Italien vs Deutschland:
Was läuft im Stiefelstaat besser als in der BRD?

Ich habe ja schon länger mit diesem und auch dem Folgebeitrag, der dann nächste Woche online gehen wird, geliebäugelt. Nachdem ich mich nun in meinem dritten Expatjahr befinde, glaube ich, dass ich mir da mittlerweile auch ein bisschen ein Bild zu machen kann. Darum soll dieser Beitrag einerseits eine Art Entscheidungshilfe sein, für Leute, die mit dem Gedanken spielen, auch nach Italien auszuwandern. Andererseits soll die Gegenüberstellung Italien vs Deutschland auch ein bisschen dazu beitragen, dass die Wahrnehmung von Italien mal ein bisschen gerade gerückt wird.

Das Bild von Italien ist ja doch in großen Teilen von einem Mix aus romantischer Urlaubsatmosphäre und kritischer Wirtschaftslage geprägt. Während der Innenminister hier fleißig weitere Milliardenlöcher gräbt, vernebeln die historisch wertvollen Kulturgüter und die traumhaften Strände mitunter den Blick etwas. Aber auch in Italien ist halt nicht alles nur schwarz oder weiß. Es gibt durchaus Dinge, die man erst wahrnimmt, wenn man hier eine Weile lebt – und zwar im positiven, wie im negativen Sinne. In diesem Beitrag soll es einfach mal um die positiven Dinge gehen. Sachen also, die hier in Italien besser funktionieren, als in Deutschland. Im zweiten Teil der Gegenüberstellung wird dieser Überhang dann aber wieder richtig gestellt, also kein Grund zur Sorge – das wird hier keine Speichelleckerei oder Schönmalerei, sondern ein rein faktenbasiertes Ding, um einfach mal die Dinge zu highlighten, die in Italien halt gut laufen. Entgegen der allgemeinen Vorstellung von außerhalb.

1. Vor der Krankenversicherung sind alle Menschen gleich

Bevor ich an dieser Stelle auf die positive Eigenschaft des Krankenversicherungssystems in Italien eingehe, möchte ich darauf hinweisen: Insgesamt, halte ich, was das Leistungsspektrum der Krankenkassen angeht, Deutschland für sehr viel vorteilhafter, als Italien. Denn im Vergleich werden in Deutschland deutlich mehr Leistungen (auch durchaus fragwürdige) von den Krankenkassen getragen, als in Italien. Darunter fallen nicht nur Kontrolluntersuchungen und Zahnarztbehandlungen, die in Italien immer selbst zu tragen sind, sondern auch Vorsorgeangebote, wie etwa Rückenkurse, die von vielen Krankenkassen in Deutschland zumindest zu einem stattlichen Prozentsatz bezuschusst werden. All das braucht man in Italien von der über das INPS zentral gesteuerte Krankenversicherung nicht zu erwarten.

Jeder Arztbesuch muss anteilig selbst bezahlt werden. Stellt der Hausarzt Überweisungen, etwa für Blutanalysen bei Spezialisten, aus, kann sich maximal der Preis für eine solche Untersuchung reduzieren. Nur in ganz seltenen Fällen entfällt er ganz. Dann etwa, wenn ein Patient nachweislich nur ein Jahreseinkommen von unter Summe X hat und sich eine medizinisch notwendige Untersuchung oder Behandlung nicht aus eigener Tasche leisten kann. Oder, wenn man sich die Mühe macht und wegen jedem noch so kleinen Zipperlein in die Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses geht – was sich aufgrund der horrenden Wartezeiten schon nicht empfiehlt, weil – selbstredend! – die echten Notfälle bevorzugt behandelt werden. Außerdem sorgt diese – leider zumindest hier im Süden – weit verbreitete Praxis für überfüllte Notaufnahmen, gestresste Ärzte und überforderte Pfleger*innen.

Was mir als Selbstständige in Italien aber sehr entgegenkommt, ist, dass ich hier keine private Krankenversicherung abschließen muss. Kann ich zwar, sozusagen als Zusatzversicherung, und vielleicht mach ich das auf lange Sicht auch mal noch irgendwann, aber, anders als in Deutschland, bin ich nicht qua Gesetz dazu gezwungen, mich bei einem privaten Anbieter oder bei einer gesetzlichen Krankenkasse freiwillig privat versichern zu lassen. Warum mir das entgegenkommt? Weil private Versicherungen einfach schweineteuer sind und die Versicherer auch ein bisschen willkürlich. So wird etwa nur jemand, der über einen perfekten BMI verfügt, als Versicherter ohne erhöhtes Risiko geführt. Nicht nur, dass der BMI längst überholt ist. Er gibt vor allen Dingen keinerlei Auskunft darüber, wie gesund oder ungesund jemand wirklich ist. Wenn man berücksichtigt, dass etwa Muskeln mehr wiegen, als Fett, müsste ein Bodybuilder laut BMI ein Hochrisikopatient sein. (Ist er wahrscheinlich auch, aber aus andern Gründen, als dass sein BMI zu hoch ist.) Ich find so eine Einordnung einfach schwierig – hinzu kommt, dass bei privaten Krankenversicherungen die Beiträge alle paar Jahre nach oben korrigiert werden, weil man ja mit zunehmendem Altern (und Gewicht 😉 ) immer mehr Gefahr läuft, krank zu werden und die Versicherung tatsächlich in Anspruch nehmen zu müssen. Darüber hinaus muss man als privat Versicherter bei jeder Pipileistung in Vorkasse gehen und dann ist nicht einmal sicher, dass man später alles rückerstattet bekommt, weil man vielleicht doch einen Tarif abgeschlossen hat, bei dem nicht alle Leistungen übernommen werden. Das ist als privat Versicherter bei einer gesetzlichen Krankenkasse etwas durchsichtiger, wie ich finde, aber so ganz hasenrein ist die Angelegenheit insgesamt nicht. In Deutschland gibt es jede Menge Freiberufler und Selbstständige, die, etwa als Kleinunternehmer, so wenig verdienen, dass sie sich die private Krankenversicherung gar nicht leisten können.

In Italien bezahle ich über meine jährliche Steuererklärung meine Beiträge für die Krankenkasse, Rentenkasse und Sozialversicherung ganz automatisch mit, denn all diese drei Institutionen sind hierzulande zentral über das INPS gesteuert. Mir nimmt das sehr viel Druck weg. Denn ich kann – dazu gibt es zum Beispiel Berechnungsportale – einfach jeden Monat eine Summe X beiseite legen, die bei der Steuererklärung all diese Nebenkosten decken, wenn ich dann meine Steuern bezahle. Als selbstständige Freiberufliche in Italien empfinde ich das als große Erleichterung. In Deutschland müsste ich all diese Beiträge einzeln und privat leisten – und das bei einer deutlich geringeren Einkommensgrenze als Kleinunternehmerin.

2. Die Impfpflicht und die harsche Konsequenz bei Nicht-Einhaltung

Man kann von Tempolimits, Organspende-Widerspruch und Impfpflicht halten, was man will – obwohl ich keinerlei Gründe dafür sehe, sie nicht einzuführen, dafür umso mehr Gründe, die dafür sprechen, aber das ist auch mein eigener (aufgeklärter 😉 ) Bias, klar. (Sidenote: Alle 3 gibt es in Italien.) Der ist auch dafür verantwortlich, dass ich es für absolut gerechtfertigt halte, eine Impfpflicht einzuführen. Erst recht in Anbetracht der bedenklich angestiegenen Zahlen von Masernerkrankungen allein 2019. Ich mein?! MASERN!

Okay, zugegeben, auch in Italien sind die Zahlen bei den Masern zuletzt wieder erschreckend gestiegen. Trotz Impfpflicht. Woran das liegt? Dass in Italien nur eine teilweise Impfpflicht herrscht. Aber, hey, immerhin. Während man sich in Deutschland immer noch verhalten zeigt, wenn es darum geht, zumindest eine Grundimmunisierung verpflichtend einzuführen (weil, hey, freier Wille und Eigenverantwortung und die den Deutschen ach-so wichtige Freiheit1elf (womit übrigens auch gegen Tempolimits und Organspende-Widerspruch “argumentiert” wird)), sind in Italien immerhin Impfungen gegen Diphtherie (seit 1939), Tetanus (seit 1968), Hepatitis B (seit 1991) und Polio (seit 1966) für alle Pflicht.*

Gerade aufgrund der wachsenden Impfunlust auch hier in Italien, wurde nun vor kurzem ein Gesetz erlassen, das ungeimpften Kindern die Teilnahme am Schulunterricht und den Besuch von Kindergärten und Horts verweigert. Wer in Italien seinen Nachwuchs nicht über die ohnehin obligatorischen Immunisierungen hinaus auch gegen Masern, Windpocken und Mumps impfen lässt, darf sie nicht mehr in öffentliche Schulen oder Kindergärten schicken. Die Schulen sind dazu angehalten, Kinder nach Hause zu schicken, solange sie keinen Nachweis über ihre Impfung erbringen können.

Ungeimpfte Kinder zwischen 6 und 16 Jahren dürften zwar theoretisch am Unterricht teilnehmen, ihre Eltern müssen aber eine Strafe in Höhe von 560 € bezahlen, wenn sie nicht bis zu einem jährlichen Stichtag (dieses Jahr war das der 10. März) Nachweis darüber erbringen, dass ihr Kind keine Gefahr für Klassenkameraden mit geschwächtem Immunsystem sind, die aufgrund einer Krankheit nicht geimpft werden können.* Wer halt nicht hören will, muss fühlen. Und für italienische Familien sind 560 € kein Pappenstiel. Wohl aber ein kleiner Preis für ein ewig unsolidarisches Verhalten.

Hinweis in eigener Sache: Ich weiß, dass ich mir mit diesem Absatz insbesondere nicht überall Freunde machen werde. Und wer mir valide und belegte Nachweise erbringen kann, die nicht auf die längst als Hoax enttarnte Impfstudie von Anno Dazumal zurückgehen oder schlicht auf Verschwörungstheorien basieren (Big Pharma verdient deutlich mehr mit den Medikamenten, die ihr zur Behandlung und Therapie von durch Impfung vermeidbaren Schäden und Krankheiten benötigt, als mit dem Impfstoff zur Verhinderung eben jener), darf mir in sachlichen Kommentaren gerne hierzu widersprechen. Alle andern werde ich sicher nicht aus dem Spamfilter fischen und ihnen eine Plattform bieten. My blog, my rules. Also spart euch den Atem. (Ist bei mir als linksgrünversifftes Gutmenschenopfer, das vom Mainstream gehirngewaschen wurde, eh vergebene Liebesmüh… 😉 )

3. Organspende: Bitte entscheiden Sie sich

Weil’s grad so schön ist, hier grad noch ein potentielles Aufregerthema, bei dem sich die Italiener – meiner Meinung – gegenüber den Deutschen hervortun. Ich versteh auch das Problem dabei gar nicht. Ich bin zwar sicher alles andere als ein Jens-Spahn-Fangirl (allein der Gedanke!! *uärks*), aber mal ehrlich, würde es denn wirklich allzu große Umstände machen, bei der Ausstellung eines Personalausweises danach gefragt zu werden, ob man potentiell seine Organe spenden wollen würde oder nicht? In Italien jedenfalls habe ich bei der Beantragung meiner Carta d’Identità keinerlei körperliche oder psychische Schmerzen verspürt, als man mir die Frage gestellt hat. Auch Langzeitschäden konnte ich bis jetzt (Stand: 04/2019) keine feststellen.

Ich hab bei der Thematik schon die wildesten Gegenargumente gehört: Was, wenn ich mich aber gar nicht entscheiden will? What. The. Fuck. Indem man sich – gemäß aktueller Regelung in Deutschland – keinen Organspendeausweis holt (auf dem man übrigens auch schlicht und ergreifend “Nein” ankreuzen kann), hat man die Entscheidung doch ohnehin bereits getroffen!? (Sofern man nicht gerade in Österreich Urlaub macht, wenn man sich entscheidet, das Zeitliche zu segnen. Dort ist nämlich jeder, ob mit oder ohne Ausweis und Staatsbürgerschaft automatisch Organspender.) Und seinen Angehörigen im Fall der Fälle diese Entscheidung aufzudrängen, finde ich – gelinde gesagt – irgendwas zwischen extrem egoistisch und höchst-arschig. Damit nimmt man nämlich Familie und Freunden die Möglichkeit, sich auf ihre Trauer um den Verlust einer geliebten Person zu konzentrieren, wenn man ihnen auch noch eine unverschämte Bürde aufhalst.

Hinzu kommt, dass ohnehin nur die wenigsten Verstorbenen überhaupt als Organspender in Frage kommen. Denn, wer etwa an einem Infarkt oder Hirnschlag stirbt oder einfach sanft einschläft, ist ohnehin fein raus. Organe können nämlich nur dann implantiert werden, wenn sie noch funktionstüchtig sind. Und das ist bei den meisten eher nicht der Fall.

Klar, auch hier ist mein persönlicher Bias wieder ein Schlüsselfaktor dafür, dass ich Italien in dieser Sache fortschrittlicher finde, als Deutschland. Hier wird man bei der Gemeinde gefragt, ob man potentiell Organe zur Spende freigibt oder nicht, wenn man den Personalausweis beantragt.* Diese Info wird dann in einer Datenbank gespeichert und im Fall der Fälle abgerufen. Aber, ich wiederhole mich, dass es dazu überhaupt kommt, ist ziemlich unwahrscheinlich, weil dazu einfach so viele Voraussetzungen erfüllt sein müssen, dass ohnehin nur die wenigsten Spendebereiten auch wirklich Spender werden. Allerdings kann ich nicht erkennen, was gegen so eine Regelung spricht. Hier kann man mir auch nicht mit dem im vorangegangenen Absatz aufgeführten Recht auf Selbstbestimmung kommen oder die vielzitierte Freiheit: Man kann auch einfach Nein sagen. Ja, man kann seine Meinung sogar im Laufe des Lebens ändern. Jedes Mal, nämlich, wenn man einen neuen Personalausweis beantragt.

Hinweis in eigener Sache, Teil 2: Auch hier können wir gerne diskutieren, wenn es sachlich bleibt. Mir ist klar, dass jeder seine eigene Meinung (oder auch keine) zu solch “heiklen” Themen hat und die will ich niemandem nehmen. Ich will aber schon mal vorausschicken, dass “woher weiß ich, dass mich Ärzte dann nicht absichtlich für hirntot erklären, nur um meine Organe zu entnehmen” u.ä. keine sachliche Argumentationsgrundlage bilden und darum im Spamordner versumpfen werden.

4. “Früher waren wenigstens die Züge pünktlich”

Kommen wir zu einem etwas weniger streitbaren Punkt in der Aufstellung Italien vs Deutschland. Die Züge. Oder vielmehr deren Pünktlichkeit. Die sind in Italien ein beliebtes Argument, wenn es drum geht, Mussolini und den Faschismus zu verteidigen. Denn unter Mussolini “waren wenigstens die Züge pünktlich”. Das ist das italienische Pendant zum deutschen “ohne Hitler hätten wir keine Autobahnen”. Ein – wenn überhaupt – sehr dummes Argument. Außerdem ist es um die Pünktlichkeit italiensicher Züge gar nicht so schlecht bestellt, wie das (besonders von den Italienern selbst) gerne dargestellt wird.

Tatsächlich schneidet die Deutsche Bahn deutlich schlechter ab im Vergleich.* In Italien waren 2012 93,1 % aller Züge pünktlich, in Deutschland 78,3 %. Vor allem die Schnellzüge (Freccia Rossa, Freccia Bianca, Freccia Argento) kommen in Italien pünktlicher an, als die ICEs der Deutschen Bahn. Mehr noch: Zug fahren in Italien ist günstiger, als in Deutschland.* Eine Fahrt von Venedig nach Rom kann man mit einem Angebotspreis schon ab knapp 14,00 € haben. Um einen Sitzplatz zu reservieren, müssen deutsche Bahnfahrer eine Gebühr von – korrigiert mich, wenn ich mich irre – 4,50 € berappen. In Italien ist die Sitzplatzreservierung im Preis inbegriffen und sowieso quasi verpflichtend. Heißt: Wer ein Ticket kauft, hat einen Sitzplatz sicher.

Schneller fahren scheinen die italienischen Züge auch zu können. Die Strecke Rom – Venedig (oder umgekehrt) beläuft sich auch rund 540 km und kann mit den italienischen Schnellzügen in unter 4 Stunden geschafft werden.* Ist der italienische Zug doch mal unpünktlich, bietet Trenitalia ab einer Verspätung von 30 Minuten einfache Lösungen für eine Kostenerstattung an. Die Anfrage zur Entschädigung kann man ganz einfach online stellen.

Man tut der italienischen Bahn also gehörig Unrecht, wenn man behauptet, die sei unpünktlich. Selbst, wenn es mal zu Verknappungen kommt, sind die Lokführer bzw. die Kontrolleure eigentlich immer darum bemüht, zu helfen. Beispiel gefällig? Ich selbst war mit dem Zug in Kampanien und musste zurück nach Bari. Unterwegs musste ich zwei Mal umsteigen, wobei ausgerechnet der Schnellzug leider 10 Minuten zu spät kam. Zwar konnte er unterwegs wieder Zeit aufholen, aber ich war dennoch unsicher, ob ich meinen Anschlusszug erwischen würde, weil ich für den Gleiswechsel auch bei pünktlicher Ankunft bloß wenige Minuten Zeit gehabt hätte. Also hab ich die Zugbegleiter gefragt, ob es möglich wäre, den Zug an meinem Umsteigebahnhof zu informieren, dass er warten sollte. Zunächst war die Antwort, das ginge nicht, weil danach noch ein weiterer führe und ich dann den nehmen könnte oder sollte. Problem war, dass ich mit dieser Weiterfahrt meinen dritten Zug erwischen musste, was ich mit dem nachfolgenden nicht mehr geschafft hätte und somit irgendwo im Nirgendwo an einem Provinzbahnhof versauert wäre, bis am nächsten Morgen ein neuer Zug nach Bari gefahren wäre.

Das sahen sogar die Zugbegleiter ein und sagten, sofern der Schnellzug nicht noch mehr Zeit herausfahren würde, würde man den Schaffner meines Anschlusszuges informieren. Genauso wurde es dann auch gemacht. Ich wurde gebeten, den Zugbegleiter meines Anschlusszuges zu informieren, wenn ich eingestiegen sei. Wir sind genau zur Abfahrtszeit meines weiteren Zuges in den Bahnhof eingefahren, sodass ich die Beine in die Hand nahm und zum nächsten Gleis rannte – während ich in den Zug stieg, winkte ich dem Schaffner zu, der schon über meine Ankunft informiert war und der Anschlusszug fuhr mit einer Minute Verspätung (die er übrigens auch wieder aufholte) vom Umstiegsbahnhof ab.

In 3 Jahren und unzähligen Zugfahrten, kann ich aus eigener Erfahrung nur sagen, dass ich bisher nur zwei oder drei Mal von Zugverspätungen in Italien betroffen war. Und jedes Mal war das kein Zug der Bundesbahn (Trenitalia), sondern eine Bimmelbahn von einem privaten Betreiber. Die längste Wartezeit waren 20 Minuten, die ich in Alberobello bei der Rückfahrt nach meinem ersten Besuch dort am Bahnhof herumstand. Da man zwischen Alberobello und Bari aber nicht umsteigen muss, hab ich das mit einem Achselzucken hingenommen und stattdessen einfach ein paar Sonnenstrahlen mehr am Bahnhöfchen von Alberobello genossen. In gewisser Weise kann man so eine Gelegenheit ja auch einfach mal zum Entschleunigen nutzen, ne?! 😉

Nicht, dass ich noch einen Grund dafür gebraucht hätte, aber für mich ist dieser Vorsprung vor der Deutschen Bahn auf jeden Fall ein starkes Argument dafür, vom Piemont aus dann auch mal die Stärken der italienischen Trenitalia auf die Probe zu stellen. Vielleicht überzeugen mich Pünktlichkeit und Preis-Leistungsverhältnis ja sogar zum Bahncard-Besitzer (der italienischen natürlich) zu werden… Ich werde berichten.

5. Handytarife – Italien 1, Deutschland 0

Werfen wir mal einen Blick auf meine persönliche Situation. Ich habe ein Dualsim-Handy. Damit ist es mir möglich, für meine deutschen Auftraggeber und natürlich meine Familie und Freunde zum in Deutschland gültigen Tarif erreichbar zu sein. Erst recht, seit Roaming abgeschafft wurde. Für den, der mich von Deutschland aus also auf meine deutsche Handynummer anruft, macht es keinen Unterschied, ob ich gerade in Italien, Spanien, Holland, Frankreich oder eben Deutschland bin. Er zahlt (oder halt nicht, weil Flatrate) den gleichen Gesprächspreis. Dasselbe gilt für meine italienische Nummer. Bin ich zum Beispiel in Deutschland und werde aus Italien auf meine italienische Nummer angerufen oder rufe selbst von der Nummer aus in Italien an, tu ich das zum gleichen Preis (bzw. nicht, weil Flatrate oder Gratisminuten), als würde ich mich in Italien aufhalten. Super Sache. Aber darauf wollt ich gar nicht raus.

Ich habe also zwei Sims. Beide beim gleichen Anbieter. Für die deutsche zahle ich (Prepaid) pro Monat 10,00 € . Darin enthalten 120 netzinterne Freiminuten (oder SMS), sowie (seit kurzem, davor waren es noch ein paar hundert MB) 1 GB Highspeedinternet.* Zum Vergleich*: In Italien bezahle ich 12,00 €, habe unbegrenzte Freiminuten auf alle Netze (auch Festnetz) und 30 GB Internet. SMS kosten extra und einzeln, aber wer schreibt in Zeiten von Instant-Messengern noch SMS?!

Wobei ich natürlich anmerken muss, dass ich damit noch vergleichsweise teuer fahr. Ich hatte kurzzeitig zu einem neuen Anbieter gewechselt gehabt, bei dem ich für einen garantiert lebenslangen Festpreis von 6,99 € pro 4 Wochen 30 GB und unbegrenzte Freiminuten in alle Netze hatte. Deren einziger Fehler war, dass sie es nicht hingekriegt haben, mir in Deutschland Empfang mit meiner italienischen Nummer zu gewährleisten. Ich hatte einmal ganz kurz nach der Landung etwa eine Viertel Stunde Empfang über das O2-Netz, danach konnte die Sim sich nie wieder mit einem Partneranbieter verbinden. Für mich war das also keine Option, weshalb ich dann doch lieber ein bisschen mehr Kosten in Kauf nehme, dafür aber stabilen Empfang hab – ob in Apuliens Hinterland oder in Deutschland.

6. Italien so: Netzabdeckung, Deutschland so: Was’s das?

Fun Fact, Deutschland: Demnächst steht 5G ins Haus und Du kriegst es noch nicht einmal hin, überall ein zuverlässiges 4G-Netz aufzubauen.* Während in Italien schon die ersten Anbieter mit 4.5G-Netz werben, also ein Zwischenschritt quasi, während man auf die vollständige 5G-Verfügbarkeit wartet, wartet man in Deutschland mancherorts noch darauf, überhaupt mal zuverlässiges Netz, das die H+ oder E-“Geschwindigkeit” überschreitet, zu empfangen. Das ist nicht nur traurig, sondern auch ein ökonomischer Gau. Fragt mal Unternehmer oder Großlandwirte außerhalb der Ballungszentren, wie deren Warenwirtschaftssystem oder E-Mail-Verkehr so läuft.

Bei allem Zynismus muss man natürlich auch so ehrlich sein, als dass wir hier von einer verbesserten Netzabdeckung Italien vs Deutschland von rund 3 Prozent sprechen.* Also nichts, womit die Italiener jetzt wirklich prahlen könnten. Aber anders als in Deutschland hab ich persönlich in Italien bisher noch nicht die Erfahrung gemacht, dass ich irgendwo kein Netz gehabt hätte mit meinem Handy. Wenn man mal von Ausflügen in Baris “Unterwelt” absieht.

7. Italien ♥ Plastik und verbraucht trotzdem weniger als Deutschland

Ich war bei der Recherche zu diesem Artikel stellenweise selbst überrascht. So auch und gerade beim Thema Plastikmüll. Die Italiener sind nun nicht gerade dafür bekannt, dass sie ihren geliebten Plastiktüten und Bechern entsagen würden oder gar ihren Müll zuverlässig trennen würden. (Wobei es hier ein starkes Nord-Süd-Gefälle gibt. In Süditalien gibt es zwar eigentlich eine Trennung, hält sich aber keiner dran. Stattdessen gibt’s wilde Müllkippen und am Straßenrand entsorgte Hausmüllberge…) Und trotzdem sprechen die Zahlen eine eindeutige Sprache: Deutschland liegt im europaweiten Vergleich beim Plastikmüll auf Platz 5, Italien auf Platz 12.*

Konkret bedeutet das, dass jeder Deutsche über 4, fast 5 Tonnen Plastikmüll pro Jahr verursacht, jeder Italiener gerade einmal die Hälfte davon (2,6 Tonnen). Allerdings wird in Deutschland fast die Hälfte des anfallenden Plastiks recycelt, während es in Italien nur ein bisschen mehr als ein Drittel ist.* Wobei auch diese Ergebnisse durchaus kritisch zu betrachten sind, denn jüngst haben Investigativjournalisten aufgezeigt, dass auch der deutsche Recycle-Müll zu nicht unerheblichen Teilen auf illegalen Müllhalden im malayischen Urwald landet.* Es ist nicht ausgeschlossen, dass dabei die Italiener ihre Finger im Spiel haben. Denn gerade die Neapolitanische Mafia ist bei Müll und Abfall ganz dick im Geschäft. Ein zweischneidiges Schwert also, das hoffentlich ab 2021 ein wenig abstumpfen wird, wenn das EU-Verbot für Einmalplastik in Kraft tritt… was mich direkt zum nächsten Punkt bei der Gegenüberstellung Italien vs Deutschland bringt:

8. In Italien gibt’s schon jetzt Plastikverbote

Okay, zugegeben. Es sind nur teilweise Plastikverbote. So kenne ich zum Beispiel gar keine Q-Tips mehr mit Plastikstäbchen, die die ich hier kaufe und finde sind aus Karton. Und über die Initiative privater Strandbäder in Apulien habe ich ja erst neulich berichtet, die sich zusammengeschlossen haben und Wegwerfplastik ab der Badesaison 2019 nicht mehr zulassen werden. Auch auf der Urlaubsinsel Elba wird so ein Verbot von Wegwerfplastik umgesetzt, ebenso wie am Hafen von Pisa.*

Die Region Toskana hat 2018 230 Millionen Euro in den Aufbau eines Wasservertriebnetzwerkes investiert, um Plastikflaschen obsolet zu machen. Dazu wurden öffentliche Brunnen und Quellen zugänglich gemacht und an Versorgungsstellen angeschlossen, an denen sich die Einwohner kostenlos Wasser holen können. Sogenannte Wasserhäuser finden sich mittlerweile in beinah allen Städten und Ortschaften der Toskana und haben in 2018 schon 203 Millionen Liter Wasser gefördert. Das Angebot wird also gut angenommen und so konnten allein in der Toskana in einem Jahr 135 Millionen Plastikflaschen eingespart werden. Das sind umgerechnet 61 Millionen Euro, die die Einwohner zuvor für Wasser aus dem Supermarkt ausgegeben haben.*

Und auch, wenn es nach wie vor suboptimal ist, im Supermarkt Gemüse und Obst in Plastiktüten zu verpacken, um es zu wiegen, so sind doch wenigstens in den meisten Supermärkten mittlerweile Tüten aus Bioplastik vorzufinden. Auch ökologisch nicht das Maß aller Dinge, aber immerhin sind diese Biotüten abbaubar. Es geht also voran – und in so mancher Hinsicht schneller und besser, als in Deutschland.

9. Selbstständigkeit und Elterngeld

Eigentlich sollte dieser Abschnitt ein weiterer Rant darüber werden, warum es das in Deutschland nicht gibt. Aber dann fand ich heraus: Es gibt in Deutschland auch für selbstständige Mütter und Väter Elterngeld. Ich wollte diesen Punkt also von meiner Liste Italien vs Deutschland schon streichen, als ich feststellte: in einem Punkt läuft das mit dem Elterngeld in Italien doch besser, als in Deutschland. Dort nämlich, wo es um die Höhe geht.

Für selbstständige Mütter und Väter, die in den 2 Jahren, die der Schwangerschaft vorausgegangen sind, mindestens 10.000 € p.a. eingenommen haben, gibt es eine Untergrenze, also eine Mindestabsicherung, die nicht unterschritten werden darf. Für alle anderen Selbstständigen Italien wird zur Berechnung des Elterngeldes das Einkommen aus den letzten 12 Monaten vor der Schwangerschaft zugrunde gelegt. Von diesem Einkommen erhalten Mütter oder Väter satte 80 % während der Elternzeit. (Genau genommen wird der Mittelwert des täglichen Verdienstes ausgerechnet, davon 20 % abgezogen und der Rest für jeden Tag dieser 12 Monate multipliziert.)

Außerdem gibt es für selbstständige Mütter ein getrenntes Mutterschaftsgeld und ein Elterngeld. (Voraussetzung für beide Bezüge ist, dass man als Selbstständige beim INPS Rentenbeiträge bezahlt und nicht etwa in eine private Rentenversicherung.) Das Mutterschaftsgeld gibt es fünf Monate lang – das ist das mit den 80 % der zuletzt eingenommenen Jahreseinkunft. Ausgezahlt wird es ab zwei Monaten vor der Geburt bis drei Monate danach.* Das Elterngeld haben bis vor wenigen Jahren nur angestellte Mütter erhalten. Eine neue Änderung sieht seit zwei Jahren vor, dass auch selbstständige Mütter das in Anspruch nehmen können – oder Väter.

Das Elterngeld kann man sechs Monate lang beziehen und jederzeit im Laufe der ersten drei Lebensjahre des Kindes beantragen. Es beträgt allerdings nur 30 % des zuletzt verbuchten Einkommens.* Und man muss als Selbstständige/r mindestens 3 Monate vor Antragstellung in die Rentenkasse (Gestione Separata) eingezahlt haben. Als Arbeitnehmer tut man das automatisch. Und, wenn ich jetzt meine Quellen richtig verstanden habe, können sowohl Mutter als auch Vater getrennt von einander das Elterngeld beantragen, um etwa nacheinander ein halbes Jahr Zuhause beim Nachwuchs zu bleiben.

Einziges Problem ist da wohl noch die Bürokratie. Denn die Anträge darf man erst ab einem bestimmten Zeitpunkt der Schwangerschaft stellen – und wenn die Amtsmühlen dann entsprechend langsam mahlen, dürfte das zeittechnisch ein bisschen kritisch werden, aber immerhin. Es gibt eine Unterstützung auch für selbstständig arbeitende Eltern – ein Umstand, der mich, zugegebenermaßen, überrascht hat. Aber durchaus positiv.

10.  Was für unchristliche Zeiten …

Kennt ihr das, wenn in Deutschland hin und wieder mal die Diskussion keimt, an den Öffnungszeiten drehen zu wollen? Etwa, dass man Supermärkten bewilligt, so lange und an den Tagen zu öffnen, an denen sie das für sinnvoll und wirtschaftsfördernd halten? Das letzte Mal gab’s schon hitzige Debatten darum, ob ein Supermarkt bis 22 oder gar 24 Uhr geöffnet sein sollte. (Find ich übrigens unnötiger, als das, was jetzt kommt.)

Aber wehe, man spricht auch noch den Sonntag an! Der Sonntag ist heilig. An dem Tag hat schon Gott Pause gemacht, als er mit seinem 6-Tage-Werk “Erde” fertig war. (Hätte er mal besser nicht, wenn man sich die Welt und die Menschheit so betrachtet, aber gut.) Aber von denen, die den ach-so heiligen Sonntag immer in der Öffnungszeitendebatte als letzte Bastion des Abendlands verteidigen, wären wahrscheinlich auch nur die wenigsten bereit, wie der – in diesem Fall sehr gelegen kommende – Herrgott, 6 Tage durchzumalochen. Sei’s drum. Ich mag hier auch niemandem seinen Glauben absprechen. Und ganz sicher hat in der Sache auch Italien ganz saftig Nachholbedarf, aber in einer Sache sind uns die vermeintlich so gotttreuen Katholiken doch voraus: Hier dürfen Supermärkte, Einkaufszentren und Läden sonntags öffnen, wenn sie wollen!

Genau genommen sind gerade Shoppingzentren auch an Feiertagen geöffnet (mit Ausnahme des 25.12. und 1.1.). Kleinere und innerorts ansässige Supermärkte sind meistens nur Sonntag vormittags (bis 12.30 Uhr) geöffnet. Aber Malls und Geschäfte in der Innenstadt sind sehr wohl auch schon mal bis Spätnachmittag oder in die Abendstunden geöffnet. Und das Angebot wird super gut angenommen. Warum? Weil es arbeitnehmerfreundlich ist. Wer unter der Woche Arbeit, Haushalt, Familie und Hobbys zu jonglieren hat, hat eben nur am Wochenende Zeit, entspannt einkaufen zu gehen. Und indem man nicht alle Bewohner dazu zwingt, diesen Einkauf am gleichen Tag zu machen, kann man das Ganze insgesamt etwas entzerren und gleichzeitig Mehreinnahmen generieren.

Also, wer in einem säkularen Staat leben möchte, sollte doch bitte seinen Gott aus solchen Debatten heraushalten. Erst recht dann, wenn man, wie in Deutschland, den Luxus hat – den sich ja auch viele gönnen -, aus der Kirche austreten zu können und so keine Steuern abgeben zu müssen. Dann werden Gott und Glauben nämlich nur alibimäßig herangezogen, wenn’s grad zweckdienlich ist. Und das ist as scheinheilig as it gets!

Ich möchte jedenfalls meine sonntägliche Möglichkeit einkaufen zu gehen nicht mehr missen und betrachte es gegenüber Deutschland tatsächlich als fortschrittlich. Persönlich erkenne darin keinerlei Nachteile, eher im Gegenteil. Gerade in Ländern, in denen Arbeitnehmerrechte gut geschützt sind (Wochenendzuschläge, Urlaubsanspruch und dergleichen), sehe ich nicht, was dagegen spricht, ein, zwei, drei Menschen mehr anzustellen, um damit eine Sonntagsöffnung zu ermöglichen. Aber, ja, auch das ist einfach eine Einstellungsfrage (um nicht schon wieder den Bias zu bemühen).

Im übrigen

Italien ist auch in Sachen Mieterschutz und Mieterrechte Deutschland in einigen Aspekten voraus. Wie ich kürzlich lernen durfte, kann mir zum Beispiel kein Vermieter untersagen, Haustiere zu halten oder mir vorschreiben, welche. Dass der strenge Mieterschutz natürlich für Vermieter auch nachteilig sein kann – etwa, weil er sich Mietern auch dann nur sehr schwer entledigen kann, wenn diese die Miete nicht bezahlen -, will ich dabei gar nicht bestreiten. Und sicher kann man nicht allgemein davon sprechen, dass das italienische Mieterrecht besser ist, als das deutsche. Doch, um das genauer zu differenzieren, muss ich mich da noch genauer einlesen. Es wird also sicher Stoff dafür geben, noch mal so eine Italien vs Deutschland Gegenüberstellung zu formulieren. Aber jetzt mach ich mich erst einmal an die Recherche für den nächsten Beitrag, in dem ich genauer beleuchten will, in welchen Dingen Deutschland die Nase vorn hat. Es bleibt spannend … 🙂

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