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Von Brücken und Tempeln: 2 Highlights in Tarent

Zugegeben, neben den Stränden in der Umgebung ist in Tarent wohl das Castello Aragonese das Highlight schlechthin. Aber zwei weitere Highlights sollte man in Tarent auch nicht außer Acht lassen. Und – was ein Glück! – die liegen beide in unmittelbarer Nähe zum Kastell. Verlaufen auf dem Weg steht also nicht zur Debatte.

Aber sehenswert ist bei weitem nicht nur das Castello di Taranto. Stattdessen ist das wahre Wahrzeichen der Stadt der zwei Meere (also abgesehen von den zwei Meeren) tatsächlich die Drehbrücke, die die vorgelagerte Insel-Altstadt mit der ehemaligen Nekropole, auf der die Neustadt errichtet steht, verbindet.

Und ebenso ist das Castel Sant’Angelo nicht der einzige Zeitzeuge des antiken Erbes der Stadt im Salento. Es gibt gar noch einen älteren. Auch der befindet sich nur wenige Meter vom Kastell entfernt. Die dorischen Säulen auf der Piazza Castello sind Überreste eines altgriechischen Tempels, der dem Poseidon, dem Gott der Meere, geweiht war.

Diese beiden Highlights in Tarent stelle ich euch im heutigen Artikel vor.

Die Drehbrücke von Tarent

Tatsächlich ist Tarent in Italien untrennbar mit der Drehbrücke verbunden. Sie ist für die Stadt im Salento das, was für Rom das Kolosseum ist. Und so verwundert es nicht weiter, dass die Brücke das Wahrzeichen schlechthin ist. Noch vor dem Castello.

Wo heute die Drehbrücke den Kanal überquert, der innen gelegene Mar Piccolo mit dem offenen Meer verbindet, war in der Antike eine Landenge, die die Akropolis auf der kleinen Insel (heute die Altstadt) mit der Ex-Nekropole auf dem Festland (die heutige Neustadt) verband. Der Kanal, der nun heute zwischen den beiden Stadtteilen entlangfließt, wurde im 15. Jahrhundert künstlich angelegt. Es sollte das Kastell und die Altstadt besser vor feindlichen Angriffen durch die Türken schützen.

Wasserhydraulik_Drehbrücke_Tarent-225x300 Von Brücken und Tempeln: 2 Highlights in TarentDie erste Version der Drehbrücke in Tarent wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Ingenieuren aus Neapel konstruiert. Damals noch aus Holz und durch Wasserkraft betrieben. Hydraulische Turbinen, die immerhin satte 600 Kubikmeter Wasser umwälzen konnten bildeten das System zur Öffnung der Brücken. Untergebracht wurden sie im Turm San Lorenzo des Castel Sant’Angelo und können heute bei einer Tour durch das Kastell besichtigt und erklärt bekommen werden.

Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Holzdrehbrücke binnen zwei Jahre durch eine ein paar Meter breitere Metallbrücke ersetzt, um den moderneren Standards, vor allem natürlich dem Straßenverkehr, gerecht zu werden. Im Zuge der Erneuerung der Drehbrücke von Tarent wurde auch der Antrieb von Wasserkraft auf Elektrizität umgestellt.

Im Castello di Taranto kann man an einem Modell nachvollziehen, wie die Öffnung der Drehbrücke aussieht. Denn die echte Brücke wird heutzutage kaum mehr geöffnet. Genau genommen nur an wenigen Ausnahmetagen im Jahr. Etwa am 08. und am 10. Mai jeden Jahres. Dann nämlich wird das Fest des Schutzpatrons von Tarent, des heiligen Cataldus, mit einer für Süditalien typischen Prozession gefeiert. Hierbei wird eine Heiligenstatue des Bischofs per Boot vom kleinen ins große Meer hinausgefahren. Von den Balustraden auf der Festlandseite von Tarent aus kann man die Prozession und damit auch die seltene Öffnung der Drehbrücke beobachten. Ausnahmen wie der Besuch des Papstes (1989) bestätigen auch im Fall der Drehbrücke von Tarent natürlich die Regel. Zu solch ehrwürdigen Anlässen wird natürlich auch die Brücke bemüht. Ist ja klar.

Die dorischen Säulen des antiken Tempels in Tarent

Um als Wahrzeichen der Stadt Tarent zu fungieren sind die wenigen Säulenreste wohl zu unscheinbar. Dennoch sind sie vor allem Zeugen der langen Geschichte der ansonsten eher unscheinbaren süditalienischen Stadt. Einst waren sie wohl Teil eines dem Poseidon geweihten dorischen Tempels. Wobei mittlerweile auch Stimmen laut werden, die dieser Hypothese widersprechen und stattdessen vermuten, der Tempel sei einer griechischen Göttin geweiht gewesen.

Tarent_dorische_Säulen3-225x300 Von Brücken und Tempeln: 2 Highlights in TarentZur Debatte stehen derzeit die drei Göttinnen Artemis, Athene und Persephone, wobei Letztere favorisiert wird. Auch deshalb, weil man seinerzeit auch eine Statue der Persephone in Taranto gefunden hat, die derzeit übrigens in Berlin im Alten Museum bewundert werden kann. Sicher beleg- oder nachweisbar ist aber weder die eine noch die andere Theorie.

Was die dorischen Tempelsäulen von Tarent aber so besonders macht: Sie sind die ältesten Überreste der Magna Graecia, die das ehemalige Siedlungsgebiet der alten Griechen auf der italienischen Halbinsel umfasste.

Älter noch als die Tempelspuren in Sizilien oder die noch sehr gut erhaltene griechische Anlage in Paestum. Damit handelt es sich bei den dorischen Säulen auf der Piazza Castello von Tarent um die ältesten Spuren griechischer Besiedelung in ganz Italien. Ich finde, das alleine ist doch schon eine Erwähnung wert und wertet die Reste der Kultstätte gewaltig auf. Historiker nehmen an, dass die Besiedelung Süditaliens durch die Griechen hier in Tarent seinen Anfang nahm.

Ein historischer Überblick über die dorischen Säulen von Tarent

So ein kleiner Rest, so viel Geschichte: Man weiß heute, dass von den heute zwei verbliebenen Säulen von Tarent einstmals mindestens 10 existiert haben. Das ist deshalb bekannt, weil Artenisio Carducci (Tarantiner und Nachkomme eines alten, florentiner Adelgeschlechts) in seinem Kommentar auf Thomas von Aquins “Deliciae Tarantine” von zehn Säulen dorischer Ordnung spricht. Bis zum frühen 18. Jahrhundert konnte man auch noch alle 10 davon in Tarent bestaunen.

Dann wurde in Tarent ein Coelestinerkonvent gebaut und dafür brauchte man Baumaterial. Heute würde man es wohl mindestens als Frevel erachten, wenn man historische Gebäude sukzessive abtragen würde, um an Mauersteine zu kommen. Damals war das aber irgendwie üblich. Das beweisen auch die Spuren im Parco della Neapoli in Syrakus.

So blieb zunächst nur eine Säule stehen. Als letzte, stumme Zeugin vergangener Zeiten. Und selbst die wurde noch in einem kleinen Hof zwischen dem damaligen Krankenhaus und dem Konvent eingeschlossen.  Dort diente sie als Pflanzensäule. Aus heutiger Sicht verrückt, oder?

1881 wurden die nächsten und bis dato letzten archäologischen Untersuchungen durchgeführt, bei denen dann die zweite der aktuell sichtbaren Säulen ans Tageslicht gebracht wurden. Weiter gesucht wurde nicht, weil weitere Ausgrabungen die Zerstörung der angrenzenden Gebäude vorausgesetzt hätte. Wollte man nicht. Also war erstmal Schluss.

Das Fundament des griechischen Tempels in Tarent wurde dann wiederum eher zufällig entdeckt. Als später das Konvent zum Postamt umgebaut wurde. Das führte zu einem Für und Wider zwischen zwei Ministerien, das erst durch ein offizielles Schreiben Mussolinis beigelegt wurde. Daraufhin wurde zwar das Postamt an anderer Stelle gebaut, die Tempelruine wurde aber dennoch nicht weiter beachtet oder gar gepflegt.

Erst in den 1970-er Jahren erkannte Tarent seine Verantwortung für das historische Erbe und ließ die zwei heute sichtbaren Säulen und das Fundament drumherum freilegen.

So soll der dorische Tempel Von Tarent ausgesehen haben

Wie bereits gesagt weiß man, dass im Mittelalter vom Tempel des Poseidon in Tarent schon einmal 10 Säulen sichtbar waren. Die beiden heutigen Säulen dazu gezählt, resultiert daraus, dass der Originaltempel aus mindestens 12 Säulen bestanden haben muss. Archäologen und Historiker gehen sogar von mindestens 13 Säulen auf der Längsseite des Tempels aus. Von der kurzen Seite sind keine Spuren übrig, sodass nur vermutet werden kann, wieviele Säulen auf der Kopfseite des Tempels gestanden haben müssen. Man geht von 6 aus.

Die Säulen, die die vier Ecken des Tempels stützten, waren dicker und robuster, als die hinterbliebenen beiden. Das weiß man durch die Analyse anderer antiker Tempel der Griechen.

Die zwei Säulen von Tarent sind 8 Meter hoch, was die ungefähre Höhe des Tempels erahnen lässt. Bestanden haben muss der Tempel des Poseidon (der seinen Namen ja gar nicht so wirklich zurecht trägt) kalkhaltigem Sedimentgestein. Der Tempeleingang muss in Richtung des heutigen von der Drehbrücke überspannten Kanals zwischen Alt- und Neu-Tarent gelegen haben. Auch dies resultiert aus Forschungen der altgriechischen Kultur generell und der Magna Graecia im speziellen. Alle antiken Tempel der Griechen waren mit dem Eingangsportal zum Orient hin ausgerichtet.

…schon spannend, was zwei antike Säulen über die Geschichte und das historische Gesicht einer Stadt verraten können, oder?!

Wenn ihr jetzt Lust bekommen habt auf Tarent und noch ein bisschen mehr Lesestoff haben wollt, empfehle ich euch den Besuch von Barbara. Auch sie hat die Stadt im Saltento besucht und einen ausführlichen Artikel auf ihrem Blog Reisepsycho darüber veröffentlicht.

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1 Comment

  1. Hey Julia! Danke für die Erwähnung!
    Ich fand die Drehbrücke auch extrem interessant, weil ich so außergewöhnliche Bauwerke total gerne mag! Da hat sich jemand echt was gedacht dabei 😉

    LG Barbara

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