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Überbewertetes Ostuni – Die weiße Stadt in Apulien

Nach gut eineinhalb Jahren, die ich nun in Apulien lebe, habe ich es noch immer nicht geschafft, mir Ostuni einmal richtig anzusehen. Also habe ich die Gelegenheit genutzt, als sich mal wieder die Verwandtschaft zu einem Besuch ankündigte, um die Stadt zwischen Bari und Lecce zu besichtigen. Und was soll ich sagen?

  • Gemessen an ihrem Beinamen “die weiße Stadt”, wird sie ihrer Reputation durchaus gerecht.
  • Gemessen an ihrem Bekanntheitsgrad, wird Ostuni völlig überbewertet.

Ostuni_4-733x515 Überbewertetes Ostuni - Die weiße Stadt in ApulienAber das ist ja nun einmal ein ganz subjektives Empfinden. Ich will sicher niemandem vom Besuch der Stadt abraten. Man kann sie auf jeden Fall mal gesehen haben. Etwa im Rahmen einer Apulienrundreise. Und Strandurlaub kann man am Fuße des Berges, auf dem Ostuni thront, allerdings sehr gut machen. Aber nur wegen Ostuni selbst nach Apulien reisen? Das würde ich eher nicht empfehlen.

Ostuni ist schön, aber… Warum Ostuni überschätzt wird

Ich persönlich habe es als irgendwie langweilig empfunden. Sicher. Der Ausblick über die Olivenhaine, die den gesamten Hang bedecken, und der bis aufs Meer reicht, ist wundervoll. Die kleinen Gässchen und engen Sträßchen, die für so viele Besucher das absolute Charakteristikum des Stiefelstaates ausmachen, sind niedlich. Aber reicht das, um Ostuni zu einem Touristenziel zu stilisieren?Ostuni_6-733x508 Überbewertetes Ostuni - Die weiße Stadt in Apulien

Ein Alleinstellungsmerkmal sind weder die weißen Häuser, denen Ostuni den passenden Beinamen verdankt, noch die engen Gässchen, die Tatsache, dass sie auf einem Hügel gelegen ist oder die Vielzahl ihrer Kirchen.

  • Städte mit weißen Häuserfronten in der Altstadt gibt es in Apulien viele. Zwei kommen mir sofort in den Sinn: Bari und Alberobello. Und beide finde ich sehr viel sehenswerter, als Ostuni. Und das sage ich, obwohl mir gerade Alberobello nach dem 4. Besuch in zwei Jahren nun wirklich bis Oberkante Unterlippe steht.
  • Städte mit niedlichen, witzigen oder passenden Beinamen gibt es hier auch wie Sand am Meer. Giovinazzo ist die “Stadt der Blumen”. Bitonto rühmt sich seines Olivenöls wegen die “Stadt der Oliven”, wobei es davon mindestens 3 im Umkreis gibt. Eine “Stadt der Taralli” gibt es auch in unmittelbarer Nähe. Beinamen gehören hier sozusagen zum guten Ton. Also nichts, was Ostuni einzigartig macht.
  • Nicht ohne Grund werden verwinkelte Gässchen und enge Sträßchen mit Italien assoziiert. Denn es gibt sie halt auch einfach überall. Besonders in den historischen Stadtkernen. Spontan fällt mir da etwa die Altstadt von Trani ein, die von Giovinazzo, Molfetta oder die von Polignano a Mare. Wer sich gern in einer Altstadt in Italien verlaufen will, wird so gut wie überall fündig, wo der Bau des Stadtkerns ins Mittelalter oder noch weiter zurück datiert.
  • Die Sache mit den Hügeln? Pfff … Rom wurde sogar auf 7 davon gebaut. In Alberobello oder Trieste tut man auch nichts anderes, als den lieben langen Tag bergauf und bergab zu laufen. Und auch die kleine, unbekannte Stadt Putignano thront auf einem Berg über der Neustadt.
  • Und auch die Anzahl seiner Kirchen macht Ostuni nicht unbedingt zum Reiseziel Nummer 1 in Apulien oder gar Italien. Nicht einmal für überzeugte Katholen.

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Womit Ostuni überzeugt

Weil man ja nicht nur meckern soll, sollen hier natürlich auch noch ein paar positive Eindrücke entstehen. Dazu gehört unbedingt die Marina di Ostuni, die in kleinen Fraktionen wie Torre Canne oder Villanova zumindest mit wunderschönen Strandbädern überzeugen kann. Ich kann mir zwar vorstellen, dass diese gerade in den Sommermonaten sehr gut frequentiert bis total überlaufen sind. Aber hier locken feine, weiche Sandstrände und azurblaues Meer, die zumindest Badespaß versprechen, wenn Ostuni kulturell schon nicht so wirklich herausragend ist.

Auch etwas außerhalb gelegen, lohnt sicher auch ein Besuch des Archäologie- und Naturparks Santa Maria D’Agnano. Hier kann man uralte Behausungen und Spuren der Besiedelung Ostunis seit der Altsteinzeit besichtigen. Außerdem die skelettierte “Frau von Ostuni” (Donna di Ostuni), die vor 27.000 bis 28.000 Jahren hier gelebt haben muss. Zu sehen ist sie in der Grotte von Agnano. Etwas makaber: Die etwa 20-jährige Frau muss vom Tod überrascht worden sein, wie ihre Stellung verrät. Ihre Arme sind schützend über ihren Bauchraum gelegt, in dem die Überreste eines etwa 33 Wochen alten Fötus zu erkennen sind.Ostuni_Titel-733x508 Überbewertetes Ostuni - Die weiße Stadt in Apulien

 

 

2 Comments

  1. Hallo Julia,
    ich finde immer wieder toll, wie unterschiedlich Meinungen sein können. Wir haben Ostuni erst bei unserer zweiten Apulien-Reise besucht und waren begeistert. Seitdem waren wir dann immer mindestens einmal in der Stadt, wenn wir in Apulien waren. Ich könnte aber noch nichtmals sagen, was genau uns dort so anspricht.
    Allerdings waren wir noch nie in Bari – außer am Flughafen 😉 -, in Giovinazzo und in Trani. Das werde ich mir für das nächste mal notieren. Leider wird es in diesem Jahr nichts werden. Und dabei fehlt mir Apulien jetzt schon.
    Liebe Grüße nach bella Puglia
    Martina

    • Ja, das ist tatsächlich wahr. Alles wirkt auf alle anders. Darum kann es in Sachen Ästhetik und Empfindungen auch nie eine objektive Wahrheit geben. Ich würde hingegen den Archäologiepark in Ostuni gern mal sehen, während die Stadt selbst mich wiederum gar nicht so anspricht. 😀 Über Trani und Giovinazzo habe ich in den nächsten Wochen und Monaten noch ein paar Beiträge geplant. Zu Bari gleich auch mehrere. (Komisch, da wohne ich hier seit fast 2 Jahren und hab bisher so wenig über Bari geschrieben…. 🙂 ) Bist also zur Urlaubsvorbeireitung herzlichst eingeladen, nochmals hier vorbeizuschauen. 😀 😀
      Meld Dich gern, wenn Du in Apulien bist. Solange bzw. sofern ich dann noch hier bin, können wir uns gern mal auf einen Schnack mit Spritz treffen. 🙂 Liebe Grüße zurück!! Und genieß die Vorfreude, dann ist das Vermissen nicht so schlimm! 🙂

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