Gesetzentwurf Salvamare: Italien, Umweltschutz und die Fischerei

Über vieles, was in Italien so abgeht, reaktionär und ignorant, kann man oftmals nur verständnislos den Kopf schütteln. Aber hin und wieder gibt es auch kleine Hoffnungsschimmer. Dazu zählt auch der Gesetzesentwurf mit dem Namen Salvamare (zu deutsch etwa: Meeresrettung), der in Italien Umweltschutz und vor allem Meeresschutz ein klein bisschen vorantreiben könnte. Warum das erwähnenswert ist? Weil bisher ein Gesetz in Kraft war, das es Fischern verboten hat, Plastikmüll und Abfälle, die sich in ihren Fangnetzen verheddert hatten, mit an Land zu bringen. Klingt absurd, ist es auch. Aber mit dem jetzt vom Kabinett verabschiedeten Gesetzentwurf könnte Abhilfe geschaffen werden. Darum geht’s:

Mit Salvamare geht Italien Umweltschutz aktiv an

Bisher waren Fischer qua Gesetz gezwungen, Plastikreste, die sich in ihren Netzen verfangen hatten, wieder ins Meer zurückzuwerfen. Andernfalls hätten sie sich des illegalen Transportes von Abfällen schuldig gemacht, hätten als die Verursacher des Mülls an Bord ihrer Schiffe gegolten und wären für dessen Entsorgung zur Kasse gebeten worden. Das neue Gesetz hebt diese Fallstricke auf und erlaubt den Fischern nicht nur, den mitgefangenen Unrat an Bord zu behalten und an Land zu bringen, sondern hebt sie sogar in den Stand der “Müllmänner des Meeres”. Fischer, die sich aktiv an der Umsetzung dieses Gesetzes beteiligen, bekommen sogar eine Umweltauszeichnung verliehen und ihre “grüne” Fanglieferkette wird entsprechend gekennzeichnet und anerkannt werden. Die Fischer können die Abfälle und Plastikreste mit in den Hafen bringen und sie dort an eigens eingerichteten Sammelstellen abgeben. Außerdem soll ein Belohnungssystem für die teilnehmenden Fischer eingeführt werden.

Der parteilose, italienische Umweltminister Sergio Costa, der von der Fünf-Sterne-Bewegung ins Amt geholt wurde, sagte nach der Bestätigung seines Gesetzentwurfes:

Es ist ein großer Sieg für unser Meer, endlich fangen wir an, das Meer vom Plastik zu befreien. Dazu haben wir mit den Fischern exzellente Verbündete, die das Problem besser kennen, als irgendwer sonst, denn jeden Tag holen sie Netze an Bord, in denen sich oftmals mehr Plastik befindet, als Fisch.

Die Vermüllung der Meere ist ein globales Problem

Laut dem Umweltministerium schwimmen allein im Mittelmeer mindestens 250 Milliarden Plastikfragmente herum; im Tyrrhenischen Meer bestehen 95% der im Wasser schwimmenden Abfälle, die größer als 25 cm sind, aus Plastik, 41% davon Tüten. Das bedeutet nichts Geringeres als die Zerstörung des maritimen Ökosystems – nicht nur, weil Fische und Meeressäuger den Plastikmüll oft mit Fressbarem verwechseln.

Im Mittelmeer fallen regelmäßig 134 Tierarten dem Plastik zum Opfer. Darunter 60 Fischarten, 3 Meeresschildkrötenarten, 9 Meeresvogelarten und 5 unterschiedliche Arten Meeressäuger. Bei allen Arten Meeresschildkröten, die im Mittelmeer leben, konnten Plastikreste im Magen nachgewiesen werden. Erst vor ein paar Tagen verendete in Sardinien ein Wal, der über 20 Kilo Plastikmüll im Bauch hatte.

2018 hat die Umweltschutzorganisation Legambiente an 78 Stränden in Italien 620 Abfälle pro 100 Metern aufgesammelt. Das sind bei knapp 470.000 m2 fast 50.000 Einzelstücke Müll! Und davon waren 80% aus – na, ratet mal?! -, richtig, Plastik. Das meiste davon Lebensmittelverpackungen, Flaschen, Süßigkeitentüten und Stäbchen von Q-Tips. Der Rest bestand aus Binden und ähnlichen Hygieneartikeln, Windeln und Patronenhülsen.

Laut dem Vorsitzenden der Legambiente, Stefano Ciafani, ist der Gesetzesentwurf Salvamare ein wichtiger Bestandteil im Kampf gegen die Umweltverschmutzung, die vor allem das Meer besonders schwer trifft:

Eine globale Herausforderung, an der Italien seinen Anteil leistet – oft sogar mehr, als andere europäische Länder.

Umweltminister Sergio Costa spricht von einem weltweiten Ernstfall, dem man sich umgehend stellen müsste:

Das lässt sich nicht hinauszögern. Italien, das zu zwei Dritteln aus Meeresfläche besteht, möchte bei der Lösung eine führende Rolle einnehmen.

Kritik an der Offensive zum Umweltschutz in Italien

Greenpeace sieht das neue Gesetz kritisch. Besonders die geplante Auszeichnung als ökologischer Fischereibetrieb, nur weil Fischer Plastikmüll aus dem Meer holen, würde einen falschen Eindruck von nachhaltiger Fischerei vermitteln.

Sicherlich ist es gut, dass die Abfälle nicht mehr ins Meer zurückgeworfen werden. Doch darüber eine Nachhaltigkeitsauszeichnung zu verleihen, sei ein Hohn gegenüber den Fischern, die ihren Beruf wirklich verantwortungsvoll ausüben. Darüber hinaus könnten unklare und unzuverlässige Zertifikationen die Verbraucher irritieren. Außerdem besteht das konkrete Risiko, dass die Kosten für das Belohnungsprinzip und die Müllentsorgung auf jeden einzelnen, statt auf die plastikproduzierenden Unternehmen, umgewälzt würden, die ja die Hauptverantwortlichen dafür sind, dass Plastikmüll überhaupt im Meer landen kann. — Serena Maso, Greenpeace Italia.

Natürlich wären konsequente Mechanismen einer gesetzlichen Herstellerverantwortung, wie Greenpeace sie sich wünschen, begrüßenswert und sicher auch effektiver. Und das europaweite Verbot von Einwegplastik ab 2021 schlägt ja in eine ähnlich Kerbe, indem es die Herstellung und das In-Umlauf-bringen von nicht wiederverwendbarem bzw. nicht recyclebarem Plastik verbietet. Dennoch ist – gerade in Italien, wo erst vor wenigen Jahren noch die Bohrgenehmigungen für Erdölplattformen im Mittelmeer erneuert wurden, – auch ein kleiner Schritt in Umweltschutz und Nachhaltigkeit ein wichtiger Schritt. Und solange die Zertifikate für den “Meeresmüllmänner”-Fischfang klar von denen für nachhaltige Fischerei unterscheidbar sind, sollte man auch dem Durchschnittsverbraucher zumuten können, das zu erkennen… Was meint ihr?

2 Comments

  1. Ciao Julia,
    sehr schöner und informativer Artikel. Ich weiß nicht, ob es die Lösung ist, aber es ist definitiv ein wichtiger, kleiner, erster Schritt in die richtige Richtung. Der Müll ist ein großes Problem des Meeres und der Natur insgesammt. Wobei ich der Meinung bin, dass das Hauptproblem der Mensch ist, der seinen Müll aus Bequemlichkeit überall liegen lässt(nicht nur am Meer). Ich selbst habe einmal miterlebt wie sich eine Taube in einer Plastiktüte verhängt hat und infolgedessen auf Grund des Wiederstandes nicht mehr richtig fliegen konnte. Ich bin der Meinung, dass jeder etwas tun kann (und auch sollte), um die Umwelt zu verbessern.
    Tanti saluti dal tuo amico pugliese Pio

    • Ciao Pio, ja, absolut. Die Eigenverantwortung jedes Einzelnen ist in beinah jeder Angelegenheit unglaublich wichtig, wird aber leider von vielen Menschen nicht wahrgenommen. Es fehlt an Bewusstsein darüber, wie wichtig ein stabiles Ökosystem für jeden Einzelnen ist, wie viel jeder Einzelne dafür tun kann und wie viel Macht eigentlich darin liegt, wenn jeder ein klein bisschen Eigenverantwortung übernimmt. Leider mangelt es vielfach auch an Aufklärung – nicht nur, aber gerade hier in (Süd-) Italien. Einerseits lieben sie ihr Meer, andererseits gehen sie so schändlich damit um. Ich denke, da fehlt es einfach an der Vorstellungskraft, dass das Handeln eines einzelnen irgendeinen Effekt hätte. Und wenn halt jeder so denkt, wird nie einer den ersten Schritt machen. Ich würde mir wünschen, man würde so etwas als Unterrichtsfach anbieten – aber in einem Land, in dem jetzt sogar der Geschichtsunterricht abgeschafft oder zumindest nicht mehr Prüfungsfach für den Schulabschluss sein soll, kann ich auf Umweltschutz im Lehrplan wohl noch lange warten. Manchmal ist es echt zum Verzweifeln. Aber immerhin scheint sich, wie man an Salvamare sieht, langsam etwas zu regen… la speranza è l’ultima a morire. Tanti saluti da Bari… 🙂

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