Das Kastell von Sannicandro

Innenhof im Kastell von Sannicaro

Im Herzen der mittelalterlichen Altstadt eines kleinen, unscheinbaren Örtchens mit Namen Sannicaro di Bari, erhebt sich, umgeben von den charakteristischen Häusern aus typisch creme-weißem Kalkstein, wie sie in Apulien überall in den historischen Zentren erbaut worden sind, ein hochherrschaftliches, normannisch-schwäbisches Kastell. Bis ins 19. Jahrhundert, genauer gesagt, bis 1836 war die Burg noch von ihrem ursprünglichen Wassergraben umgeben, der erst in jenem Jahr trocken gelegt, aufgeschüttet und begehbar gemacht wurde. Das Kastell von Sannicandro ist deshalb so besonders, weil es aus zwei Teilen besteht, die in zwei weit auseinander liegenden Epochen konstruiert wurden. Der byzantinische Teil und der Staufer’sche Teil, der in den bestehenden Grundriss des byzantinischen Kastells integriert wurde. Der Bau der Burg geht auf das Jahr 916 zurück, angeordnet vom byzantinischen General Niccolo Piccingli, um Apulien gegen die Sarazenen zu verteidigen. Errichtet wurde das Kastell am Rande der Ruinen des antiken Castel Mezardo im nördlichen Teil des Ortskerns von Sannicandro. Der ursprüngliche Kern des byzantinischen Baus bestand aus einer robusten, mit sechs Türmen befestigten Burgmauer, die trapezförmig um das Kastell von Sannicandro angelegt wurde.

Fresken im Kastell von Sannicaro

Die Normannen im Kastell von Sannicandro

Auf den Mauern des byzantinischen Kastells, haben die Normannen vier Ecktürme errichtet und sie über solide Mauern mit vier innenliegenden, zentralen Türmen verbunden. An der östlichen Seite des größten Turmes wurden ein breiter Wassergraben und eine Zugbrücke angelegt, die die Burg isoliert und abgesichert haben. Am Schutzwall des nördlichen Innenhofes wurde der freiherrliche Palazzo angelegt, der über einen Fluchtweg mit der ebenfalls von den Normannen erbauten Kirche San Giovanni verbunden war. Der letzte normannische Baron, der zwischen 1150 und 1170 über das Kastell von Sannicandro herrschte und diesen Palazzo bewohnte, was Guglielmo De Tot. Als 1087 die Baresen die sterblichen Überreste des Heiligen Nikolaus von der Türkei nach Bari, sagen wir mal freundlich, importiert haben, wurde im Innern des Kastells direkt eine dem Schutzpatron Baris gewidmete Kapelle erbaut.

Andachtsnische mit Fresko im Kastell von Sannicaro

Das Kastell unter den Staufern

Aus der Staufer’schen Epoche liegen nur wenige Informationen über die Ereignisse vor, die sich im Kastell von Sannicandro zugetragen haben. Die Zentralisierung von Macht und Politik unter den Staufern, sowie die ausgesprochene Ungeduld Friedrichs II. gegenüber seinen Lehnsherren, geben Grund zur Annahme, dass die Burg in Sannicandro während der Regierungszeit der Staufer von keinem Lehnsherren bewohnt und / oder verwaltet wurde. Trotz, dass das Kastell von Sannicandro unter der Herrschaft Friedrichs II. zunehmend an Bedeutung verlor, während das Castello di Bari Dreh- und Angelpunkt von Politik und Wirtschaft wurde, hat der Stauferkaiser den byzantinischen Bau 1242 um den äußeren Teil erweitern und ergänzen lassen. Wohl, um daraus eine befestigte Residenz zu machen.

Der zentrale normannische Turm wurde abgerissen, um Platz zu schaffen für den freiherrlichen Wohnbereich mit seinen drei beeindruckenden zweibogigen Fenstern, der zum Schutz rechts und links von zwei trutzigen Türmen eingesäumt war. Im dicken Gemäuer, im Schutz einer der Türme, wurde die Falknerei eingelassen, unzugänglich und ohne Tageslicht, so wie es der Kaiser höchstselbst in seinem Traktat “De arte venandi cum avibus” (Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen) festgelegt hatte. Unter dem Palazzo wurde ein unterirdischer Fluchttunnel gegraben, der ins offene Feld Richtung Grumo-Bitetto führte. Während der schwäbischen Herrschaft über Süditalien war das kleine Kastell von Sannicandro mit sage und schreibe neun Wehrtürmen verstehen.

Fresken im Außenbereich des Kastell von Sannicandro
Fresken im Außenbereich des Kastells

Das Haus Anjou im Kastell von Sannicandro

Der Beginn der Herrschaft des Hauses Anjou in der Region, war für die Geschichte Sannicandros eine Kehrtwende. 1304 ging das Kastell von Sannicandro auf Geheiß des Königs Karl von Anjou in den Besitz der Basilika San Nicola in Bari über. Während der gesamten Zeit, in der die Burg der Kirche gehört hat, war sie nie bewohnt, da der Prior am Königshof in Neapel residierte. Darum wurde sie als Verwaltungssitz für die Hofstelle des Baronats verwendet – in einigen Räumen im Erdgeschoss wurde eine Ölmühle und eine Ölpresse eingebaut. Die Verwaltungshoheit der freiherrlichen Priore von San Nicola di Bari dauerte 500 Jahre lang an, bis König Guiseppe Bonaparte 1806 den Feudalismus abschaffte und das Lehnsgut, das das Kastell von Sannicandro nun einmal war, in die Hände privater Eigentümer übergab.

Spuren unterschiedlicher Epochen im Gemäuer vom Kastell von Sannicaro
In der Bausubstanz verbergen sich Spuren unterschiedlicher Epochen

Das Kastell in Privatbesitz

Private Eigentümer und Bewohner des Kastells haben in einigen Teilen der Burg nicht unerhebliche Baumaßnahmen vorgenommen. So wurden etwa Zwischenwände hochgezogen, historische Fresken überpinselt und der abgesenkte Etagenboden, der zwischen Zimmerdecke und Dachbogen angebracht war, entfernt. Ebenso wie die antiken Kamine, die die großen Räumen des Kastells einstmals beheizten.

Mittlerweile ist die Burg längere Zeit nicht mehr bewohnt und dient als lokales Museum und Veranstaltungsort – etwa für historische Spektakel wie “Nacht der Tempelritter” oder auch für private Events, die im ehemaligen Marstall ausgerichtet werden.

Der Eintritt kostet zwischen 2,50 € und 3,00 € pro Person und beinhaltet eine ca. 15-minütige Führung auf Italienisch. Eine ausführlichere Führung dauert etwa eine, anderthalb Stunden, kostet aber auch stattliche 15,00 € pro Erwachsenem. Als Gruppe mit mindestens 10 Teilnehmern kostet die lange Führung – wenn ich mich richtig entsinn – 30,00 oder 35,00 € und kann bei Voranmeldung auch auf Deutsch oder Englisch bestellt werden.

Allein als Besucher kann man das Kastell von Sannicandro nicht besichtigen, das liegt teilweise daran, dass manche Aufgänge abgeschlossen sind oder unmittelbar vor und nach Veranstaltungen im Marstall als Lager für Tische und Stühle verwendet werden. Teilweise liegt’s sicher aber auch daran, dass das Kastell nur durch ein bisschen Mehrinfo überhaupt interessant wird. Und die haben nun einmal die Guides parat. Die verraten dann eben so spannende Sachen, wie, dass neben den Kaminen Nischen in die Wände eingelassen wurden, in denen die Burgherren und -fräuleins ihre Kleider vorwärmen konnten und ebensolche Einlassungen im Bad als Regale für Kerzen, Duftöle, Gewänder und Tücher verwendet wurden.

Laut unserem Guide soll das Kastell von Sannicandro in den nächsten Jahren noch mehr Museumscharakter erhalten und das Angebot für Besucher erweitert werden. Für einen Abstecher lohnt sich’s aber auch jetzt mitunter schon, denn die Atmosphäre ist wenig touristisch und herrlich unaufgeregt. “Mitunter” deshalb, weil Sannicandro di Bari nicht so richtig ans Verkehrsnetz des ÖPNVs angebunden ist. Es soll wohl zwar Busverbindungen geben, die die Strecke Bari — Sannicandro bedienen, aber ich konnte das über keine der offiziellen Seiten der unterschiedlichen Verkehrsbetriebe verifizieren. Mit dem Auto ist es dafür aber gut erreichbar, denn Sannicandro di Bari liegt nur knapp 15, 20 Kilometer westlich von Bari.

 

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