Deutschland vs Italien:
Was kann die BRD besser als der Stiefelstaat?

Erst kürzlich hatte ich in einem Gespräch wieder erwähnt: Seit ich in Italien lebe, fühle ich mich deutscher als je zuvor. Da wandert man also ausgerechnet in ein Land aus, in dem nicht immer alles so eng gesehen wird und auch mal Fünfe gerade sein gelassen werden, nur um nach ein paar Jährchen festzustellen, dass man Dinge, die einen im deutschen Alltag genervt haben, hier und da sogar vermisst. Das reicht von der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit bei privaten Verabredungen bis hin zur Einstellung und Organisation von bürokratischen und arbeitsalltäglichen Dingen. Aber es geht beim Vergleich Deutschland vs Italien um mehr, als um stereotype Muster und soziokulturelle Eigenheiten.

Wie im letzten Artikel auch, möchte ich mich in diesem Beitrag den Dingen widmen, die in Deutschland schlicht besser funktionieren, als in Italien und dabei natürlich auch meine eigene Lebenswirklichkeit wiedergeben, vor allem aber natürlich mit Fakten und Quellen arbeiten, damit das Bild nicht komplett subjektiv verzerrt wird. Denn auch, wenn mich die Pingeligkeit und Steifheit der mancher Deutschen früher natürlich besonders, aber auch heute hier und da noch immer nervt, so hat die zeitweilige Überkorrektheit doch auch durchaus ihre Vorteile. Kleiner Schwank gefällig?

Als ich meine Selbstständigkeit und meinen Wohnsitz in Italien angemeldet habe, musste ich mich beim INPS an- und bei der deutschen Krankenversicherung abmelden. Während das zunächst nach einem Klacks aussah, wurde es nach einigen Wochen doch ein Problem. Die Krankenkasse in Deutschland war zum Glück hilfreich und super kulant, aber das INPS in Bari hat sich einfach mal sowas von bescheuert angestellt… Worum ging es? Deutsche Krankenkassen versenden Mitgliedsdaten relevante Unterlagen nur per Post. Das INPS behauptete aber trotz mehrfachem Versand der Unterlagen, keine Post aus Deutschland erhalten zu haben und forderte mich auf, die Krankenkasse darauf aufmerksam zu machen, dass das entsprechende Dokument als PDF zur Verfügung stünde und per Mail geschickt werden solle. Das wusste die KK zwar, verwies aber ihrerseits auf den Datenschutz und die damit einhergehende Politik ihrer Versicherung. Und nun? Zum Glück zeigte sich die Krankenkasse irgendwann als so kulant, dass sie statt des offiziellen Formulars, das eigentlich das INPS hätte ausfüllen und zurückschicken müssen, um meinen Versichertenstatus im italienischen System zu belegen, einen schlichten Ausdruck aus der Datenbank des INPS, den ich mir aushändigen ließ, annahmen und als ausreichend anerkannten. Dieser Hick-Hack dauerte mehrere Monate, diverse, ergebnislose Besuche beim INPS und unzählige Nerven. Ohne das Verständnis (O.-Ton: “Ja, wir kennen das Problem schon. Das haben wir mit den Italienern leider öfter mal.”) und die Unterstützung meiner Krankenkasse wäre ich sicher irgendwann Amok gelaufen. Also, hey, sagt, was ihr wollt über den deutschen Bürokratiedschungel, aber in Sachen Kulanz und Hilfsbereitschaft kann Italien dagegen echt einpacken.

So. Kommen wir aber nun zu einer etwas allgemeingültigeren Darstellung darüber, worin Deutschland sich gegenüber Italien hervortut.

1. Die Deutschen werfen weniger Lebensmittel weg

In den Industrienationen dieser Welt landen jedes Jahr im Schnitt 670 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll.* Während Italien mit Hilfseinrichtungen, Apps* und seit 2016 mit einem Gesetz (dazu gleich mehr) dagegen halten versucht, wird in Deutschland sogar Containern strafrechtlich verfolgt. Nun kann sich im direkten Vergleich Deutschland vs Italien zwar die BRD als vorsichtiger Gewinner hervortun – dort werden “nur” 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen.* Das macht gegenüber Italien mit knapp 20 Millionen Tonnen p.a. nicht den Supervorsprung aus. Und immerhin hat Italien dieses Problem nun in die Hand genommen und 2016 ein Gesetz nach französischem Vorbild erlassen, wodurch Supermärkte und Restaurants von einer Steuererleichterung profitieren können, wenn sie weniger Lebensmittel verschwenden.* Für den privaten Wegwerfwahn gibt es aktuell nur leider auch hier keine effektiven Lösungen. Allerdings arbeiten Unternehmen daran, neue Verpackungen zu entwickeln, die Lebensmittel länger haltbar machen sollen. Zu spüren ist davon aber – zumindest bei meinen regelmäßigen Einkäufen – nicht wirklich was. Aber, wartet mal … müsste dieser Punkt dann nicht an Italien gehen?

Ich sag mal: Jein. Denn auch, wenn 2 Millionen Tonnen im realen Leben keinen nennenswerten Unterschied machen, so machen sie ihn auf dem Papier eben doch.* Und weil die Deutschen zumindest marginal umsichtiger mit ihren Vorräten und Lebensmitteln umgehen, als die Italiener, wollen wir diesen Punkt mal großzügig zugunsten der BRD auslegen.

2. Die Leistungen der Krankenversicherungen

Ja, ja, ich weiß. Im Artikel letzte Woche hab ich die Krankenversicherung in Italien über den grünen Klee gelobt und nun soll die deutsche doch die bessere sein? Wenn man das Ganze differenziert betrachtet, ist das durchaus möglich. Während ich das System der Krankenversicherung in Italien besonders aus der Perspektive einer Selbstständigen betrachte, hat Italien die Nase vorn. Es gibt aber ein mittelgroßes bis sehr großes ABER:

Die italienische Krankenversicherung übernimmt so gut wie keine Leistung vollständig. Sprich: Man wird immer mindestens anteilig selbst zur Kasse gebeten. Das beginnt bei den Kosten für Blutanalysen – auch dann, wenn sie medizinisch indiziert sind. Und endet mit der vollständig privat zu bezahlenden Zahnmedizin. Und genau das finde ich in Deutschland sehr viel besser geregelt, als hierzulande. Meine jährliche Kontrolle ist eine vollständige Kassenleistung. Genauso wie ich in Deutschland die Wahl habe, bei notwendigen Behandlungen die Lösung zu wählen, die die Versicherung vollständig, anteilig oder gar nicht übernimmt. Durch eine Zusatzversicherung kann ich außerdem auch Implantate und dergleichen erstattet bekommen. Allein die Zahnreinigung ist in Deutschland selbst zu tragen. Das geht mit den Vorsorgeuntersuchungen und gegebenenfalls Behandlungen beim Gynäkologen, Hautarzt und sogar Psychologen gerade so weiter. Alles das muss ich in Italien aus eigener Tasche bezahlen. Zumindest solange ich nicht nachweisen kann, dass mein Einkommen unterhalb einer bestimmten Mindestgrenze liegt, sodass ich mir medizinisch notwendige Untersuchungen, Therapien und Medikamente nicht leisten kann – apropos Medikamente: die kann jeder hier in Italien von der Steuer absetzen am Ende des Jahres. Die einzige Leistung, die in Italien kostenlos ist, ist der Pap-Test. Dieser wird in Italien gemeldeten Frauen zwischen  (ich glaub) 25 und 65 Jahren alle zwei, drei Jahre kostenfrei ermöglicht. Da kommt dann ein Brief mit einem Termin und der Adresse, wo der Test durchgeführt wird.

Da aber ansonsten alle Arztbesuche, Therapiemaßnahmen und Behandlungen zumindest teilweise, wenn nicht, wie im Fall des Zahnarztes, gar vollständig privat zu bezahlen sind, muss ich sagen: die deutsche Krankenversicherung fehlt mir. Es ist weniger Papierkram, vor allem aber ist die Hemmschwelle niedriger, regelmäßig Untersuchungen zur Vorsorge in Anspruch zu nehmen und das ist dem Gesundheitszustand der Gesamtbevölkerung zuträglich. Bei allem Lob für das italienische SYSTEM Krankenversicherung, in Sachen Leistungen (nur die Notaufnahme im Krankenhaus ist wirklich kostenfrei) können die Italiener nicht gegen Deutschland anstinken. Isso.

P.S. Auch in Italien kann man natürlich private Zusatzversicherungen abschließen und sich so den Zugang zu bestimmten Leistungen kostenlos sichern – wenn man mal von den Beiträgen für die Versicherung absieht.

3. Ameno. Ameno dore. Ameno dori me …

Wer nun nach der Lektüre des letztwöchigen Beitrags und dieses Artikels bis hierhin dachte, ich käme ohne Aufregerthema oder persönlichen Rant aus: keine Sorge, der Zeitpunkt ist gekommen. Nehmen wir an, wir leben in einem säkularen Land. Einem Land also, in dem Kirche (weil Privatgedöhns) und Staat (weil Solidaritätsprinzip und Gemeinschaft) voneinander getrennt sind. Wie vertretbar ist es dann, dass die Kirche Anspruch auf Steuergelder hat? Genau, nicht wirklich. Zumindest dann, wenn man mit der Kirche nicht wirklich was am Hut hat. In Deutschland hat man die Wahl: Mitglied bleiben und Steuern zahlen, dafür darf man dann … ja, was eigentlich? Kirchlich heiraten ja auch nur, wenn man gefirmt ist und der Firmstatus hat auf die Mitgliedschaft in der katholischen Kirche keinerlei Einfluss. Beichten? Beten? Was denn? (Ich mein das ernst, wenn ihr irgendwie wisst, welche Gegenleistungen ich als katholisch Getaufte von der Kirche im Gegenzug für meine Steuern und Beiträge erhalten kann, lasst gern einen Kommentar da und erleuchtet mich.)

Jedenfalls kann ich in Deutschland frei entscheiden, ob ich Mitglied der Kirche bleiben möchte oder eben nicht. Im letzteren Fall kann ich dann einen Schrieb an das zuständige Standesamt verfassen, wonach mein Glaubensbild mit dem der Kirche nicht einhergeht und ich bin künftig von Steuerzahlungen befreit. Zumindest war das so, als ich das in meiner Heimatstadt vor – puh – X Jahren gemacht hab. Mittlerweile soll das wohl etwas aufwändiger und sogar mit einer Bearbeitungsgebühr versehen worden sein?

Okay, ich bin da nicht so 100 Prozent auf dem Laufenden. Aber wozu auch!? Ich bin ja längst ausgetreten und solange ich nicht proaktiv meine Meinung dazu ändere, bleibt das auch so. Außer natürlich, ich ziehe irgendwann nach Italien. Oh, wait … !

Tja, hätte mir auch mal früher einer sagen können. Danke auch. Dass mein Kirchenaustritt europaweit gültig ist, so wie mein Personalausweis, klar, das hab ich nicht erwartet. Aber, dass es doch zumindest eine Möglichkeit gibt, auch hier aus der Kirche auszutreten, hab ich – naiver Weise – zumindest zu hoffen gewagt. Pustekuchen.

In Italien ließ sich der Klerus bis 1985 sogar direkt von der Regierung ein Gehalt auszahlen. Ein angemessenes. Was auch immer das bedeuten soll. Diese Mechanismus wurde sozusagen als Wiedergutmachung eingeführt, dafür dass der Nationalstaat die Macht der Kirche eingeschränkt und Rom als Staatsgebiet annektiert hatte. Mitte der Achtzigerjahre kam dann auch der italienischen Regierung der Gedanke, dass dieses System ein wiiinziges bisschen überholt sein dürfte und einigte sich mit dem Heiligen Stuhl auf eine andere Art der Kirchenfinanzierung. Nämlich auf die Einführung des sogenannten “Otto per Mille”, als Acht pro Tausend.* (Und ja, auch mich erinnert das an das mittelalterliche Zehnt.* Was ungefähr meine Meinung über die Kirche insgesamt gut darstellt: mittelalterlich.) Damit ist gemeint, dass jeder Staatsbürger (nein, schlimmer noch, jeder Steuerzahler!) pro ein Tausend Euro Einkommen im Monat acht Euro Kirchensteuer zahlt. Und zwar, egal, ob er festangestellt oder selbstständig ist, ob er gläubig, Atheist, bigott oder Agnostiker ist. Jeder, der in Italien ein Einkommen bezieht und am Jahresende seine Einkommenssteuer bezahlt, bezahlt einen Einkommenssteuerzuschlag von acht Promille (zu viel Messwein gesoffen, wa?), also acht Euro pro Tausend Euro Gehalt, an die katholische Kirche. Rein theoretisch kann man auf der Steuererklärung auch alternative Empfänger dieser unfreiwilligen Beitragsspende angeben – etwa, andere kirchliche Einrichtungen für die wenigen Protestanten, Mormonen oder (die unglaublich und überraschend vielen) Zeugen Jehovas, oder sogar den Staat. Damit gibt es zwei große Probleme:

  1. Viele Italiener wissen nicht, dass sie selbst bestimmen können, wer ihre acht Euro kriegen soll, und geben das bei der Steuererklärung nicht an. (Erinnert mich daran, dass ich meinen Steuerberater mal dringend kontaktieren sollte, wenn dieser Artikel fertig ist. 😉 ) Das heißt, die Kohle fließt automatisch in die Taschen des Vatikans.
  2. Die acht Euro pro Tausend muss man in jedem Fall bezahlen! Egal an wen. Das kann man sich meinetwegen aussuchen, aber man kann nicht offiziell aus der Kirche austreten und so von der acht-Eurosteuer befreit werden. Und das hat nichts mehr mit Säkularismus, der Trennung von Kirche und Staat oder aufgeklärter Gesellschaft zu tun.

Nicht zuletzt wurde Italien sogar von der EU der Prozess gemacht, weil sie katholische Kirche insgesamt im Leben mit allen möglichen Vorzugsbehandlungen und Benefits wie Steuererleichterungen und dergleichen mehr pampert.* …wo hab ich nur noch mal die Nummer meines Steuerberaters hin? Bin gleich wieder da.

4. Bier, Brot und Wurst – deutsche Leitkultur, Prost

Spaß (und Rant) beiseite, wenn wir Deutschen uns auf etwas verstehen, dann ist das 1. Bier, 2. Brot und 3. Wurst. Und das sag nicht (nur) ich, sondern auch der ein oder andere Italiener, wenn er mal über seinen Schatten springen schafft und zugeben kann, dass nicht alles Italienische das Beste der Welt ist.

Im deutschen Brotregister (ja, das gibt es wirklich) sind über 3.000 Brotsorten verzeichnet.* Die deutsche Brotkultur 2014 sogar ins bundesweite Verzeichnis immaterieller Kulturerbe aufgenommen worden.* Und dann kommen die Italiener und sind der Überzeugung, dass sie mehr Brotsorten backen, als die Deutschen. Dass ich nicht lache! 😉 Was stimmt: In Italien hat jedes noch so kleine Örtchen sein eigenes, typisches, lokales Brot. Was aber oft unterschlagen wird: Das meiste davon ist Weißbrot aus Weizen, das sich einzig in der Variation der Zutaten, Herstellung und Backzeit unterscheidet. Zwar kriegt man hier im Supermarkt (und wahrscheinlich auch beim Bäcker) natürlich mittlerweile auch Vollkornbrote (zu horrenden Preisen), aber in Sachen Vielfalt und Verfügbarkeit geht Deutschland vs Italien in dieser Angelegenheit deutlich in Führung.*

Bier! Des Deutschen liebstes Getränk. Und ganz ehrlich, wer schon mal italienisches Bier getrunken hat, dem rollen sich als Bierliebhaber die Zehennägel auf. Das meiste davon schmeckt meiner Erfahrung nach schlicht nach Wasser mit bisschen Geschmack und erinnert mich eher an Limonade, als an Bier. Natürlich gibt es auch hier mittlerweile viele Importe und Craft Biere, aber nicht umsonst hat so gut wie jedes Lokal mindestens auch eine deutsche Biersorte im Angebot. Und ich bleib da einfach dabei, Bier können wir besser.

Als Vegetarierin ist für mich das Thema Wurst nicht unbedingt ein Spezialgebiet, darum muss ich da andre für mich sprechen lassen. Erfahrungsgemäß aber sind Italiener positiv überrascht, wenn man ihnen eine deutsche Wurst vorsetzt. Die in Italien verbreiteten Salsicce sind nämlich im Grunde genommen in Wurstform gepresstes Fleisch und das hat mit der Wurstherstellung in Deutschland nicht wirklich was zu tun. Darum grenzen die Italiener ihre Salsicce auch von den Wurstel (arks) ab. Der Begriff Wurstel (hin und wieder liest man auch Würstel, aber gesprochen wird das immer mit u) ist wohl von den Südtirolern und Österreichern übernommen worden und soll sich vom dialektalen Würstel (für Würstchen, wir in Süddeutschland sagen dazu Würstle für Würstlein) ableiten. Wenn man also in Italien Wurst kauft, auf der auch Wurst oder Wurstel drauf steht, kann man zu 90 Prozent davon ausgehen, dass die Wurstware südtirolesischen, österreichischen oder deutschen Ursprungs ist. Dass Deutschland auch hier in Sachen Sorte die Nase vorn hat, ist darum auch ohne Zahlennachweis, deutlich. Schlicht, weil in Italien keine Wurst im eigentlichen Sinne hergestellt wird. Bringt also euren italienischen Freunden beim nächsten Besuch gerne mal deutsche Wurst oder gar Büchsenfleisch mit. Kulturelle Verständigung geht halt nämlich auch durch den Magen. 😉

5. Auto fahren nach STVO

Italien ist berühmt berüchtigt für seine kreative Auslegung einer Straßenverkehrsordnung – oder vielmehr die Auslegung der Notwendigkeit, die StVO zu befolgen. Darüber habe ich in der Vergangenheit ja schon geschrieben und euch einen kleinen Leitfaden dazu verfasst, wie ihr mit dem abenteuerlichen Straßenverkehr in Italien zurecht kommen könnt, ohne nennenswerten Schaden zu nehmen. Das mag einerseits von außen betrachtet alles zum Schmunzeln sein, aber tatsächlich liegen der eigenwilligen Fahrweise der Italiener harte Zahlen zugrunde, sodass ich (Tempolimit auf den Autobahnen hin oder her) klar sagen muss, in Deutschland ist Auto fahren (ein bisschen) weniger gefährlich, als in Italien. Und ja, auch ich hab bei meinem letzten “Heimaturlaub” sehr wohl bemerkt, dass auch in Deutschland jeder Dritte keine Ahnung davon zu haben scheint, wie man einen Blinker benutzt. In Italien aber ist das Problem, dass sie nicht einmal zu verstehen scheinen, dass es überhaupt einen Blinker gibt (abgesehen vom Warnblinker). Mal im Ernst. In Italien passieren zwar insgesamt weniger Unfälle, dafür aber fast 75 Prozent davon innerorts.* In Deutschland machen Unfälle innerorts 68,6 Prozent aller Unfälle im Straßenverkehr aus.*

Das dürfte nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein, dass in Italien gerne absichtlich Unfälle provoziert werden. Mit Vorliebe natürlich innerorts, weil man das Gefühl hat, mehr Kontrolle drüber zu haben, wie viel Schaden das Auto wohl nehmen würde, wenn man dem nächsten in den Kotflügel schrammt. Klingt abenteuerlich, ist mir aber sogar selbst schon passiert, so ein Versuch, einen Unfall vorzutäuschen. Und das, obwohl ich nur geparkt und sogar im Wagen gesessen und gewartet hatte. Aber der “Herr” vor mir hat wohl beschlossen, trotz mindestens 3 Metern Platz zwischen seinem Heck und meiner Motorhaube, zum Ausparken so weit zurücksetzen zu müssen, dass er mir ganz sicher die Stoßstange pariert. Da hatte er nur die Rechnung ohne meine italienische Hälfte gemacht, die ich selbstredend direkt anrief – ist ja immerhin ihr (also er, aber weil es halt die Hälfte ist…) Auto. Und wenn die Bitontiner mal loslegen, versteh ich eh auch ohnehin nichts mehr, wäre also heillos überfordert gewesen. Selbstredend stand um den Typen gleich die ganze Familie herum – Kinder weinten (ich schwör!), die Frau kreischte und die Männer riefen alle aufgeregt und lauthals durcheinander. Aus den Fenstern der umliegenden Häuser lugten plötzlich neugierige Köpfe hervor und Passanten blieben neugierig stehen, während der Kerl auch noch so kackendreist war, anzudrohen die Vigili zu rufen, weil ich ja vor einer Garage mit einem gültigen Eingeschränktes Halteverbotsschild stand. Ich giftete todesmutig zurück, dass er das gern machen solle, wir würden ja sehen, ob ihm das das Recht gäbe, meinen Wagen mit voller Absicht zu touchieren. In der Zwischenzeit war dann auch mein Freund endlich da und? …kannte einen der Anwesenden, die der Unfallverursacher in seiner Entourage hatte. So konnte er die Situation zwar schnell runterkochen, aber hey, was für ne Scheiße. Ich schwör, ich war das erste Mal in Apulien überhaupt am Steuer gesessen und bin nur einen Block weitergefahren, weil mein Freund sein Auto vor einer Garageneinfahrt (ebenfalls mit eingeschränktem Halteverbot) abgestellt hatte und mich bat, falls jemand käme, um dort hineinzufahren, das Auto umzupacken. Und dann gleich so was. Mir ist die Lust am Auto fahren in Süditalien echt vergangen und insgeheim bin ich froh, dass ich das wohl auch nicht mehr lernen müssen werd, weil unser Weg ja nun vom Stiefelabsatz ins Grenzgebiet zu Frankreich führt.

Zurück zum Thema. In Italien sind 2,04 Prozent der aufgenommenen Unfälle Versuche, die Versicherung übers Ohr zu hauen. Die Fake-Unfälle, bei der einfach der vermeintliche Verursacher direkt zur Kasse gebeten wird und die nie bei den Versicherungen eingereicht werden, mal noch gar nicht mitgerechnet. 2 Prozent mögen wenig sein, aber wenn man sich die in konkreten Zahlen mal ansieht, kommt man auf stattliche 54.500 solcher Fälle pro Jahr.* Und während im Norden die meisten solcher Betrugsversuche im Piemont verzeichnet wurden, so muss man doch sagen, dass 1,21 Prozent selbst die höchste Zahl Norditaliens nichts ist, im Vergleich mit dem Süden. Dort führt Kampanien die traurige Spitze der Liste mit den meisten, gefälschten Unfällen an (7,32 %), dicht gefolgt von Apulien mit 5,17 % und Kalabrien mit 4,52 %. Also nochmals zur Verdeutlichung: Das sind nur Fälle, die den Versicherungen bekannt sind, weil die Versicherten Anspruch auf Versicherungsleistungen erhoben und die Vorgänge untersucht wurden. Über die Fälle, bei denen ein Unfall provoziert wird und der Rest unter der Hand ohne Vigili und Versicherungskram geregelt wird, gibt’s – verständlicher Weise – keine konkreten Zahlen. Es ist aber anzunehmen, dass diese Dunkelziffer ungleich höher ist und auch darin Süditalien Spitzenreiter ist.

Da sind mir ein paar Honks auf Deutschlands Straßen, die mal den Blinker nicht setzen, trotz Fluchens dann doch lieber, als täglich mehrmals damit rechnen zu müssen, dass sich jemand während ich parke gegen mein Auto schmeißt, um mir Schmerzensgeld (natürlich sofort und in bar) abzupressen oder so was.*

6. Das System, die Qualität und die Effektivität der Schule

Lasst mich vorneweg sagen, ich weiß um marode Schulbauten und einen klammen Bildungsetat und um den Lehrermangel und die vielen Quereinsteiger an deutschen Schulen. Aber ich verspreche euch, nach diesem Absatz werdet ihr froh sein, in Deutschland eine Schule besucht haben zu dürfen … oder so ähnlich. Ich selbst bin ja als erste Akademikerin meiner Familie aus der arbeitenden Mittelschicht einerseits absoluter Profiteur des deutschen Schulsystems. Ich weiß aber auch um seine Schwachstellen. Und ich kenne die Zahlen. Geben wir’s zu, wenn wir Finnland, Island und Co. nicht bald aus den Statistiken raushalten, stinkt der halbe europäische Kontinent in beinahe allen Angelegenheiten gegen die Skandinavier ab. Natürlich macht es Sinn, auf der Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten immer dorthin zu schauen, wo es besser läuft. Aber zwischendurch tut es doch auch mal gut, sich vor Augen zu führen, dass es auch echt noch schlimmer geht. Betrachten wir diesen Deutschland vs Italien Vergleich also als eben jene Abwechslung. 😉

Ich mein, wir reden hier von einem Land, das kürzlich beschlossen hat, Geschichtsunterricht aus dem Lehrplan für Absolventen zu streichen! Absurd. Um’s klarzustellen: Geschichtsunterricht wird nicht vollumfänglich gestrichen, aber die Stundenanzahl dafür drastisch reduziert und als Prüfungsfach auf dem Liceo komplett herausgenommen. Werfen wir dazu einen Blick auf das italienische Schulsystem – das deutsche dürfte ja bekannt sein.

In Italien werden Kinder im Schnitt ein Jahr früher (5-6 Jahre) eingeschult, als in Deutschland (6-7 Jahre). Dann gehen sie 5 Jahre lang in die Grundschule, wo sie meist von einem einzigen Lehrer unterrichtet werden, der alle Fächer abdeckt. (Hä? Ja, genau.) Danach müssen die Schülerinnen zwei Jahre auf eine Mittelschule, die sie frei nach gewünschtem Schwerpunkt aussuchen können. Wenn die Kids mit der Scuola Media fertig sind, sind sie im Schnitt 12, 13 Jahre alt und im Prinzip können sie ihre schulische Laufbahn dann für beendet erklären. Ja, in Italien endet die Schulpflicht mit 13. Absurd? Ein bisschen vielleicht. Wer sich aber nun dafür entscheidet, weiterzumachen, kann noch mal weitere 5 Jahre eine höhere Schule besuchen. Wieder haben die Schüler die Wahl, ob sie ein bestimmtes Liceo (vergleichbar mit unserem Gymnasium) besuchen wollen, auch diese haben unterschiedlich Schwerpunkte (Sprachen, Naturwissenschaften, Kunst und Geschichte, etc.). Sie können stattdessen aber auch auf eine weiterführende Schulen gehen, die technisch ausgerichtet sind oder eine Art Berufsschule darstellen. Haben Sie nach 5 Jahren ihre Abschlussprüfung bestanden, können sie sich in die Uni einschreiben.

Randnotiz: Aufgrund der wirtschaftlichen Lage und dem steilen Nord-Süd-Gefälle sind die jungen Süditaliener im Schnitt besser ausgebildet, als die Norditaliener. Weil sie weniger Aussicht auf eine Anstellung nach der Schule haben, gehen nämlich im Süden überdurchschnittlich viele “Abiturienten” studieren.

Laut Pisa-Studie schwänzen die Italiener nicht nur häufiger den Unterricht, als deutsche Schüler, sie liegen auch im Gesamtschnitt 16 Punkte hinter der deutschen Schulleistung in Sachen Naturwissenschaften.* Insgesamt landete Deutschland zuletzt auf Platz 16 der Pisa-Rangfolge, Italien auf Platz 34. In einer amerikanischen Studie wurden währenddessen Daten darüber erhoben, dass die Italiener dem staatlichen Schulsystem weniger zutrauen, als die Deutschen. 31 % der Italiener sind von der Qualität des Unterrichts an öffentlichen Schulen nicht überzeugt, 56 % sogar der Meinung, die Qualität habe in den letzten 10 Jahren abgenommen. In Deutschland sind das 24 % bzw. 52 %.*

Während in Deutschland klar ist, woran das Schulsystem krankt (vorrangig Etat-bedingt), ist die Situation in Italien ein wenig undurchsichtig. Da ist natürlich zunächst einmal das generelle System zu hinterfragen. Zwar ist es in meinen Augen gut, Schulklassen länger als vier läppische Jahre wie in Deutschland zusammen zu lassen und die Grundschulzeit etwas ausgedehnter zu halten. Aber wenn in der Grundschule alle Fächer von einer Lehrkraft abgedeckt werden sollen, halte ich das doch für eine ziemlich fragwürdige Methodik. Nicht, dass ich den Lehrkörpern ihre Allgemeinbildung absprechen will (oder doch, eigentlich doch…), aber ich selbst würde mir nicht zutrauen, Grundschülern in Mathematik, Deutsch, Religion, Kunst, Sport, Sachkunde, und was man da halt noch so lernt, gleichermaßen gerecht werden zu können. Klar, ich hab das nicht studiert, aber irgendwie erschließt sich mir diese Vorgehensweise einfach nicht und scheint mir instinktiv nicht logisch. Mal vom Arbeitsaufwand ganz abgesehen, den ein Universallehrer, selbst wenn er denn motiviert wäre und sich nicht nur auf seinem unkündbaren Beamtenposten (in Italien Posto Fisso) ausruht, bewältigen müsste.

Nächstes Problem: Die Verbeamtung. In Italien ist Vetternwirtschaft noch ausgeprägter, als bei uns. Vor allen Dingen schämt man sich hier nicht dafür, sondern brüstet sich im Zweifelsfall eher damit, vom Schwippschwager des Cousins dritten Grades des Vaters empfohlen worden zu sein. Natürlich müssen Lehrer und Lehrerinnen einen entsprechenden Nachweis über ihre Eignung erbringen, aber persönliche Empfehlungen und Strippenzieherei hilft ungemein dabei, Menschen in Positionen zu hieven, die sie gar nicht ausfüllen, sondern nur aufgrund der damit einhergehenden Vorzüge besetzen wollen. Im Falle von Lehrern an staatlichen Schulen ist das eben die Unkündbarkeit. Was sicher nicht der einzige Grund für das nächste Manko italienischer Schulen ist, aber bestimmt mit dort hineinspielt…

Nicht zuletzt sind die Lehrer und Lehrerinnen in Italien die ältesten in ganz Europa. Mehr als 57 % aller Lehrkräfte ist über 50 Jahre alt – im europäischen Durchschnitt sind das 36 % -, und die Lehrkörper über 60 wächst in Italien exponentiell an. Aktuell sind 18 % aller italienischen Lehrer/innen der Ü60-Generation zuzuordnen, demgegenüber stehen im Rest Europas gerade einmal 9 %.* Aktualität und Standards der Pädagogik, die dort angewandt werden, dürfen also zumindest angezweifelt werden.

Diese Faktoren alle und die – aus meiner Sicht – sehr langen Schultage schon in manchen Grundschule gepaart mit teilweisem Samstagsunterricht dürften also gut und gerne dazu beitragen, dass Schulbildung in Italien zumindest im Vergleich zu (meiner) in Deutschland einen sehr geringen Stellenwert einnimmt und sehr dürftige Wertschätzung erfährt. In den ärmeren Teilen des Landes sind marode Schulgebäude übrigens auch Gang und Gäbe – damit ist Deutschland also nicht allein. Und auch die Gewaltbereitschaft unter italienischen Schülern gegenüber ihren Lehrerinnen und Lehrern nimmt in den letzten Jahren trauriger Weise zu.*

7. Elterngeld für selbstständige Mütter

“Häää? Hattest du den Punkt nicht im letzten Beitrag für Italien vergeben?” – Ja, hab ich. Allerdings ging’s dabei vor allem um die Höhe. In Deutschland können selbstständige Frauen nämlich während den ersten 14 Lebensmonaten des Nachwuchses immerhin 12 Monate Elterngeld bekommen. In Italien sind das nur insgesamt 11 – und auch nur dann, wenn man Elterngeld und Mutterschutzzuschuss beides beantragt. Während also bei der Höhe der postnatale Subvention Italien mit 80 % die Nase vorn hat (in Deutschland sind das 65 %), können deutsche Mütter sich ihrem Kind immer hin einen Monat länger widmen. Ist doch auch was, oder?!*

8. Niedriglohn und Gender Pay Gap: wer’s besser kann

So, nachdem ich nun meine Gehirnwindungen vor lauter Überraschung und Verwirrung wieder entknotet hab, versuch ich hier mal kurz darzulegen, wie es dazu überhaupt gekommen ist, dass ich eine mittelgroße Blockade im Kopf hatte. Ja, ich hab’s auch nicht geglaubt, aber: Deutschland liegt im Ranking der Niedriglohnländer tatsächlich vor Italien! Wir sprechen hier tatsächlich davon, dass eines der europäischen Länder mit der stärksten und stabilsten Wirtschaft Angestellte und Arbeiter in bestimmten Branchen schlechter entlohnt, als eines der ökonomisch prekärsten Länder der EU, in dem regelmäßig 3-Monatsverträge vergeben werden, Angestellte gebeten werden, ein paar Wochen zwischen dem letzten und dem nächsten Arbeitsvertrag schwarz zu arbeiten, damit man nach zwei Jahren keinen unbefristeten Vertrag ausstellen muss, und in dem es keinen gesetzlichen Mindestlohn gibt. Das ist so krass, dass ich gerade mit den Worten ringe, mit denen ich dieses Phänomen eigentlich erklären wollte.

Ich versuch’s trotzdem: Das Pro-Kopf Nettogeldvermögen beträgt in Italien 54.530 Euro, in Deutschland 49.760 Euro.* (Brutto sieht’s übrigens auch nicht viel besser aus, allerdings halten sich Italien und Deutschland da beinahe die Waage mit 70.130 Euro in Italien und 70.350 Euro in Deutschland.) Im privaten Dienstleistungssektor liegt der deutsche Brutto-Stundenlohn bei durchschnittlich 28,70 Euro – der EU-Durchschnitt bei 23,80 Euro. In diesen Branchen liegt Deutschland also noch im positiven Sinne vor Italien, wo zwar immer noch über Durchschnitt, aber mit 27,10 Euro pro Stunde doch weniger als in Deutschland gezahlt wird. Wenn auch nicht so viel weniger, wie man vielleicht erwartet hätte. Die deutsche Industrie entlohnt ihre Angestellten immerhin mit 36,20 Euro pro Stunde und liegt damit deutlich über dem europäischen Gesamtdurchschnitt mit 23,80 Euro und auch knappe 10,00 Euro mehr über dem italienischen Verdienst, der sich mit dem Stundenlohn eines in der Privatwirtschaft Angestellten deckt.* So weit, so gut.

Allerdings arbeiten in Deutschland auch immer mehr Menschen als Geringverdiener und müssen teilweise mehrere Jobs gleichzeitig annehmen, um über die Runden zu kommen. (Not-so-Fun Fact: Überwiegend sind das alleinerziehende Frauen.) Setzt man also Konjunktur und die Anzahl von Arbeitnehmern, die in Niedriglohnbeschäftigungen angestellt sind ins Verhältnis, dann wirft das kein besonders gutes Licht auf Deutschland. Klar, kann man argumentieren: In Italien arbeiten sie dann halt schwarz oder gar nicht. Und das lässt sich auch nicht abstreiten, dass das ein legitimer Kritikpunkt ist, aber sollte es einem Land mit regelmäßigem Haushaltsüberschuss und steigender Exportrate nicht irgendwie auch ein (moralisches und ökonomisches) Anliegen sein, dann die Leute, die für diesen Antrieb der Wirtschaft sorgen, auch fair zu entlohnen? Insgesamt ist es schwer, hier einen fairen Vergleich aufzustellen. Denn natürlich stehen den 22,5 % im deutschen Niedriglohnsektor arbeitenden beschäftigten ausgenutzten Angestellten nur 9,4 % italienische gegenüber (sind das krasse Zahlen oder sind das krasse Zahlen?).* Aber darüber darf man auf keinen Fall vergessen, dass Italien sicher einiges über Schwarzarbeit wieder wett macht (die es auf jeden Fall auch in Deutschland gibt, aber wohl weit weniger ausgeprägt), wo die deutschen Niedriglöhner immerhin ein paar Benefits (Krankengeld zum Beispiel und wenigstens ein paar Kröten Rentenbeitragszahlungen) auf ihrer Seite haben.

Aber nicht nur in Sachen Niedriglohnausnutzung ist Deutschland im direkten (und undifferenzierten, weil diverse weitere Einflussfaktoren ignorierenden,) Vergleich der traurige Gewinner gegenüber Italien. Auch der Gender Pay Gap ist in Deutschland größer, als in Italien. (Immerhin: In Italien verdienen beide gleich scheiße… 😉 (*Trommelwirbel* Das war: Zynismus.)) Der ungereinigte geschlechtsspezifische Verdienstunterschied liegt in Italien bei unter 5,5 %, in Deutschland bei rund 22 %. Dabei muss man aber sagen, dass in Italien nur knapp die Hälfte (49,3 %) aller Frauen zwischen 15 und 65 überhaupt offiziell(!) arbeiten. In Deutschland sind es immerhin gut Dreiviertel (71 %).* Natürlich sind das alles keine relative Zahlen und sozioökonomische Faktoren hab ich hierbei komplett außen vor gelassen. Und trotzdem finde ich persönlich diesen Aspekt des Vergleiches Deutschland vs Italien ziemlich erschreckend – ich würde mal sagen, dass Deutschland Niedriglohn und Gender Pay Gap besser kann als Italien, ist zumindest ein unehrenhafter, wenn nicht gar unwürdiger Punkt zugunsten der BRD.

9. In Deutschland lebt man günstiger

Okay, das ist zugegeben etwas sehr vereinfacht dargestellt. Denn natürlich sind die Lebenshaltungskosten vor allem in Süditalien im Vergleich zu Deutschland doch niedriger. Auch, wenn ich bemerkt habe, dass man für bestimmte Dinge deutlich mehr Geld ausgeben muss, als in Deutschland. Mein Lieblingsbeispiel ist Teebaumöl. Nicht nur, dass ich das hier nur in ausgewählten Geschäften (Erboristeria) finde, es kostet pro Milliliter auch direkt einen strammen Euro. Für ein 10-ml-Fläschchen bezahl ich hier also 10,00 Euro, in der Drogerie in Deutschland für 30 ml knappe 3 Euro. Überhaupt langen die Italiener bei Kosmetik- und Pflegeartikeln ziemlich zu. Dafür sind halt andre Dinge wieder günstiger. Aber man bezahlt ja nicht nur den Preis für das Produkt. Man zahl ja auch noch eine Mehrwertsteuer. Und die zumindest ist in Deutschland doch günstiger, als in Italien.

Zwar kann sich auch Italien nicht damit rühmen, keine Pink Tax zu veranschlagen, aber selbst wenn man die ausklammert, beträgt der Standardmehrwertsteuersatz im Stiefelstaat immer noch 22 %. In Deutschland sind es 19. Der ermäßigte Steuersatz, der im Regelfall auf Lebensmittel und dergleichen anfällt liegt in Deutschland bei 7 %, in Italien bei 4. Allerdings macht Italien auch noch einen Zwischenschritt und verlangt auf Elektronikartikel und Medikamente immerhin 10 % Mehrwertsteuer.* Allerdings bezahlen die Italiener auch insgesamt höhere Steuern. So zum Beispiel auch auf’s Benzin, über das die Italiener bis heute Reparationen bezahlen, die eigentlich längst abgegolten sind. Und als Selbstständiger kann man schnell bei einem Steuersatz von 33 % landen.

Wenngleich Deutschland sicher alles andere als ein Steuerparadies ist und es dort auch Gründer und Kleinunternehmer bestimmt nicht einfach haben, in Sachen Steuern sollten sie Deutschland mit Blick auf Italien ein wenig mehr wertschätzen.

10. Die Deutschen kaufen mehr regionale Lebensmittel

Das ist ein Ergebnis, das mich persönlich sehr überrascht hat. Da denkt man, gerade in Süditalien, wo an jeder Ecke Märkte stattfinden und Kleinbauern an den Straßenecken Direktverkauf (ohne Kassenzettel natürlich) betreiben, würde der Regionalität von Lebensmitteln ein höherer Stellenwert eingeräumt, aber tatsächlich hat Deutschland da die Nase vorn. Zwar nimmt die Nachfrage nach regional hergestellten Produkten auch in Italien und besonders im Süden des Landes zuletzt immer weiter zu und knapp 70 % der Italiener gibt auch an, sie wären bereit, für lokale Lebensmittel mehr zu bezahlen.* Aber die Deutschen legen da direkt noch mal fast 10 % drauf. Laut dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ist Regionalität 78 % der deutschen Konsumenten wichtig.* Jetzt kann man natürlich argumentieren, dass die Lokalität in Italien gerade auf Wochenmärkten sehr viel ausgeprägter ist, als die, mit der Lebensmittel in deutschen Supermarktregalen ausgezeichnet sind – und würde ich statt Statistiken und Zahlen mein Bauchgefühl zugrundelegen, hätten die Italiener gefühlt sicher die Nase vorn, wenn es darum geht, regional einzukaufen (man schaue sich da nur mal die langen Schlangen an den Frischfischbodegas und in den Käsereien an) -, aber dann muss man auch die Kaufkraft der Einwohner gegenüberstellen und viele weitere Faktoren mit einbeziehen, die ich hier der Einfachheit halber alle ausgespart hab. Würde auch wohl zu weit führen. Immerhin schreib ich hier nen Blog und keine Dissertation. 😉 Denn es ist auch klar: Das Label “regional” auf Bodenseeäpfeln, die in Karlsruhe im Rewe liegen, ist zumindest mal großzügig interpretiert. Würde ich also all das mit bewerten, könnt ich mir vorstellen, es käme ein anderes Ergebnis heraus. Aber belassen wir es vorerst doch einfach mal bei blanken Zahlen und gönnen Deutschland im Vergleich zu Italien diesen schicken Pluspunkt in Sachen Ernährungsbewusstsein, oder?!

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