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Die Sassi von Matera – die europäische Kulturhauptstadt 2019

In einem Reiseführer hatte ich gelesen, es sei eine malerische Stadt, die es wert sei, gesehen zu werden. Es soll dort ein Museum mit antiker Kunst geben und sonderbare (in Felsen geschlagene) Höhlenwohnungen.

Ein Stück weg vom Bahnhof kam ich an eine Straße. Nur von einer Seite war sie von alten Häusern flankiert, auf der anderen fiel das Gelände steil ab. In diesem Abgrund liegt Matera. Die Form dieser Schlucht war seltsam; wie zwei halbe Trichter, die nebeneinander liegen, getrennt durch einen kleinen Ausläufer und unten verbunden durch eine gemeinsame Kuppe. Von dort sah man oben gelegen eine weiße Kirche, Santa Maria de Idris, die aussah, als sei sie in die Erde hineingetrieben worden.

Diese umgefallenen Kegel, diese Trichter, heißen Sassi. Sie sind so geformt, wie wir uns in der Schule Dantes Inferno vorstellten. In der schmalen Enge zwischen den Fassaden und dem Abhang führen Straßen entlang und sind gleichsam Boden für den, der in der oberen Wohnung lebt und Dächer für die in den Behausungen darunter. Als ich den Blick hob. sah ich schließlich wie ganz Matera sich wie eine querliegende Mauer vor mir erhob. Es ist eine wirklich sehr schöne Stadt, malerisch und beeindruckend.

Das sind die Worte des italienischen Autors Carlo Levi. In seinem autobiografischen Werk “Christus kam nur bis Eboli” beschrieb der von den Faschisten in den Süden Italiens vertriebene Turiner seinen Eindruck der “Felsenstadt” Matera. Und indirekt verdanken wir es ihm, dass die kleine Stadt in Süditalien 2019 überhaupt europäische Kulturhauptstadt werden kann.

Matera Die Sassi von Matera - die europäische Kulturhauptstadt 2019

Fast gäbe es die Sassi von Matera nicht

Zur Zeit Levis befanden sich die Sassi von Matera dem demographischen Kollaps nahe. Die Anzahl der Bewohner hatte sich in den voran gegangenen Jahrhunderten exponentiell gesteigert, während die Viehwirtschaft kontinuierlich abnahm. Denn, um den mehr werdenden Einwohnern Obdach zu gewähren, wurden auf die bestehenden Felsenwohnungen immer mehr Etagen aufgestockt.

Das hatte zur Folge, dass die hängenden Gärten und Grünflächen in den Sassi von Matera nach und nach verschwanden. Die Bewohner haben die Zisternen an Einzimmerwohnungen angepasst, in denen ganze Familien gemeinsam mit Eseln und Ziegen unter hygienisch mindestens prekären Bedingungen zusammenlebten. Die Kindersterblichkeit war in Matera seinerzeit vier Mal höher als der nationale Durchschnitt.

Dank der Publikation der Autobiografie Carlo Levis verbesserten sich die Umstände in den Sassi von Matera nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich. Denn durch seine literarische Beschreibung der Schönheit und Faszination Materas neugierig geworden, besuchten Politiker und einflussreiche Kulturinteressierte die Felsenstadt in Basilikata.

Die Bedingungen veranlassten den damaligen Premierminister die Bewohner der Sassi von Matera, der heutigen Altstadt, umzusiedeln. Zu diesem Zweck wurden neue Stadtteile geplant und gebaut. Dass die Alteingesessenen sich nur ungern in die neuen Stadtviertel übersiedeln ließen, ist aus emotionaler Sicht verständlich. Aus rein rationaler Sicht war es ein dringend notwendiger Schritt. Nur so konnten die Bewohner, aber auch die Stadt selbst, langfristig erhalten werden.

Dantes Höllenkreis oder ausgeklügeltes Ökosystem?

Das ursprüngliche Matera war in Form eines griechischen Omega-Zeichens (Ω) angelegt. Von den oberen Stadtteilen gelangte man über schmale Arkaden in die Sassi von Matera. Diese schlängelten sich zwischen den Felsenwohnungen hindurch, wie okkulte Schleichwege. (Darum wahrscheinlich Levis Assoziation mit den Höllenkreisen aus Dantes Göttlicher Komödie.)

Entlang den Abstiegen führten Bewässerungskanäle, die tröpfchenweise die Zisternen der Stadt befüllten. Einige Häuser verfügten über nicht weniger als sieben solcher Wasserspeicher.

Auf den Dächern waren Gemüsebeete und hängende Gärten angelegt. Hin und wieder dienten die Dächer aber auch als Friedhöfe: Die Lebenden unter der Erde, die Verstorbenen an der Oberfläche. Das bemerkte schon im 16. Jahrhundert ein Chronist verwundert: “In Matera ruhen die Toten über den Lebenden.”

Wenn die Bewohner der Sassi von Matera bei Einbruch der Abenddämmerung ihre Häuser und Wege beleuchteten, sah die Stadt von oben aus wie ein dem Betrachter zu Füßen liegender Sternenhimmel. Auf Griechisch bedeutet Sternenhimmel übrigens meteora – was verdächtig an den Namen Matera erinnert. Belegt ist diese namentliche Abstammung allerdings nicht.

Europäische Kulturhauptstadt 2019

2008 kandidierte Matera gemeinsam mit fünf anderen italienischen Städten, Cagliari, Perugia, Ravenna, Siena und Lecce, um die Nominierung zur europäischen Kulturhauptstadt 2019. Mit der Anerkennung des Titels wurde zum ersten Mal eine süditalienische Stadt zur Kulturhauptstadt gekürt.

Und Unesco Weltkulturerbe

Darüber hinaus ist Matera, bzw. sind die Sassi von Matera, bereits seit den Neunzigerjahren UNESCO Weltkulturerbe. Entsprechend viel wert legen die Bewohner darauf, ihre mittlerweile wieder neuentdeckte Altstadt einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Und achten darauf, dass die Felsenstadt Bestand hat.

Was gibt es in den Sassi von Matera zu sehen?

Ich will eins vorweg nehmen: Matera hat ein sehr schönes, sehenswertes Stadtzentrum. Und damit meine ich nicht nur die Sassi. Auch die Chiesa di San Francesco d’Assisi etwa, auf dem Plateau oberhalb der Sassi, ist ein Glanzstück barocker Baukunst. Die Fußgängerzone lädt zum Flanieren ein. Eine Burg gibt’s auch zu besichtigen. Und das Umland bietet dank dem Naturpark Alta Murgia ganz wunderbare Ausflugsziele für Wanderfreunde oder einfach ein paar Stunden im Grünen fernab von Touristenmassen, Führungen und Dauergequetsche.

Wer mehr als nur die Sassi von Matera sehen will, sollte sich unbedingt ein paar Tage einplanen! Denn schon für die Besichtigung eben jener geht ein Tag sicher drauf. Da gibt es restaurierte Felsenwohnungen zu sehen, in die Steilwände geschlagene Kirchen, ein Olivenölmuseum, Handwerkskunst wie die Bearbeitung des in der Region typischen Kalksteins und nicht zuletzt – auf der andern Seite der Schlucht – die Höhlen aus der Altsteinzeit zu erkunden, in denen Spuren der Besiedelung Materas bis ins Paläolithikum hinein gefunden wurden. Außerdem gibt’s jede Menge regionale Leckereien zu probieren.

Zum Abschluss möchte ich nochmals den eingangs vorgestellten Carlo Levi bemühen, der über Matera sagte:

Ein jeder, der Matera sieht, kann nicht anders als von ihr beeindruckt zu sein, so ausdrucksstark und rührend ist ihre schmerzende Schönheit.

Matera_Felsenhaus Die Sassi von Matera - die europäische Kulturhauptstadt 2019


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2 Comments

  1. Liebe Julia,

    ein echt spannender Ort! Von Rinderknochen als Baumaterial habe ich bisher noch nie gehört. Und die Muscheln in den Wänden sehen auch schön aus.

    Liebe Grüße,
    Monika

  2. Sieht irgendwie gar nicht so richtig nach Italien für mich aus. Wohnen denn in diesen “Felsenhäusern” denn heute auch noch Menschen? Mich würde interessieren wie es dort drinnen aussieht …

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