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Lost Places in Italien: Geisterdörfer in Kalabrien

Dass Italien, besonders Süditalien, unter der zunehmenden Landflucht des Kleinstadt- und Dorfnachwuchses zu leiden hat, ist ein bekanntes Phänomen. Wie die Orte damit umgehen, ist sehr unterschiedlich. Einige Bürgermeister nutzen die Chancen, die Flüchtende mitbringen, um ihre Heimatstädtchen wieder zu beleben. Andere Ortsvorsteher bieten Begrüßungsgeld und Mieten zu Spottpreisen, damit gewillte Italiener ihre abgelegenen Kleinstädte neu besiedeln. In wieder anderen kleinen Städten und Dörfern ist es für jegliche Wiederbelebungsmaßnahme längst zu spät. Sie sind verlassen, verfallen zunehmend und verwandeln sich in Geisterstädte.

Was bleibt sind Spuren einer vergangenen Besiedelung, die höchstens noch als Filmkulisse oder als interessante Fotomotive taugen. Das aber wiederum tun sie auf höchst spektakuläre Weise. So auch die beiden Lost Places in Italien, um die es heute gehen soll. Beide liegen im nicht (mehr) ganz einfach zugänglichen Gebiet des Nationalparks Aspromonte in Kalabrien. Aufmerksam auf Africa Vecchio und Casalinuovo wurde ich durch einen Blogbeitrag von Fausto. Ein befreundeter italienischer Reiseblogger, der mir für diesen Artikel netterweise einige seiner Fotos zur Verfügung gestellt hat. Entstanden sind sie bei seinem Besuch in Africa Vecchio und Casalinuovo. Mein Besuch in Kalabrien steht ja noch aus. 😉

…vielleicht ergänze ich meine Reisebucketliste für dieses Jahr noch um diese beiden Lost Places in Italien?!

Lost Places in Italien: Casalinuovo

Lost Places in Italien: Africo Vecchio

Wie wurden die beiden Orte zu Lost Places in Italien?

Unheimliche Stille liegt über den von Gräsern und Büschen überwucherten Ruinen der Stadt, schreibt Fausto auf Viaggiatore non per caso. Wenn man die verwaisten Orte betritt, beschleicht einen ein beklemmendes Gefühl. Irgendwie gespenstisch, irgendwie romantisch ist sie, die Vorstellung davon, wie lachende Schulkinder über den Hof und durch die Flure der ehemaligen Grundschule von Africo Vecchio springen und laufen. Die Überreste der Häuser dieser beiden Lost Places in Italien werden längst von weidenden Schaf- und Ziegenherden besiedelt. Irgendwo in oder um Casalinuovo, dem etwas besser erhaltenen der beiden Geisterdörfer, hält wohl noch ein letzter Schäfer tapfer die Stellung.

Zumindest regen die übrig gebliebenen Steintürme und Häuserskelette die Fantasie an. Denn die zu Ruinen zerfallenen Häuser und verrosteten Autos am Wegesrand geben einen guten Eindruck davon, wie die kleinen verborgenen Lost Places in Italien einmal ausgesehen haben mögen. Wie sie waren, bevor eine Schlechtwetterfront Anfang der Fünfzigerjahre diese Gegend Kalabriens heimsuchte. Ja, tatsächlich. Nicht die fehlende Arbeit vertrieb die Bewohner der beiden kalabrischen Bergdörfer, nicht die Überalterung der Daheimgebliebenen ließ sie verwaisen. Es war ein drei Tage andauernder Starkregen, der zwischen dem 15. und 18. Oktober 1951 so massive Schlammlawinen und Erdrutsche verursachte, dass die Dörfer regelrecht weggespült wurden.

Sechs Menschen blieben nach dem Unwetter vermisst. Unzählige Tiere wurden Opfer des abrutschenden Erdreiches und entzogen den Überlebenden in der dörflich bäuerlich geprägten Region die Lebensgrundlage. Ebenso wurden Saatgut, Vorräte und bewirtschaftete Felder von den Schlammmassen verschlungen und zerstört. Die überlebenden Einwohner der beiden Lost Places in Italien, Casalinuovo und Africo Vecchio, mussten evakuiert werden. Sie kamen zunächst in Notunterkünften im nahe gelegenen Bova Superiore unter. In der Folgezeit wurde an der Küste des ionischen Meeres ein neuer Ort gestaltet.

In Erinnerung an die dramatischen Ereignisse, die die beiden Lost Places in Italien hervorgebracht haben, nannte man die neue Heimatstadt der Überlebenden Africo Nuovo. Heute der drittgrößte Ort der Gemeinde Bova.

 

Credits!

Die Fotos in diesem Beitrag wurden mir freundlicher Weise von Fausto von Viaggiatore non per caso zur Verfügung gestellt – GRAZIE FAUSTO!  In seinem Artikel hat er noch mehr Fotos von Casalinuovo und Africo Vecchio hochgeladen und ein Album bei Flickr über die beiden kalabresischen Lost Places erstellt. Wer also stöbern möchte, findet unter dem jeweiligen Link noch mehr Eindrücke. 🙂

20 Comments

  1. Wow! Das ist ja toll … von diesen Plätze habe ich noch nie etwas gehört. Irgendwie gespenstisch … aber auch extrem anziehend für mich weil es eben auch etwas ganz Besonderes hat. Da möchte ich auch mal hin … ich hoffe ich schaffe es mal! Danke für diesen interessanten Beitrag und die tollen Bilder!

    Liebe Grüße
    Verena

    • Danke für deinen lieben Kommentar. Ja, ich hab das Gleiche gedacht: Da würd ich auch gern mal hin. 😀

  2. Lost Places finde ich klasse. Es ist schon irgendwie erstaunlich, wie schnell die Natur sich alles zurückerobert!

    • Das findet ich tatsächlich auch den spannendsten Teil an der Geschichte von Lost Places. Erstaunlich, aber irgendwie auch beruhigend. Gemessen daran, was wir mit dem Planeten anstellen… 🙂

  3. Oh wow! Was für ein spannender Ort und ein toller Beitrag. Lost Places haben immer ein ganz eigenes Flair. Deine Bilder sehen echt super aus!! Echt schön
    liebe Grüße
    Ines und Thomas

  4. Ach, ich liebe solch Beiträge. Verfolge einige Blogger, die sich voll und ganz auf das Thema “Lost places” eingelassen habe. Erstaunlich, wie die Natur nach und nach ihr Land zurück holt und wie unheimlich solche Dörfer manchmal aussehen, wenn keiner mehr in ihnen lebt.

    Alles liebe

    • Stimmt, die Natur ist wirklich erstaunlich schnell darin, sich das wiederzuholen, was ihr irgendwie ja eh schon immer gehört hat. Auf eine Art und Weise ist das aber auch sehr beruhigend zu wissen – so hat der Planet vielleicht auch nach uns doch noch eine Chance. 😉

  5. Gerne mehr Lost Places! Ich finde es so toll, dass es so viele Lost Places gibt! Es ist so urig, unheimlich und schön zugleich 🙂 Die Bilder (auch auf Flickr) sind der Hammer 🙂

    Liebe Grüße
    Nadine von tantedine.de

    • Das Kompliment für die Fotos geb ich gerne weiter. 🙂 Stimmt, es ist unheimlich und schön zugleich. Stimme dir da voll zu. Drum hätte ich auch gar nichts dagegen, die mal selbst zu sehen. 🙂

  6. Lost Places haben meistens immer etwas unheimliches finde ich. So viele hab ich bisher nicht selber besucht, ich kenne nur ein paar wenige aus Island und den USA. Aber es war jedes Mal ein beklemmendes Bauchgefühl wenn man sie betritt. Trotzdem üben sie irgendwie eine Faszination auf einen aus die man nicht wirklich erklären kann. Tolle Bilder auf alle Fälle und eine leider traurige Geschichte dahinter. Danke für’s zeigen …

    • Ich hab hier auch noch keine wirklich besucht, aber jede Menge gesehen – verlassene Gebäude inmitten Kilometer weiter Olivenhaine z.B. Ich glaube auch, dass das irgendwie beklemmend ist. Ansehen würde ich mir dennoch gerne mal ein paar. Wobei glaube ich auch ein ganzer verlassener Ort wie in den beiden hier erwähnten Fällen nochmal was andres ist, als ein verlassenes Gebäude irgendwo “in der Pampa”. Irgendwie regt das aber auch die Fantasie an und ich glaube, das macht den Reiz aus. 🙂

  7. Danke für den informativen Beitrag! Traurige Geschichte, aber wunderbare Bilder, da freut sich der Fotograf des Hauses sicher über diese Bilder. Da wär mein Mann sicher stundenlang mit Fotografieren beschäftigt.

    Lg aus Norwegen
    Ina

  8. Das ist ja abgefahren. Da höre ich das erste mal davon! Sehr spannender Artikel. Danke fürs teilen!!

    • So ging’s mir auch, als ich den Originalbeitrag gelesen hab. 🙂 Schön, dass er auch auf Deutsch so gut ankommt. 🙂 LG Julia

  9. Wahnsinn! Wie traurig ist das denn! Die armen Menschen. Das habe ich nicht gewusßt. Ich dachte, so wie bei ähnlichen Fällen, dass die Menschen einfach weggezogen sind, die Alten irgendwann gestorben und der Ort langsam und sanft in den Dornröschenschlaf schlummerte. Das da hinter sich eine furchtbare Tragödie abspielte, kann man auf den wunderschönen Bildern nicht vermuten. Ein exzellenter Artikel – gerne glesen – gerne geteilt! LG Die Marion

    • Ich danke der vielmals für den liebevollen Kommentar. Ja, es ist eine traurige Geschichte, die diese Orte hat verwaisen lassen. Andererseits muss man ja schon “froh” sein, dass nicht mehr passiert ist und es vergleichsweise wenige Tote gab. Die Bilder sind wirklich super. Darum wollte ich den Originalartikel so gern auch deutschen Italienfans zugänglich machen, was mir der ursprüngliche Verfasser ja netter Weise ermöglicht hat. 🙂 Danke nochmals für den schönen Kommentar. Freut mich, dass der Beitrag dir so gut gefallen hat. LG Julia

  10. Danke Julia. Ich bin froh, dass dir mein artikel gefallen hat und es hat mir gefallen, wie du es in deine geschichte geschrieben hast.

    • Grazie per il complimento, Fausto. 🙂 Sono contenta che ti piace come è uscito la mia versione! 🙂

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