Der Gründungsmythos von Mantua

Gründungsmythos von Mantua - Manto in einer Handschrift von Giovanni Boccaccios De mulieribus claris aus dem 15.–16. Jahrhundert.
Manto in einer Handschrift von Giovanni Boccaccios De mulieribus claris, 15.–16. Jht. (Verwendung: gemeinfrei)

Virgilio hat in Dantes Göttlicher Komödie gesagt, “Mantua me generit”. Mantua hat mich hervorgebracht. So viel ist bekannt. Aber wer hat eigentlich Mantua geschaffen? Diesem Ursprung will ich heute auf den Grund gehen und euch mit dem Gründungsmythos von Mantua vertraut machen. Vorweg sei gesagt, dass es verschiedenen Versionen der Legende der Stadt gibt. Möglicherweise kennt ihr also eine leicht abweichende Variante der Geschichte. Diese hier versammelt die wichtigsten Elemente und ist der Ursprungsversion, die sich die antiken Mythologen erzählten, am nächsten. Sie handelt von Manto, Tochter des Teiresias, Ehefrau des Tiberinus und Mutter des Oknos.

Es war einmal in Griechenland

Manto war eine berühmte, griechische Wahrsagerin und Tochter des noch berühmteren Propheten Teiresias. Eines schönen Tages war sie gezwungen, ihre Geburtsstadt zu verlassen, um sich vor dem Zorn der Einwohner Thebens zu retten. Sie entschied sich also, auf der italienischen Halbinsel ihre neues Zuhause zu finden. Dort fand sie sich inmitten etruskischer Siedler wieder. Sie gelangte ans Ufer des Tibers, wo sie einen jungen Gott kennenlernte. Der besaß in den Tiefen des Flusses einen Palast. Zum Jagen musste er aber an Land kommen und ritt so durch die nahe gelegenen Wälder. Dieser Flussgott Tiberinus, ein starker und gutherziger Jüngling, heiratete Manto.

Aus dieser Vermählung ging ein Sprössling hervor, den sie Oknos nannten. Er soll so schön gewesen sein, wie seine Mutter und so robust und großzügig, wie sein Vater. Ein recht musikalischer Sohn war er zudem. Er verstand sich äußerst gut auf das Spiel der Zither und der Flöte. Auch in der Jagd war er begabt. Gekonnt erlegte er Wildschweine im umliegenden Wald und baute zuverlässige Flöße. So großherzig war er, dass er gar den Bewohnern der am Tiber gelegenen Binnendörfer zu Hilfe kam. Dann starb Tiberinus unerwartet bei einem Gewitter, während dessen ein Blitz des Jupiters ihn traf. Manto und ihr Sohn Oknos blieben allein und entschieden sich, die Gegend, die so voll schmerzlicher Erinnerungen für sie war, zu verlassen.

Die Reise der Manto und des Oknos

Über viele Flüsse und Meere trieb es Mutter und Sohn bei ihrer Suche nach einer neuen Heimat. Und so gelangten sie irgendwann auf den Fluss Mincio, der im Flachland grünes Wasser trug, das sich in ein zartes Hellblau verwandelte, sobald es sich in die drei Flüsse ergoss, in die der Fluss mündete.

“Schau!”, soll Manto zu ihrem Sohn gesagt haben. “Inmitten des Wassers erblicke ich zwei kleine Inseln dicht bewachsen von Schilf. Könnten wir uns nicht an diesen ruhigen, stillen Ort flüchten?”

Oknos baute also ein Floß mit dem sie zu den Inselchen im Mincio gelangten. Aus den Schilfrohren bauten sie ein wunderschönes Haus. Und dort verbrachten sie die nächsten Tage, aus denen bald Monate und Jahre werden sollten. Das Haar der Manto wurde bald immer grauer und eines Tages fand Oknos seine Mutter blasser und schwächer als gewohnt vor.

Er fragte sie: “Was hast Du, Mutter?”

“Ich fühle, dass ich bald sterben werde,” murmelte die Prophetin mit einem Lächeln auf den Lippen und fügte an: “Bleibe gutherzig, mein Sohn, und tu all das Gute, das ich nicht in der Lage war zu tun!”

Nach wenigen Tagen verstarb Manto.

Die Gründung Mantuas

Tief saß Oknos’ Schmerz über den Verluste der Mutter. Er grub ihr ein Grab auf der schönsten und blumenreichsten der Inseln. Nachdem einige Zeit vergangen war, spross dort eine Pflanze, deren Blätter so lang und silbern waren, wie die Haare der verstorbenen Wahrsagerin. Schon bald gedieh diese Pflanze, die Silberweide, überall auf den Inseln und am Ufer des Mincio.

Oknos erinnerte sich der Worte seiner Mutter und errichtete Häuser und Uferbefestigungen rund um den Baum, sowie Brücken, um die Inseln mit den Flussufern zu verbinden. Dann lud er die Schäfer der Umgebung ein, in der neuen Stadt zu wohnen, die er zu Ehren seiner Mutter Mantua (ital. Mantova) nannte.

Doch das war ihm noch nicht genug. Also brachte er den Schäfern das Flötenspiel bei, auf dass diese wiederum die traditionellen Melodien ihren kleinen Söhnen lehrten. Doch auch Oknos war vor dem Altern nicht gefeit. Und so wurde er alt und älter, sein Bart lang und länger und kurz vor seinem Tod versammelte er seine Untertanen um sich und sprach zu ihnen:

“Vergesst nicht die Lieder, die ich euch gelehrt habe und liebet dieses Stückchen Erde genauso, wie ich es geliebt habe!”

Unter Tränen versprachen die Schäfer Oknos an dessen Grab:

“Ruhet in Frieden, oh König! Wir und unsere Söhne werden deiner immer gedenken und dir stets Folge leisten!”

Kurze Exkursion in den Gründungsmythos von Mantua

Mantua wurde also von einer Familie griechischer Halbgötter begründet, wenn man es so sagen will. Abschließend lernt ihr jetzt die wichtigsten Protagonisten des Gründungsmythos von Mantua noch einmal näher kennen.

Wer war Manto?

Wie eingangs erwähnt war Manto die Tochter des bzw. der Teiresias (er war der Willkür Zeus’ und Heras ausgesetzt, die ihn mal in Frauen- mal in Männergestalt verwandelten). Als Sohn eines Propheten war es nur logisch, dass ihr diese Gabe ebenfalls vererbt wurde. So berühmt wie Zeus und Apollo oder Nike und Herakles ist Manto zwar nicht. Doch in der griechischen Mythologie nimmt Manto eine gar nicht mal so unwichtige Stellung ein, die man vermuten könnte. So hat sie in Kolophon das Orakel von Klaros gegründet, nachdem sie von Apollo dorthin entsandt worden war. Und bevor sie Oknos’ Vater Tiberinus ehelichte war die (unfreiwillige) Weltenbummlerin sogar schon mehrmals verheiratet. Was aus dem Gründungsmythos von Mantua nicht hervorgeht, ist außerdem, dass Oknos einen Halbbruder hat, der auf den Namen Mopsos (ja, ich musste auch lachen…) hörte.

Der erste Gatte Mantos Rhakios der Erzeuger Mopsos’ war oder doch der Gott Apollo ist nicht hinreichend belegt. Was man aber “weiß”, ist, dass Mopsos (ich kann von dem Namen gar nicht genug kriegen und sehe ständig einen kleinen Hund vor meinem innern Auge) den Hellseher Kalchas getötet hat. Nach dieser ersten Familiengründung soll Manto Alkmaion geehelicht haben, der zuvor seine eigene Mutter aufgrund ihres Verrats an seinem Vater getötet haben soll. Mit ihm soll Manto zwei weitere Nachkömmlinge gezeugt haben, Amphilochos und Tisiphone. Das zumindest behauptet Euripides. Laut dieser Variante des abwechslungsreichen Lebens der Halbgöttin Manto war sie gar nicht erst in Italien. Eine weitere Variante behauptet gar, dass Mantua nach einer der Töchter Herakles’ benannt ist, die zufälliger Weise ebenfalls Manto hieß.

Wer war Tiberinus?

Tiberinus war, wie eingangs erwähnt ein seinerzeit junger, gut gebauter Flussgott, der von unter Wasser über den Tiber herrschte. Wart ihr schon einmal in Rom? Dort könnt ihr nämlich vor dem Palazzo Senatorio bei den Kapitolinischen Museen seine Statue bestaunen. Anders als Manto, die ja griechischer Abstammung war, war Tiberinus seit jeher waschechter Römer. So römisch sogar, dass er nicht nur die Gründung Roms verheißen, sondern auch die Zwillinge Romulus und Remus vor dem Ertrinken bewahrt haben soll. Was uns direkt zu einem weiteren Geheimnis bringt, das Tiberinus in die Ehe mit Manto gebracht hat.

Denn auch er war schon einmal verheiratet. Er erhebt nämlich kurzerhand die Mutter von Romulus und Remus zur Göttinnenstatus, nachdem er sie aus den Fluten seines Reiches, dem Fluss Tiber, gerettet hatte, und heiratete sie daraufhin. Im Rubensgemälde von Romulus und Remus, das ebenfalls in den Kapitolinischen Museen ausgestellt ist, wird Tiberinus im Schilf sitzend mit seiner ersten Ehefrau und Neu-Göttin Ilia dargestellt. Der römische Flussgott ist also nicht nur mittelbar für den Gründungsmythos von Mantua mit verantwortlich, sondern unmittelbar auf für den von Rom. Saubere Leistung.Gründungsmythos von Mantua - Tiberinus in Rubens' Gemälde von Romulus und Remus

Wer war Oknos?

Also, dafür, dass Oknos einen Großteil seines Lebens im und um den Tiber, sowie später auf einer der Inseln, auf denen er dann Mantua gründete, verbracht haben soll, war der Gute ganz schön umtriebig. Das würde man gar nicht vermuten, wenn man sich nur im Rahmen des Gründungsmythos von Mantua mit ihm beschäftigt. Wie er das alles miteinander vereinbaren konnte, weiß ich zwar nicht, aber immerhin war er ja mindestens ein Halbgott, also wird das schon irgendwie hingehauen haben. Laut der griechischen Mythologie war “der Zauderer” Oknos mit einer Frau verheiratet, die es scheinbar genoss, dass man sich bei Halbgotts Zuhause nicht ums Finanzielle sorgen muss. Sie soll all sein Geld verprasst und verschwendet haben.

Der arme Kerl kann einem schon fast leid tun, den er war eigentlich als sehr fleißiger Mann bekannt. Und da ist die Gründung Mantuas noch gar nicht mit eingerechnet! Jedenfalls brachte die Frau sein gesamtes Vermögen durch und als ob der Ärmste damit nicht schon gestraft genug gewesen wäre, landet er an seinem Lebensabend auch noch im Hades. Dort muss er bis in alle Ewigkeit ein Seil flechten, dessen Ende immer wieder von einer Eselin gefressen wird. Kennt er ja so ähnlich schon aus Lebzeiten. Tatsächlich war “Das Seil des Oknos flechten” eine Redewendung bei den alten Griechen, die später von der “Sisyphusarbeit” (ihr wisst schon, der mit dem Felsbrocken, der kurz vor dem Berggipfel immer wieder runterrollt) abgelöst wurde.

…und wenn sie nicht gestorben sind…

Tja, dann flechten und heiraten sie noch heute oder gründen im Hades neue Städte und bauen die Unterwelt auf alle Ewigkeit aus. Wie findet ihr den Gründungsmythos von Mantua? 

Write A Comment