Die schönsten Orte im Aostatal

Der Verein “I borghi più belli d’Italia” kürt regelmäßig Orte in jeder der italienischen Regionen zu den schönsten. Für eine potentielle Aufnahme in diesen elitären Kreis müssen sich die Orte, die sich um den Titel bewerben, durch Historie, Einzigartigkeit und Gepflegtheit hervortun. In der Vergangenheit habe ich bereits

Die Region, der ich mich heute widmen möchte, ist bei Touristen eigentlich eher für seine Wintersportgebiete bekannt. Doch die kleinste aller italienischen Regionen ausschließlich auf sein Ski-Fahr-Potential zu reduzieren, würde ihr nicht gerecht. Vielleicht inspirieren euch die schönsten Orte im Aostatal ja dazu, euch die Gegend nahe der französischen Grenze auch mal im Sommer oder der Nebensaison genauer anzusehen… oder zwischen der einen und andern Abfahrt einen Ausflug abseits der Pisten zu unternehmen.

Bard – Unter Dächern aus Steinziegeln

Wie ein Keil zwischen zwei Berge hineingetrieben ruht das berühmte Fort in den felsigen Hängen über dem gleichnamigen Örtchen, das aus rund 40 Häusern besteht. Die Häuser stehen so eng beieinander, dass sich die mit Steinplatten gedeckten Dächer berühren – als würden sie miteinander verschmelzen. Durch deren Mitte verläuft eine enge Gasse, in der sich noch die Furchen der Kutschen und Gespanne der römischen Legionen erkennen lassen.

Das Fort selbst ist heute noch im Originalzustand erhalten, in dem es im 18. Jahrhundert erbaut wurde. Und wer könnte die Geschichte des Ortes wohl besser erzählen, als dessen bedeutendstes Monument? Darum befindet sich im Fort Bard heute ein Museum, das sich über stattliche 3.600 m2 und 280 Räume erstreckt. Dazu gesellen sich weitere 2 km2 Innenhoffläche. 2014 diente Bard als Kulisse für den Hollywoodfilm “The Avengers”.

Im Nahe gelegenen Mabec sind außerdem die “Gletschertöpfe der Riesen” ein beliebtes Ausflugsziel für die Besucher des Fort Bard. Gletschertöpfe sind schachtartige Vertiefungen und Aushöhlungen, die vom Gletscherwasser über die Jahrmillionen in den Stein gewaschen wurden. Ebenfalls leicht zu erreichen ist das Örtchen Albard, in dem sich Behausungen aus dem Mittelalter und eine Kapelle aus dem 18. Jahrhundert bestaunen lassen.

Lokale Spezialitäten aus Bard

Bereits seit der Römerzeit rühmt sich Bard eines rubinroten Weines, dessen zartbitteren Abgang an Mandeln erinnert. Mit bis zu 12‰ kann der Rotwein, der den gleichen Namen wie sein Herkunftsort trägt, für einen süffigen Abend sorgen. Ein ideales Mitbringsel aus dem Urlaub.  Noch besser natürlich nur, wenn ihr ihn zu den typischen Gerichten genießt. Darunter etwa gefüllte Kürbisblüten, die im Ofen gebacken werden. Und danach bilden die leckeren Mürbeteigkekse namens Paste ad Melia aus Maismehl einen genüsslichen Abschluss.

Für wen lohnt sich ein Besuch in Bard?

Neben der 15 km2 großen Hauptattraktion des Ortes, die für Geschichts- und Kulturinteressierte wohl das Hauptargument seine dürfte, bietet sich die Gegend um Bard außerdem für Naturbegeisterte und sportlich aktive Besucher an. Kletterer und Free Clipper finden in den Bergen rund um Bard traumhafte Bedingungen vor, um ihre Leidenschaft voll ausleben zu können. Wer es gerne naturnah mag, kann hier wunderbare Wanderungen und Spaziergänge unternehmen.

Die schönsten Orte im Aostatal - Fort Bard

Étroubles – Ein Freiluftmuseum mit kämpferischem Herz

Ein rebellisches Völkchen ist in Étroubles beheimatet. Als 2008 beschlossen wurde, Étroubles über ein 300 Meter langes und 60 Meter hohes Viadukt mit dem Ort Saint-Oyen zu verbinden, regte sich heftigster Widerstand – Spruchbänder während der Tour de France, Aufrufe in Funk und Fernsehen, Demonstrationen. Die Einwohner ließen nichts unversucht, um das einzigartige Freiluftmuseum, das sie Heimat nennen, zu bewahren. Mit Erfolg.

Mehr als 20 Kunstwerke erstrecken sich über den gesamten Ort: in den Straßen, auf den Plätzen und den Häuserfassaden. Darunter Skulpturen, Gemälde und Installationen, aber auch so Alltägliches wie die Hausnummern wurden künstlerisch aufbereitet, um dem Ruf als lebendiges Freiluftmuseum gerecht zu werden. Hinzu kommen regelmäßige Ausstellungen, bei denen Werke weltberühmter Künstler gezeigt werden. In der Vergangenheit etwa Rodin oder Hans Erni.

Unbedingt sehenswert ist die historische Altstadt von Étroubles mit ihren perfekt in Schuss gehaltenen Kopfsteinpflasterstraßen, dem antiken Turm aus dem 12. Jahrhundert, dem Glockenturm aus dem 15. Jahrhundert und den Brunnen, aus denen reinsten Alpenwasser sprudelt. Étroubles ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie Bergdörfer auch heute überleben können, ohne sich dem Massentourismus zu unterwerfen. Stattdessen setzt man hier auf Nachhaltigkeit und Authentizität.

Macht euch hier im Video einen kleinen Eindruck von Étroubles.

Lokale Spezialitäten aus Étroubles

In Étroubles dürften sich Käseliebhaber direkt heimisch fühlen. Hier wird aus der Vollmilch der heimischen Rinderrasse Valdostana der Käse Fontina d’Alpeggio DOP hergestellt. Er gilt als einer der besten Käse der gesamten Region und soll sehr würzig und aromatisch sein – das dürfte er wahrscheinlich der unberührten Natur zu verdanken haben, in der die Kühe aufwachsen und sich ernähren.

Diesen Käse servieren die Valldaostaner auch typischer Weise mit Schwarzbrot zu Suppe. Dabei ist nicht nur der Käse eine Besonderheit. Auch das Vollkornbrot ist einzigartig. Es wird ein Mal im Jahr im Gemeinschaftsholzofen in so großen Mengen gebacken, dass es bis zum darauffolgenden November vorhält. Zur Konservierung wird es unter entsprechenden Bedingungen auf Gestellen trocken gelagert.

Für wen ist Étroubles wann besonders interessant?

die schönsten Orte im Aostatal Landzette-Skulptur in Étroubles
Landzette-Holzskulptur in Étroubles © Patafisik, Foto in Originalgröße hier. Verwendung gemäß CC BY-SA 3.0.

Rund um Étroubles liegen zahlreiche Skigebiete, die den kleinen Bergort besonders für Wintersportler interessant machen. Aber nicht nur. Denn auch im Sommer bietet die Umgebung herrliche Bedingungen für Wanderer, Felsenkletterer und Bergsteiger. Auf jeden Fall ist Étroubles perfekt für sportlich Aktive und Natur, sowie Kunstliebhaber. Und sogar für Karnevalisten hat dieses Museumsörtchen etwas in petto:

Am Gründonnerstag wird jedes Jahr der Carnevale della Comba Frèide gefeiert. Ein historisches Faschingsfest, bei dem sich die Bewohner als sogenannte Landzette verkleiden. Die detailreich mit Perlen und Pailletten verzierten und aufwändig genähten Kostüme haben eine lange Tradition. Sie sind den Uniformen der Soldaten Napoleons entlehnt, die im Mai 1800 nach Étroubles vorrückten, und werden bis heute von Hand hergestellt. Ebenso wie die hochwertigen Masken, die großteils aus Holz gefertigt sind.

Wer dabei sein möchte, wenn so ein traditionelles Kostüm hergestellt wird, sollte im Sommer nochmals in Étroubles vorbeikommen. Denn im August findet seit 1984 ein Straßenfest dort statt, das La Veillà, bei dem den alten Handwerksberufen und Kunsthandwerken Tribut gezollt wird. Man kann dabei zusehen, wie in der Vorzeit der oben erwähnte Fontina-Käse hergestellt wurde, wie Getreide von Hand gedroschen wurde und Schmiede gearbeitet haben. Man erhält Einblick in die traditionelle Schafzucht und eben in die Kunstfertigkeit, mit der die Landzette-Kostüme genäht werden. Traditionelle Musik, lokale Weine und bodenständiges Essen wie gegrilltes Gemüse, Himbeeren mit Sahne und kalte Suppe bilden das Rahmenprogramm.

Die beste Reisezeit für die schönsten Orte im Aostatal

Wie ihr seht, bietet vor allen Dingen Etroubles sowohl sommers wie winters ausreichend Abwechslung für einen Aktivurlaub. Ihr solltet euch bei einer Reise ins Aostatal also nicht auf den Winter beschränken, sondern ihnen getrost auch in der Nebensaison oder in den Sommermonaten Aufmerksamkeit schenken. Dann kommt die Authentizität und Einzigartigkeit dieser Ortschaften nämlich noch besser zu Geltung.

Man darf gespannt sein, ob in (naher) Zukunft noch weitere Borghi die Liste der schönsten Orte im Aostatal ergänzen werden. 🙂

2 Comments

  1. Das Aostatal verbindet man oft wirklich nur mit Wintersport – was total schade ist! Die Region ist ja wirklich total schön und sicher auch im Sommer zum Bergwandern ideal. Ich merke mir das mal, fürs nächste Mal wenn ich wieder in Norditalien unterwegs bin.

    • Stimmt. Dort zieht es vor allem Wintersportler hin. So wie es im Sommer vor allem Sonnenanbeter in den Süden zieht. Ich finde beide Extreme schade, weil man halt immer nur die eine Seite kennenlernt. Aber schön, wenn ich dich ein bisschen inspirieren konnte – da freu ich mich immer. ^_^

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