge, die ich als bekennende Kaffeeliebhaberin an Italien besonders zu schätzen weiß, ist die Kaffeekultur.

Kaffee trinkt man dort zu nahezu jeder Uhrzeit. Auch schon mal abends um 23.oo Uhr, wenn man spät gegessen hat. Der Unterschied zu uns liegt wohl hauptsächlich in der Tassengröße.

Und das ist auch schon der „Kasus Knacktus“. Wer sich in einer der unzähligen Cafebars in Italien einen normalen Kaffee bestellt, bekommt das serviert, was bei uns unter dem Namen Espresso bekannt ist.

Wer also eher Schonkaffeetrinker ist, Koffein ohnehin nur in schwachen Dosen verträgt oder wer schon braun gefärbtes, heißes Wasser als Kaffee bezeichnet, sollte aufpassen, was er bestellt. Ein Caffè ist ein Espresso. Immer. Ausnahmslos.

Zwar kann man problemlos auch einen Espresso bestellen, die Baristas wissen schon, was man meint, aber man enttarnt sich natürlich auch sofort als Tourist. (Oder Neu-Italiener.)

Das was wir in unseren „Humpen“ zu schlürfen gewohnt sind, ist in Italien ein Caffè Americano.

Ein weiterer klassischer Kaffee-Faux-Pax ist der der Tageszeit. Einen Kaffee mit großem Milchanteil, wie der vielgeliebte Cappuccino oder Latte Macchiato (korrekt: caffè macchiato) wird typischerweise zum genauso typischerweise süßen und kleinen Frühstück getrunken.

Während man den normalen Kaffee zu jeder Tages- und Nachtzeit trinkt, ist der Cappuccino ein klassischer Frühstückskaffee.

Will man also in der Kaffeekultur aufgehen, sollte man es sich verkneifen, einen milchhaltigen Kaffee zu irgendeiner anderen Tageszeit als bis zum späten Vormittag zu bestellen.

Fun fact: In den überall über die Städte verteilten Bars, trinkt man den Kaffee in der Regel im Stehen. Direkt an der Bar. Der Gedanke dahinter mag wohl der sein, dass es sich wegen den zwei Schlückchen des schwarzen Lebenselixirs ohnehin nicht lohnt, sich hinzusetzen.

Hinsetzen, Zeit verbringen, das ist eine Sache, die man später am Tag beim Aperitivo macht. Der wiederum ist allerdings alkoholischer Natur. Man kann zwar auch einen Kaffee dazu ordern, aber der eigentliche Fokus liegt auf dem Spritz, Bellini oder was man eben so mag.

In diesem Sinne, ich mach mir jetzt erstmal ’nen Kaffee…

Kaffeemaschine Bialetti weiß
Meine heißgeliebte Bialetti. Vergesst Pads und Kapseln. DAS ist Kaffee! 🙂