Wird MOSE Venedig vor der Klimakatastrophe retten können?

Sicher habt ihr auch die Bilder gesehen, die sich derzeit quer durch alle europäischen Medien hindurch die Klinke in die Hand geben: Wieder einmal droht Venedig in den herbstlichen Wassermassen zu versinken und zeigt eindrücklich, was passiert, wenn man im Namen des Kreuzfahrttourismus’ bereit ist, seine Stadt den Naturgewalten und Klimaveränderungen auszuliefern. Statt die Häfen auszulagern, eine Obergrenze einzuführen oder sich andere Lösungen zu überlegen, wurden die Kanäle vertieft, damit die Ozeangiganten und mit ihnen die Wassermassen aus dem Meer noch ungehinderter noch näher an der ohnehin zu zerbröseln drohenden Bausubstanz der Lagunenstadt vorbei möglichst zentral ihre Heuschrecken, Entschuldigung, Tagestouristen, in die Stadt spucken können.

Um weiteren, von Kreuzfahrtdampfern und klimabedingt steigenden Wasserpegeln verursachten Millionenschäden und kaum noch nachzukommenden Reparaturen Einhalt zu gebieten, wurde bereits 2003 mit dem MOSE-Bau begonnen. (Ein Vorgängerversuch aus den Achtzigern hätte Mitte der Neunzigerjahre fertiggestellt werden sollen und ging wohl in den Fluten der Kanäle unter.)

MOSE (dürfte wohl bewusst in Anlehnung an den das Meer spaltenden Gottesdiener aus dem Alten Testament gewählt worden sein) steht für MOdulo Sperimentala Elettromeccanico. Im Grunde genommen eine Art Schleusenbarriere, die die Kanäle Venedigs vor dem steigenden Meeresspiegel und den damit verbundenen Salzwassermassen schützen soll. MOSE hat nur ein Problem, das er sich mit dem BER teilt: er wird und wird nicht fertig, verschluckt aber von Jahr zu Jahr mehr und mehr Geld. Bislang 6 Milliarden. Kein Wunder, dass die Hochwasser, die gerade die Medien landauf landab beherrschen (Matera hat auch abgekriegt, Kalabrien, Piemont, Ligurien, usw.) zwangsläufig die Sprache auf MOSE brachten, der die Touristenstadt doch vor dem schlimmsten bewahren soll.

Allerdings weiß keiner, wann das Flutschutzsystem nun letztendlich funktionieren soll und ob es überhaupt funktionieren wird. Der Präsident der Region Venetien Luca Zaia sagt im TV-Interview wortwörtlich: „Hoffen wir, dass es funktionieren wird.“ und kreuzt dabei die Finger.

Jetzt ist der Umstand, dass die Barriere gegen den steigenden Wasserspiegel schon 6 Milliarden verschluckt hat, nicht das einzige Problem. Auch die Konstruktion ist nicht durchdacht.

  • Wichtige Hydraulikbauteile befinden sich unter Wasser und sind bereits jetzt vom Salz des Meerwassers korrodiert. Ingenieure, die die Wasserschranke aus Rotterdam – wohl das berühmteste Schleusensystem dieser Art in Europa – als effizienter, leichter zu warten und kostengünstiger auf das Lagunen- bzw. Kanalsystem Venedigs zu übertragen anpriesen, erfuhren von den verantwortlichen Stellen ausschließlich Ablehnung. In Rotterdam gäbe es Probleme mit der Schleuse, war die Antwort. Jau, weil MOSE keine macht. 😉
  • Die MOSE-Schleuse ist darauf ausgelegt, sich im Jahr 10, 20, 30 Mal zu schließen. Da jedoch der Meeresspiegel in den nächsten Jahren um zu erwartende 50 cm steigen wird, kann Venedig nur dann sachgerecht geschützt werden, wenn die Schleuse in der Lage ist, sich bis zu 3, 400 Mal im Jahr – also fast täglich – öffnen und schließen zu lassen. Wäre das nicht möglich, müsste die Schleuse tageweise ohne Öffnungen gesperrt bleiben. Das aber führt zu neuen Problemen.
  • Eine längerfristige Sperrung würde den Schiffsverkehr behindern. (Die armen Kreuzfahrttouristen wären dann entweder dazu verdammt, mit einem Blick vom Schiff auf Venedig vorlieb zu nehmen oder müssten gar mehrere Tage in der Lagunenstadt vor Anker bleiben. Dramatisch!)
  • Viel wichtiger finde ich – und damit bin ich nicht allein -, dass eine solche Schleusenschließung das Eindringen von Meerwasser in die Lagunen Venedigs so stark reduzieren oder gar vollständig blockieren würde, dass sich das Ökosystem nachhaltig verändern würde. Weil es nicht reicht, dass das Klima Italien bereits verändert hat, muss man da auch noch mit so halbgaren menschengemachten Ideen zwischenfunken. Top!

Plan C bis Z: Venedig anheben

Es gibt ja dies schöne Bonmot von Steve Jobs: Diejenigen, die verrückt genug sind, zu glauben, sie könnten die Welt verändern, tun es auch. Das könnte so auch auf Guiseppe Gambolati, Professor für Ingenieurwesen an der Universität von Padua, zutreffen. Er sagt, Venedigs Probleme sind zwei:

  1. die Stadt sinkt stetig ab und
  2. die Meeresspiegel steigen.

Zwischen den Fünfziger- und den Siebzigerjahren wurde das Grundwasser aus dem Erdreich unterhalb der Stadt abgepumpt, wodurch sich dieses sich verdichtet hat und so um bisher stolze 11 Zentimeter gesunken ist. Samt der Stadt, die auf ihm ruht.

Der Gedanke Gambolatis ist nun, begleitend zu MOSE, das in den letzten Jahrzehnten abgepumpte Süßwasser aus dem Terrain unterhalb der Stadt mit riesigen Pumpen durch Meerwasser zu ersetzen, sodass das Erdreich bzw. die Stadt wieder angehoben wird. Dazu müssten 12 Riesenpumpen kreisförmig um Venedig herum ins Erdreich getrieben werden und das Meerwasser 650 m bis 1 km tief ins Erdreich pumpen. Der Überdruck, den das Wasser unter bzw. zwischen den Erdschichten aufbauen würde, würde Venedig in 10 Jahren um bis zu 30 cm anheben.

Das würde wiederum auch der doch reduzierten Einsetzbarkeitsfrequenz MOSEs zugute kommen, der darauf ausgelegt ist, seine Schleusen zu schließen, sobald der Meeresspiegel auf 110 cm steigt. Durch die um 30 cm angehobene Lagunenstadt könnte die Schleuse sogar einen auf 140 cm gestiegenen Meeresspiegel händeln. Für seinen Vorschlag hat der Professor vom internationalen Komitee großen Zuspruch erhalten – vor allen Dingen in Sachen Realisierbarkeit, wie er betont.

Warum also ist diese verrückt klingende, aber nach internationaler Fachmeinung durchaus machbare Lösung nicht umgesetzt worden? Ein Stichwort: Lobbyismus. Professor Gambolati meint, sein Projekt wäre zu günstig gewesen! Aufgrund seines Preises von 200 bis 220 Millionen Euro wäre das Vorhaben von Lobbyisten blockiert worden. Tja, im Vergleich zu 6 Milliarden, klar, da verdienen viele Menschen viel zu wenig Geld an einem Pumpensystem, das Venedig um ein paar Zentimeter im Jahr anhebt.

Nun ist aufgrund der neuerlichen Überschwemmung Venedigs MOSE ja wieder in aller (italienischen) Munde. Klar. Und angeblich soll er nun doch wirklich endlich fast zu 90 Prozent fertiggestellt und einsatzbereit sein. Der Professor glaubt daran nicht. Er meint, die vielzitierten 90 Prozent dürften sich wahrscheinlich auf die Struktur selbst beziehen. Der elektronische Teil aber, worüber MOSE gesteuert würde und der natürlich sehr viel sensibler ist, als all der Beton und all das (unter Wasser längst korrodierte) Metall, den hält Prof. Gambolati für lange noch nicht einsatzbereit.

Und während Korruptionsskandale, Konstruktionsfehler und Lobbyisten dafür sorgen, dass Venedig wahrscheinlich auch nächstes Jahr wieder im Regen und Kanalwasser versinkt, verändert sich das Klima in Venedig wie überall anders auch zuverlässig, sodass man die Lagunenstadt in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht nur noch mit Tauchschein besichtigen können wird.

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