Als ich die Antworten durchgelesen habe, die Nicole mir auf meine Fragen geschickt hat, hab ich vieles aus meinem Erfahrungsschatz darin wieder erkannt. Umso lieber möchte ich deshalb dieses

Auswanderer-Interview mit Nicole

mit euch teilen, die vier Jahre ihres Lebens gemeinsam mit Mann und Sohn in der italienischen Hauptstadt verbracht hat. Nun ist sie nach Deutschland zurückgekehrt und hat sich bereit erklärt, ihre Erfahrungen über die Auswanderung, ihren Alltag in und ihre Gedanken über Rom mit mir und euch zu teilen. Danke dafür, liebe Nicole. ♥

Wenn ihr mehr wissen wollt, wie es sich im Großstadtchaos Roms so lebt oder ein paar wertvolle Insidertipps abseits der ausgetrampelten Touristenpfade für euren nächsten Romurlaub sucht, dann lege ich euch einen Besuch auf Nicoles Blog → Unterwegs in Rom ans Herz. Dort werdet ihr bestimmt nicht enttäuscht.

Und jetzt überlasse ich (weitestgehend) Nicole das Wort. Lest hier alles über ihre Erfahrungen mit dem Auswandern nach Italien:

Würdest du dich den Lesern kurz vorstellen?
Ich heiße Nicole , bin 45 Jahre alt und verheiratet, habe einen 11-jährigen Sohn und wohne zur Zeit im pittoresken Koblenz in Rheinland-Pfalz. Nach einer Ausbildung zur Werbekauffrau und einem BWL-Studium, habe ich viele Jahre in der Werbung gearbeitet. Die meiste Zeit davon war ich selbständig. Von 2013 bis 2017 habe ich mit meiner Familie in Rom gelebt. Dort begann ich auf meinem Blog meine Erlebnisse zwischen antiken Ruinen und römischem Großstadt-Chaos aufzuschreiben.

Zu Beginn stellte ich nur Geschichten aus meinem Alltag online, später kamen Insider- und Reisetipps jenseits der Touristenströme für Rom hinzu. Mittlerweile sind zwei Rom-Reiseführer von mir erschienen und ich arbeite als Freelance-Writer mit dem Themenschwerpunkt Italien. Zur Zeit studiere ich Fachjournalismus an der Freien Journalistenschule Berlin und arbeite an einem Buch über Reisegeschichten aus Italien.

Wann bist du nach Italien ausgewandert und warum?
Mein Mann hatte 2013 von seinem Arbeitgeber ein Jobangebot in Rom erhalten, das wir nicht ausschlagen wollten.

Wie lange hast du gebraucht, um dich einzuleben?
Das ging überraschend schnell, in Anbetracht der Tatsache, dass ich mein ganzes Leben lang von einer Auswanderung nach Skandinavien geträumt habe. Südeuropa war mir alleine schon durch die Hitze im Sommer suspekt. Ich habe mich trotz meiner Skepsis von Anfang an mitten ins römische Leben gestürzt und war so oft wie möglich in der Stadt unterwegs.

Auch wenn mir viele Gewohnheiten der Römer fremd und höchst merkwürdig vorkamen, habe ich keinen schweren Kulturschock erlitten. Was wohl auch daran lag, dass wir bereits in Deutschland einen gewissen italienischen Lebensstil gepflegt haben. Die Familie meines Mannes hat einen süditalienischen Migrationshintergrund. Dadurch waren für uns auch die Sprachbarrieren nicht so hoch. Außerdem wurde mein Mann, obwohl er Deutscher ist, immer als Italiener wahr genommen und auch so behandelt. Unter diesem Aspekt fiel uns der Start in Rom einfach leichter als anderen Auswanderern, die damals zur gleichen Zeit mit uns angekommen sind.

Wobei es immer wieder Phasen gab, in denen mich Rom und seine Bewohner an den Rand der Verzweiflung gebracht haben. Der Alltag in der italienischen Hauptstadt ist sehr anstrengend. Mit Rom zu hadern, ist völlig normal. Selbst die eingefleischtesten Römer ertragen ihre Stadt nicht dauerhaft und entfliehen ihr so oft es geht am Wochenende. Wenn es mir in Rom zu viel wurde, bin ich oft und gerne nach Neapel gefahren. In kleinen Dosen genossen, wirkt die anarchistische Grundstimmung dort sehr belebend.

Was war die größte Herausforderung in deinem neuen Leben in Italien?
Meiner persönlichen Erfahrung nach, unterscheiden sich die deutsche und italienische Alltagskultur viel stärker, als man in Deutschland gemeinhin glaubt. Diese Unterschiede fangen bei den Essgewohnheiten an, gehen weiter über das Frauenbild oder die Kindererziehung und zeigen sich auch sehr deutlich in der Sprache. So wird zum Beispiel die deutsche Direktheit in Italien als fürchterlich unhöflich empfunden.

Zudem hat das Leben in einer Stadt wie Rom noch seine ganz eigenen Herausforderungen. Für mich bestand die größte Herausforderung eindeutig in der Teilnahme am römischen Straßenverkehr, ohne dabei in Panik zu geraten. Besonders störend fand ich es, nicht mehr auf muttersprachlichem Niveau kommunizieren zu können. Auf Italienisch habe ich nie die Ausdruckskraft erreicht oder die leisen Untertöne getroffen, wie im Deutschen. Bei vielen Unterhaltungen blieb dieses Gefühl, nicht das ausgedrückt zu haben, was man eigentlich hatte sagen wollen.

Mit welchen Erwartungen bist du nach Italien? Welche wurden erfüllt, welche enttäuscht?
Ich bin ohne großartige Erwartungen nach Italien gegangen. In dem Umzug sah ich vor allem eine Möglichkeit, meinem hohem Arbeitspensum in Deutschland zu entkommen. Für die Familie erhoffte ich mir endlich mehr gemeinsame Zeit. Und vor allem mein Sohn sollte die Chance haben, das Land kennenzulernen, in dem ein Teil seiner Wurzeln liegen. Ansonsten war ich ehrlich gesagt eher auf Negatives eingestellt.

Die Familie meines Mannes hatte nach der Auswanderung aus Italien nie verklärte Erinnerungen an ihre Heimat kultiviert. In punkto Gesundheitsversorgung und Bürokratie kannte ich nur Horrorgeschichten aus Italien. Was wir dann allerdings selbst erlebt haben, taugt nicht als Stoff für einen Horrorstreifen. Mein Sohn ist zum Beispiel zwei Mal in römischen Notaufnahmen gelandet. Die Versorgung war nicht rasant, aber sehr professionell. Meine persönlichen Erwartungen wurden in Italien alle überfüllt.

In Rom habe ich die Möglichkeit bekommen als Autorin zu arbeiten, wir haben zusammen als Familie vier Jahre lang ein traumhaftes Land erkunden dürfen und sowohl mein Mann als auch mein Sohn, haben den Italiener in sich ausleben können.

Warum würdest du heute sofort wieder, warum nie mehr nach Italien ziehen?
Ich würde heute sofort meine Koffer packen, wenn es wieder zurück nach Rom ginge. Rom ist mein Zuhause, da muss ich nicht lange nachdenken. Diese bedingungslose Bereitschaft für einen Umzug bringe ich allerdings nicht für ganz Italien auf. Es gibt Ecken in Bella Italia, wie zum Beispiel das Heimatdorf der Familie meines Mannes in der Region Molise, da fahre ich gerne für ein Wochenende hin, aber leben möchte ich dort nicht. So magisch Italien auch sein mag, es ist ein Land, das unter verkrusteten Strukturen leidet und das seit Jahren in einer schweren wirtschaftlichen Krise steckt. Ein Umzug macht da für mich nur unter wirtschaftlich sicheren Rahmenbedingungen Sinn.

Wie kam es dazu, dass du wieder nach Deutschland zurück bist?
Der Job meines Mannes war auf vier Jahre begrenzt. Hätten wir selbst entscheiden können, wären wir geblieben.

Was hat dir in Italien von dem deutschen Leben gefehlt und was fehlt dir vielleicht jetzt in Deutschland aus deinem italienischen Alltag?
Umso länger ich in Italien gelebt habe, desto weniger hat mir etwas am deutschen Leben gefehlt. Außer selbstverständlich meine Familie und meine Freunde. Und eine Heizung die im Winter funktioniert. Die Liste an Alltagsdingen die mir aus Italien fehlen, ist hingegen unglaublich lang:

  • Ein anständiger Cappuccino, den ich im Stehen am Tresen in einer lauten römischen Bar trinke.
  • Der knallblaue römische Himmel.
  • Unser ständig singender Hausmeister.
  • Die wunderbaren Märkte.
  • Die Kuppel vom Petersdom am frühen Morgen.
  • Die Begeisterungsfähigkeit der Italiener.
  • Regelmäßige Ausflüge nach Neapel!
  • Ein Spaziergang über den Aventinhügel.
  • Lange subtropische August-Nächte.
  • Einzigartige Kulturgüter am Wegesrand.
  • Motorino-Fahrten entlang des Tibers.

Ich könnte jetzt noch eine ganze Weile so weiter machen. Allerdings ist die Liste an Dingen, die mir aus meinem Alltag in Rom nicht fehlen, ebenso lang. Rom ist eine sehr widersprüchliche und anstrengende Stadt. Sie zerrt an den Nerven und geht einem gleichzeitig ganz tief ans Herz. Um Roms Schönheiten richtig genießen zu können, muss man sich mit den hässlichen Seiten der Stadt arrangieren lernen.

Was können die Deutschen “besser” als die Italiener und umgekehrt?
Die Italiener können das Leben besser geniessen und die Deutschen es besser durchplanen. Dieser Satz ist selbstverständlich ebenso pauschal wie klischeehaft. Aber steckt nicht in jedem Klischee ein Fünkchen Wahrheit?

Was ich an Italienern sehr bewundere, ist ihre Fähigkeit in jeder Kleinigkeit etwas Großartiges zu entdecken. In Deutschland sind wir ja eher darin talentiert, Großartiges klein zu reden. Andererseits haben die Italiener einen Hang dazu, nur Italien großartig zu finden. Besonders junge Deutsche haben einen weiteren Blick auf die Welt, sind nicht nur auf das eigene Land fokussiert und somit offener für Neues.

Hat die Zeit in Italien dich verändert und wenn ja, wie bzw. inwiefern?
Italien hat mich sehr verändert. Mein interner Wertekompass wurde in den vier Jahren total durcheinander gebracht. Viele Dinge, die mir früher wichtig waren, sind mir heute vollkommen gleichgültig. Ich bin sehr viel spontaner geworden und muss mein Leben nicht mehr Wochen im Voraus planen. Ich interessiere mich heute sehr viel mehr für Kunst und Kultur. Mein Blickwinkel auf die Dinge hat sich geweitet. Ich bin neugieriger und unternehmungslustiger geworden. Außerdem weiß ich nach vier Jahren in Italien zu schätzen, wie gut es uns in Deutschland in vielen Belangen geht.

Was waren bei der Rückkehr die größten Hürden?
Einzelne große Hürden musste ich bei der Rückkehr nicht überwinden, dafür kamen mir extrem viele kleine Dinge des Alltags sehr fremd vor. Die ersten Wochen haben wir zum Beispiel sehr viele Strafzettel fürs Falschparken kassiert. Aus Rom waren wir es gewohnt, den Wagen überall dort abzustellen, wo Platz war. Das musste nicht zwingend ein Parkplatz sein.

An den Straßenverkehr musste ich mich auch erst wieder gewöhnen. In Deutschland wird viel aggressiver Auto gefahren. Während Römer alles im Auto machen, außer sich aufs Autofahren zu konzentrieren, sind viele Fahrer in Deutschland sehr fokussiert. Vor allem darauf, ihr Recht im Straßenverkehr durchzusetzen.

Eher lustig war unser erster Besuch einer Eisdiele in Deutschland. Während wir in der Schlange standen wurde mein Sohn ganz nervös. Ihm war plötzlich klar geworden, dass er keinen blassen Schimmer hatte, wie man auf Deutsch ein Eis bestellt. Diese vielen Kleinigkeiten machten mir in ihrer Summe das Eingewöhnen in Deutschland nicht leicht.

Wirklich belastet hat mich zu Anfang, die latente Unzufriedenheit meiner deutschen Mitbürger. Diese offen zur Schau getragene schlechte Laune in Kombination mit dem grauen Himmel, empfand ich als sehr deprimierend.

Welchen Rat würdest Du heute Deinem auswandernden Selbst von damals gerne geben oder welchen Rat hättest Du Dir damals gewünscht bekommen zu haben?
“Lerne die Sprache bereits vor der Auswanderung auf einem möglichst hohen Niveau” und “Kauf Dir sofort ein Motorino und erobere Rom bis in den letzten Winkel”.

Hast du Tipps oder einen Tipp für angehende Expats oder die mit dem Gedanken ans Auswandern nach Italien spielen?
In Italien tickt vieles anders als in Deutschland. Vor allem, wer mit dem Gedanken spielt, sich in Italien selbstständig zu machen, sollte sich vor der Auswanderung von Profis beraten lassen. Wer in Italien auf lange Sicht glücklich werden möchte, sollte Italiener nicht mit deutschen Maßstäben bewerten. Wir in Deutschland machen vieles anders, aber nicht alles besser.

Warum ist Italien es wert, dorthin zu ziehen – und sei es nur für ein paar Jahre?
Blendet man die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme in Italien einfach mal aus, dann bleibt da ein traumhaftes Land, das überquillt von atemberaubender Natur, einzigartigen Kulturschätzen und vielen interessanten Menschen.

Meiner Meinung nach kann man in punkto Lebensqualität viel von den Italienern lernen. Jetzt denken wieder einige an das berühmt berüchtigte Dolce Vita, das so gerne mit süßem Nichtstun verwechselt wird. Ich bezeichne den Lebensstil der Italiener viel lieber als eine südländische Variante der Work-Life-Balance.

Ich kenne übrigens viele Kurz-Auswanderer, die aus beruflichen Gründen nur ein Jahr in Rom gelebt haben, aber durch ihre offene Einstellung und ihre Neugierde mehr aus Italien mitgenommen haben, als manch ein Expat, der dort schon jahrelang lebt.

Mehr Interviews zum Auswandern nach Italien

Auf Italien und ich haben bereits mehrere Expats ihre Erfahrungen über das Auswandern nach Italien, das Leben und den Alltag im Stiefelstaat und Tipps und Tricks für angehende Auswanderer/innen geteilt. Lest hier auch:

Ich möchte an dieser Stelle noch mal ein herzliches Dankeschön an Nicole richten, die sich bereit erklärt hat, ihre Erfahrungsschätze mit mir und euch zu teilen. Ich bin überrascht, wie viele ihrer Eindrücke auch ich in der eigentlich kurzen Zeit, seit der ich in Italien lebe, ich vollauf teilen kann. Allerdings sehe ich als meine Pflicht an, euch darüber aufzuklären, dass der Aspekt “Rücksicht im Straßenverkehr” nicht überall in Italien gleich ist. Hier in Bari und Umgebung gleicht eine simple Autofahrt gerne mal einem Selbstmordkommando – inklusive absichtlich provozierter Unfälle, um Schadensansprüche zu stellen. 😉 Das beweist aber auch, dass jede/r andere Erfahrungen macht im Land des dolce far niente.

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