Ein Ausflug in die Provinz Bari:
Spaziergang durch Altamura

Dass ich Altamura gern noch besuchen wollte, hab ich ja bereits in meinen Reiseplänen für das Jahr 2018 (!) angekündigt gehabt. Leider ist das letzte Jahr verstrichen, ohne dass ich dieses Vorhaben umsetzen konnte. Nun gab es im April in Altamura ein Stadtfest, das unter dem Titel “Federicus” lief und eine Art lebendiges Mittelalterspektakel hinter den namensgebenden hohen Mauern des historischen Stadtzentrums darstellt. Ein Hauch Mittelalteratmosphäre legte sich über die Mauern und wehte durch die verflochtenen Straßen und Gassen. Buntes Treiben überall, handgefertigte Produkte aus Oliven und Keramik, antikes Kunsthandwerk wie Kerzenziehen, Schmuck im mittelalterlichen Stil, an die Tradition angelehntes Essen und lokale Spezialitäten bestimmten vier Tage lang das Leben in Altamura. Wobei eine Hüpfburg, deren Eingang der geöffnete Mund eines aus Pressspan ausgesägten Antlitz’ Friedrichs II. darstellte, einer gewissen Komik nicht entbehren konnte. Aber sonst war alles ziemlich seriös und authentisch gemacht. 😉

Federicus in Altamura

Das viertägige Federicus-Stadtfest fand 2019 Ende April statt und umfasste neben zahlreichen Ständen überall in den engen Gassen und Innenhöfen der Altstadt auch Umzüge von Kreuzrittern und Musikkapellen, sowie unterschiedliche Aufführungen. Dabei waren die einzelnen Teile der Altstadt in verschiedene “Lager” geteilt. In einem Straßenzug war das Sarazzenenviertel untergebracht, im anderen hatten die Staufer ihr Lager aufgeschlagen, es gab orientalischen Bauchtanz zu bestaunen, ebenso wie kunstvolle Kostüme und allerlei traditionelles Handwerk zu bestaunen und zu erwerben. Während des Federicus-Events war Altamura so proppenvoll, dass es kaum ein Vorwärtskommen gab und man sich einfach von den wahren Menschenmassen, die sich durch die größte Altstadt der Provinz Bari drängten, mitschieben lassen musste.

Mein Tipp:

Wenn ihr 2020 im Frühjahr nach Apulien und / oder Bari reisen solltet, schaut mal auf dieser Website nach, wann das Federicus fürs kommende Jahr geplant ist. Die Vorbereitungen sind wohl schon wieder angelaufen, es ist also ziemlich sicher, dass das Stadtfest wieder veranstaltet wird, aber ein konkreter Termin ist (Stand: 5/2019) noch nicht bekannt. Es hat auf jeden Fall seinen Reiz, besonders für Freunde und Kenner des Mittelalters und der Geschichte. Mir persönlich war’s nen Ticken zu voll, aber insgesamt ist es unbedingt einen Besuch wert. Vielleicht passt euer Reisetermin ja mit dem Veranstaltungsdatum zusammen?! Dann lohnt sich die Anreise, die ihr mit Bus (Pugliaairbus ab dem Flughafen) und Bahn (vom Hauptbahnhof Bari zum Flughafen mit den Ferrovie Nord-Barese) in anderthalb Stunden zurücklegen könnt, auf jeden Fall. (Mit dem Auto ist es eine knappe Stunde, davon würde ich während des Stadtfests aber eher abraten, denn einen Parkplatz zu finden, dürfte reichlich schwierig werden. Aber vielleicht habt ihr auch Glück und findet am Ortsrand einen. Die Zufahrt hoch auf den Berg, auf dem die Altstadt Altamuras thront, ist dann ohnehin nur Anliegern gestattet, und selbst die müssen einen Umweg nehmen.)

Altamura Stadtmauer

… Zurück nach Altamura

Weil ich bei dem Gewühl und Gewimmel während des Stadtfestes lieber darauf verzichtet habe, verwackelte Bilder mit den Hinterköpfen fremder Personen zu machen, hab ich den Besuch meiner Tante und meinen anstehenden Wegzug aus Bari bzw. Bitonto zum Anlass genommen, Altamura nach dem Federicus noch mal in Ruhe zu besuchen.

Die Stadt ist Mitglied in zwei Verbänden und trägt damit sowohl den Titel als eines der Borghi Autentici dell’Italia, als auch den Beinamen Stadt des Brotes (Città del Pane). Brot aus Altamura ist seit 2005 mit dem DOP-Siegel versehen, was ihm eine ziemlich einzigartige Stellung in der Brotvielfalt Italiens verleiht. Das Brot besteht aus Hartweizengrieß, der mit Wasser und Hefe im Holzofen gebacken wird. Die Legende besagt, dass in den Nachkriegsjahren die Hausfrauen den Teig daheim angesetzt haben und die Bäcker von Haus zu Haus zogen, um die Teiglinge einzusammeln und sie zu backen. Bevor die Rohbrote in den Holzöfen verschwanden, wurden sie mit einem Familienemblem versehen, damit man sie später zuordnen konnte und das gebackene Brot wieder zurück zu den Haushalten bringen konnte, in denen der Teig gemacht worden war.

Brot ist in Altamura eine Gaumenfreude für Fans lokaler Produkte und traditioneller Küche. Denn selbst altbackenes Brot wird nicht einfach entsorgt. Stattdessen entsteht eine Spezialität mit Namen Cialda Fredda daraus. Dabei wird das Brot vom Vortag mit Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Cime di Rapa (Rübstiel), Oliven und Olivenöl vermengt und einige Zeit stehen gelassen, bevor es kalt serviert wird. Wer lieber was Warmes essen will, sollte auf Pane Cotto zurückgreifen. Ebenfalls ein Hauptgericht aus Brot, bei dem das Brot in Stücken gemeinsam mit saisonalem Gemüse in Salzwasser gekocht wird. Vor dem Essen wird der Eintopf mit Pecorino bestreut – im Idealfall natürlich regionalem.

Wer dann gestärkt genug ist, kann sich auf machen, das historische Zentrum des Stadt zu erkunden.

Altamura Stadtzentrum

Die Altstadt Altamuras

Das historische Stadtzentrum Altamuras ist noch heute Heimat für knapp 3.200 Bewohner. Umschlossen von hohen Mauern, die hier und da von Stadttoren unterbrochen werden, wirkt die Altstadt wie eine befestigte Bastion, wie eine Stadt in der Stadt. Denn der Rest von Altamura wurde um die mittelalterlichen Burgmauern herum errichtet, wodurch sich das Zentrum natürlich sichtbar und unverkennbar vom modernen Rest Altamuras absetzt. Mehr als 12.000 Hektar Land rund um das Stadtgebiet liegen im Nationalpark Alta Murgia – damit ist Altamura auch eine tolle Ausgangsstation für Wanderungen und naturnahen Urlaub in Apulien.

Besucher und Touristen lassen sich vor allem vom archäologischen Erbe und der architektonischen Schönheit des Stadtzentrums begeistern.

Sehenswürdigkeiten in Altamura

Altamura Kathedrale

Neben einem ausgedehnten Spaziergang durch die verzweigten Gassen der Altstadt selbst, dürfen natürlich auch ein paar Sehenswürdigkeiten auf eurem Rundgang nicht fehlen. Die wichtigste davon ist selbstredend die Kathedrale. Der umgangssprachlich auch Dom genannte Kirchbau wurde 1232 von Friedrich II. in Auftrag gegeben. Von anderen Staufer’schen Kathedralen, etwa der Basilica di San Nicola in Bari, hebt sich die Cattedrale di Santa Maria Assunta in Altamura dadurch ab, dass hier der gotische Stil besonders klaren Ausdruck erhält: klare Formen, detailreiches und feines Dekor mit orientalischen Einschlägen charakterisieren etwa die zweibogigen Fenster der Fassade, die Verzierungen und Skulpturen am Eingangsportal sind schon beim Vorbeigehen ein Blickfang und in die Bögen wurden 22 unterschiedliche Szenen aus dem Leben Christus eingemeißelt.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Ausrichtung der Kathedrale verändert, aber es ist nicht ganz klar, ob das während des Wiederaufbaus der Kathedrale in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts unter Roberto von Anjou (sie war bei einem Erdbeben 1316 großteils eingestürzt) oder zwischen 1521 und 1547 geschehen ist. Jedenfalls zeigte die Kathedrale ursprünglich in Richtung Gravina in Puglia. Unter französischer Herrschaft des Hauses Anjou wurde der Haupteingang dann nach Norden verlegt, der heute in Richtung des Domplatzes (Piazza Duomo) weist. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts veranlasste Karl V. von Habsburg den Bau eines zweiten Glockenturms, den Ausbau des Altarraumes und die Errichtung der heutigen Sakristei, einschließlich der Einbindung des Wappens der Habsburger (versteht sich). Im 17. Jahrhundert wurde dann die kleine Loggia zwischen den Glockentürmen mit den Statuen der Hl. Mutter Gottes zwischen dem Hl. Pietro und dem Hl. Paolo ergänzt, sowie die Glockentürme selbst fertiggestellt und der Innenraum mit Marmor ausgestattet.

Altamura Kathedrale EingangWenn ihr euch bereits in der Kathedrale befindet, so gilt auch die monumentale Orgel dort als echte Sehenswürdigkeit in Altamura. Realisiert sollen das Instrument mit seinen 29 Pfeifen Orgelbauern aus Turin. (Die Hinweise verdichten sich, scheinbar wird die Stadt längst zu meinem Schicksal – aber dazu ein ander Mal mehr…^^) Außerdem beherbergt der Dom von Altamura noch zwei Leinwandgemälde, die man aus kunsthistorischer Sicht wohl getrost als Sehenswürdigkeiten bezeichnen kann: die Konvertierung des Hl. Paulus von Domenico Morelli und die Maria Magdalena von Francesco Netti.

Zu den weiteren Highlights in Altamura zählt der Wallfahrtsort Madonna del Buon Cammino, der 1747 dort errichtet wurde, wo einst eine “Straße” Altamura mit Bari verbunden hat. Heute ist die Kapelle von den Wäldern und Wiesen der Murgia umgeben, durch die sich oft einsame und versteckte Wege schlängeln. Ideal also für ein bisschen Einkehr und einen Spaziergang durch die Natur im Nationalpark Alta Murgia. Wenn ihr aber vorerst gerne mal in der Stadt bleiben wollt, so findet ihr auch dort weitere kleinere und größere Sehenswürdigkeiten. Altamura kann etwa mit einer unterirdischen Kirche aufwarten, die seit zwei Jahrhunderten nicht mehr wirklich genutzt wird, außer zu Besichtigungszwecken. Sie ist die älteste Kirche in Altamura und geht auf das 11. Jahrhundert zurück.

Altamura

Weitere religiöse Sehenswürdigkeiten in Altamura sind die Chiesa della Madonna del Rosario, die Chiesa del Sacro Cuore, die Chiesa di San Giovanni Bosco, die der Santa Maria della Consolazione, die des Hl. Nikolaus und der Santissima Trinità.

Wer zur Abwechslung gerne mal Einblick in anthropologische und archäologische Sehenswürdigkeiten hätte, sollte den Uomo di Altamura kennenlernen. Dabei handelt es sich um die fossilen Überreste eines Menschen, die in der Höhle von Lamalunga gefunden wurden. DNA-Untersuchungen lassen vermuten, dass es sich höchstwahrscheinlich um einen Neandertaler handelt, die Ergebnisse müssen aber noch verifiziert werden. Der “Mensch von Altamura” ist aber nicht die einzige Spur, die auf eine sehr weit zurückreichende Vergangenheit dieser Gegend hinweist. Nur vier Kilometer außerhalb der Stadt wurden, wiederum in einer kleinen Höhle, in Kalkstein eingeschlossene und darum wunderbar konservierte Fossilien von Dinosauriern gefunden. Eine Anlaufstelle für kulturhistorisch und anthropologisch interessierte Besucher, ist das Ethnografische Museum der bäuerlichen Gesellschaft (Museo Etnografico della Civiltà Contadina). Dort wird das altertümliche Leben der schon seit jeher auf Landwirtschaft angewiesenen Bevölkerung Altamuras in Ausstellungsobjekten erleb- und erfassbar gemacht. Objekte aus dem Kunsthandwerk, der Agrikultur, der Schäferei und dem Weinbau, sowie traditionelle Kleidungsstücke, antike Spiele und Spielzeuge, spiegeln das bäuerliche Leben in und um Altamura zwischen 1800 und 1930. Im Bibliotheksarchiv im Museo Civico (A.B.M.C.) gibt es mehrere Hundert Bücher aus dem 15. und 16. Jahrhundert, Pergamente, Manuskripte, Fotografien und architektonische Gemälde aus dem 19. und 20. Jahrhundert zu entdecken.

Nicht zuletzt gibt es in Altamura auch noch Tropfsteinhöhlen, die Grotte di Altamura. Die Grotta del Lesco und die Grotta di Sant’Angelo liegen beide entlang der SS 96, die Altamura mit Bari und Gravina in Puglia verbindet. Dazwischen und drumherum finden sich immer kleinere Felsspalten und Karstbrunnen, von den Einheimischen Grave oder Gurghi genannt. Auch hier noch mal abschließend der Hinweis darauf, dass sich der umliegende Nationalpark Alta Murgia ideal für ausgedehnte Wanderungen und Radtouren eignet.

Übrigens…

Altamura liegt nur rund 20 km Luftlinie von Matera entfernt, die 2019 zur europäischen Kulturhauptstadt gekürt worden ist und unbedingt auf einen Besuch von euch wartet. (Das tut sie aber natürlich auch 2020, 2021, 2022, 2023, 2024, 2025 … und sogar danach noch. 😉 )

Altamura

8 Comments

  1. Das ist immer so schön, wenn ich deine Italien Bilder sehe und die passenden Geschichten lese. Doch leider ist es so weit weg. Oder besser gesagt, zu weit um einfach mal ein Wochenendtrip hin zu erleben.
    Ok, dann träume ich dank dir einfach ein bisschen vom Land meiner Kindheit.

    Liebe Grüße, Katja die https://auszeitgeniesser.de

  2. Ich bin ein riesengroßer Italien Fan! Vielen Dank für deine Eindrücke … da möchte ich auch mal hin. Das ist genau nach meinem Geschmack :-)!

    lg
    Verena

  3. Sooo viel schönes zu sehen bei dir von Italien. Da kann man sich kaum entscheiden was man als erstes nachahmen möchte 🙂 danke für den mittelalterlichen Ausflug. Liebe Grüße Kim

  4. Danke für den feinen Tipp! Habe ich mir gleich notiert! Ich liebe Italien und bin auch gerade am Weg. Zwar nur für zwei Nächte nach Lignano, – also leider ohne schöne Altstadt – aber besser als Nichts …

    Liebe Grüße,

    Doris

  5. Altumara sieht nach einem tollen Reiseziel aus. Ich bin ein wirklicher Fan lokaler Produkte, was ebenfalls für einen Besuch spricht.
    Alles Liebe
    Annette

  6. Das sind tolle Impressionen und ich liebe die diese alten Gemäuer, die man in Italien noch finden kann.
    Liebe Grüße
    Anja von Castlemaker.de

  7. Du stellst immer wieder interessante Orte in Italien vor – danke dafür! Irgendwann schaffe ich es auch mal wieder mit einer Italien-Reise. Dieses Jahr ist leider nichts geplant – aber vielleicht 2020.
    Liebe Grüße
    Cornelia

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