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Blogparade: Europa und das Meer – Was bedeutet mir das Meer?

Als Stiergeborene bin ich eigentlich eher dem festen Boden unter meinen Füßen verbunden. Trotzdem ist das Meer für mich seit jeher Sinnbild von – mentaler und physischer – Freiheit, Emotionen und Ungezähmtheit. Eine unterschätzte Resource, ein unglaublich, nein, unverschämt schlecht behandeltes Element, Lebensquell und Heilmittel für Körper, Geist und Seele.

Erde vs. Wasser: Das Meer und ich

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Ich liebe es, das Meer zu sehen. Nein, eigentlich starre ich es an. Mein Blick wird leer und weit während er in die endlos scheinende Weite des Meeres schweift. Stundenlang könnte ich so sitzen. Schauen, nachdenken, Gedanken fassen und loslassen. Für mich ist das Meer heilsam und inspirierend zugleich. Allerdings: Lieber vom Festland aus.

Aus dem Flugzeug aufs Meer schauen? Das ruft in mir Urängste hervor. Zu hoch fliege ich, zu tief könnte ich fallen, zu schlecht schwimmen, um im unwahrscheinlichen Fall meines Überlebens durchzuhalten.

Vom Boot aus in die Fluten springen? Ich glaube, dafür habe ich zu viele Horrorfilme gesehen. Allein beim Gedanken daran, was aus den Untiefe seine Fühler oder Tentakeln oder Zähne nach mir ausstrecken, mich streifen, berühren, unter Wasser ziehen könnte, sorgt für einen beengenden Druck auf meinem Brustkorb. So schön ich mir das vorstelle, mit einem Boot in eine einsame Lagune zu schippern, sich fernab von überlaufenen Stränden die Sonne an Deck auf den Bauch scheinen zu lassen und ins Meer zu springen – die unbekannte Unterwasserwelt macht es mir unmöglich, auch nur die Vorstellung davon zu genießen.

Wie ich das mit dem Schwimmen gehen mach? Och. Ich geh schon ins Meer. Ich geh schon schwimmen. Allerdings nur so weit hinaus, wie ich den Boden noch sehen kann. Wenn ich ihn noch berühren kann, umso besser. Sowie das Wasser unter mir sich dunkelblau zu färben beginnt, muss ich umgehend in seichtere Gefilde umkehren. Mein Puls beschleunigt sich dann binnen Millisekunden und ich spüre wie die Panik meinen Verstand übernimmt.

Wir haben also ein gespaltenes Verhältnis, das Meer und ich. Denn so sehr es mir Ehrfurcht abringt, so sehr fasziniert es mich auch.

Gesundheitlicher Benefit durch das Meer

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Als ich vor bald zwei Jahren von Süddeutschland nach Bari ausgewandert bin, war das Meer vor der Tür zu haben für mich obligatorisch. Ich bin zwischen Weinbergen und Wald aufgewachsen und wollte ein Kontrastprogramm. Aber nicht nur das. Ich wusste, dass das Meer mir gut tut. Sowohl in psychischer Hinsicht, als auch in körperlicher.

Seit ich Kind bin, leide ich an chronischer Bronchitis. Das führte seinerzeit sogar zu Krankenhausaufenthalten. Und dazu, dass meine Eltern mich jedes Jahr in den großen Ferien ans Meer – ja, okay, ans Wattenmeer, aber immerhin – brachten. Und siehe da, meinen Bronchien tat die salzige Luft echt gut.

Mit dem Erwachsenwerden gingen dann weitere Veränderungen einher, die ich vielleicht, wenn schon nicht als gesundheitliche, so doch wenigstens als kosmetische Makel empfinde. Entzündungen, eingewachsene Haare und sensible Haut profitieren von den Mineralien und Salzen im Meerwasser. Nach ein paar regelmäßigen Strandbesuchen mit Bad im Meer spüre ich deutliche Verbesserungen im Hautbild. Das mag zwar in Sachen Gesundheit eher zweitrangig sein. Für das Selbstbewusstsein und Körpergefühl aber ist das ein nicht zu unterschätzender Effekt.

Und die psychologischen Benefits gehen noch weiter. Wenn man sich mal wieder selbst zu wichtig nimmt, reicht ein Blick auf die Weite des Meeres, um sich bewusst zu werden, dass man eigentlich eher ein unbedeutendes Staubkörnchen ist. Oder man von Selbstzweifeln geplagt wird, hilft der Anblick des Meeres dabei, die Gedanken zu sortieren und sich wieder neu für sich zu positionieren. Wenn einem alles zu viel wird, ist das Meer das ultimative Mittel, um abzuschalten und runter zu kommen. Die Bewegungen, ob stürmisch oder sanft, das Rauschen der Wellen, das Plätschern – das Meer ist ein natürliches Beruhigungsmittel, das mit vielen Sinnen wahrgenommen werden kann. Beim Zuhören, Zusehen oder Spüren. Habt ihr euch schon einmal rücklings, die Ohren unter Wasser, ins Meer gelegt und treiben lassen? Einzig den Geschmackssinn kann ich nicht empfehlen auszutesten.

Meer pro Mensch, Mensch contra Meer

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Uns Menschen tut das Meer so viel Gutes. Es stimuliert uns, es verzaubert uns, beruhigt uns, macht uns gesund und schön. Und während das Meer all das für uns bereithält, verhalten wir uns im Gegenzug gerade so, als könnten wir jederzeit den Stöpsel ziehen, wie in der Badewanne, und die Becken gerade wieder volllaufen lassen, wie es uns beliebt.

Wir begehen Raubbau an den Ressourcen, die das Meer uns schenkt, fischen es leer, entziehen anderen Lebewesen damit die Lebensgrundlage und diminuieren täglich die Artenvielfalt. Längst hat das mit Bedarf nichts mehr zu tun, sondern mit Gier und Kampfpreisen. Gleichzeitig geben wir nichts zurück.

Nein, wir überqueren die Weltmeere mit Ozeanriesen, die nicht nur Dreck in die Luft schleudern, sondern auch noch Hinterlassenschaften einfach ins Meer kippen. Unser Plastikverbrauch reichert das Wasser zunehmend mit Mikropartikeln an, die sich dann irgendwann auf unserem Teller und in unseren Körpern wiederfinden. Größere Abfälle schnüren Schildkröten die Luft ab, abgetriebene Fischernetze lassen Meeresbewohner elendig verenden. Fünf riesige Plastikinseln treiben mittlerweile durch die Meere dieser Welt – die erste hat nun sogar einen Namen. Wir pumpen Öl aus den Tiefen der Erde, leiten es durchs Meer und geben einen – ja, das muss so deutlich – Fick drauf, ob 1. die Ressource endlich ist und schon längst nicht mehr auf der Höhe der Zeit und ob 2. Lecks und „Unfälle“ auch das letzte bisschen sauberes Meerwasser verschmutzen und zerstören.

Stattdessen könnten wir das Meer soviel sinnvoller nutzen. Mit Turbinen zur Energiegewinnung. Mit Windparks im Meer – ebenfalls zur Energiegewinnung. Wir hätten auch viel mehr davon, würden wir dafür sorgen, die Unterwasservielfalt artenreich und im Gleichgewicht zu halten. Stellt euch vor, ihr macht Urlaub am Great Barrier Rief und alles ist grau und tot!

Was der Mensch im Umgang mit dem Meer immer vergisst, ist, dass das Meer sehr viel mächtiger ist, als er. Und noch mehr übersieht er, dass er ihm immer mehr Macht verleiht. Durch die Umweltverschmutzung, die CO2-Emission, die die Erderwärmung und damit das Schmelzen der Pole beschleunigt gewinnt das Meer zusehends an Macht.

Denn wenn es irgendwann die Berge, die ich hinter mir lassen wollte, wieder unter sich begräbt, ist höchstens noch der Kostner-Film Waterworld Quell der Inspiration.

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…dieser Beitrag ist entstanden im Rahmen der Blogparade “Europa und das Meer” vom Deutschen Historischen Museum. 

1 Comment

  1. Liebe Julia,

    vielen herzlichen Dank für dein #DHMMeer!

    Die heilsame Wirkung des Meeres ist so noch nicht in der Blogparade thematisiert worden. Bei deinen Angstschüben konnte ich teils nicken. Mir erging das beim Schnorcheln so, irrationale Angst und Panikattacke erwischte mich vor Jahren auf Korfu, nein, in einer Bucht von Korfu, wunderschöne Fischschwärme gab es da und ich schnorchelte. Jedoch nur kurz, da ich plötzlich die Orientierung verlor und Panik mich erfasste. Ich bin wie eine Wilde raus aus dem Wasser, verletzte mich dabei und brauchte eine ganze Zeit, mich wieder zu beruhigen. Vollkommen irrational, ich weiß. Das war das erste und letzte Mal, dass ich schnorcheln war.

    Du bist zu beneiden, am Meer zu leben. Diese Entscheidungsfreiheit haben wir wegen der Kids nicht mehr, aber wer weiß, was in ein paar Jahren ist. Mich wird es dann wohl eher nach Frankreich ziehen. Italien finde ich auch klasse, hapert noch an der Sprache und das war und ist immer unser Anspruch, uns mit den Einheimischen austauschen zu können. Gut. Manchmal funktionierte es, das Französische italienisch auszusprechen.

    Bezüglich der Ozeanriesen, lies dazu mal den Beitrag von “Der schwarze Wal”, Nr. 32 “Die Pest der See” – sehr treffend, gell?

    Genieße deine Zeit und merci nochmals!

    Herzlich,
    Tanja von KULTUR – MUSEUM – TALK

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